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Das Flusspferd, das Posaune blies
Leseprobe Drachen Fliegen - Ein fast realistisches Märchen
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Titel
Das Flusspferd, 
 das Posaune blies
von 
Matthias Czarnetzki

Smashwords Edition

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Das Flusspferd, das Posaune blies
Die Nacht kommt schnell über die Ufer des Nils, so wie sie in allen Ländern des Südens den Tag verdrängt. Lautlos wischt sie die drückende Hitze von den endlosen Ebenen der Wüsten, während die Sonne im letzen Aufbäumen den Himmel rot färbt. Die Schatten der Tiere heben sich vom Horizont ab, werden größer und vermischen sich mit der kurzen Dämmerung, bevor die Dunkelheit sie verschluckt. Von der angenehmen Kühle hervorgelockt, verlassen Menschen und Tiere ihre schattigen Unterkünfte, die einen, um ihr Tageswerk abzuschließen, die anderen, um ihre Jagd zu beginnen. 
Lagerfeuer werden angezündet, Menschen sitzen beieinander und beginnen Geschichten zu erzählen. Die Tiere der großen Herden drängen sich zusammen, um sich Wärme und Schutz zu geben. Die Zeit wird ruhiger und verliert die Hektik des Tages, außer bei den Moskitos, die die Zeit nicht verstehen und sirrend ihre Opfer suchen.
Dann beginnt die Musik. Zuerst zupfen die Grillen und Zikaden die Saiten und spielen ihre klagenden, sehnsuchtsvollen Lieder, die von ihrer Suche nach der einen Liebe handeln. Das letzte Brüllen eines Löwen trifft auf das unhörbare Klicken der ersten Fledermäuse, die ihren Weg durch die Nacht finden. Das höhnische Lachen der Hyänen schallt weit und löscht für einen kurzen Moment alle anderen Geräusche aus. Die Vögel hören auf zu streiten und singen leise ihre Abendlieder.
Nur an einer Stelle über dem Fluß ist es still und fast nichts regt sich. Ein Vogel schnellt über das Wasser und verschwindet im aufgesperrten Rachen des Krokodils. Das Flusspferd liegt regungslos im Wasser, nur die Nase noch zu sehen und die Ohren, die auf das Ufer gerichtet sind und manchmal aufmerksam zucken. 
"Was hast du?" fragt das Krokodil. Das Flusspferd und das Krokodil sind keine Freunde, aber Nachbarn und das Krokodil ist satt genug, um jetzt auch anderen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken. 
"Nichts", sagt das Flusspferd und dreht sich weg. 
"Dieses Nichts macht dir Kummer", sagt das Krokodil. 
"Hörst du das?" fragt das Flusspferd leise. Das Krokodil lauscht. 
"Nein, ich kann nichts hören bei diesem Lärm." 
"Musik", sagt das Flusspferd, "das ist Musik." 
"Das macht mich auch krank." 
"Ich kann keine Musik machen", sagt das Flusspferd. 
"Ich auch nicht", erwidert das Krokodil. 
"Aber dich fürchten alle... Mich lachen sie aus." Das Krokodil hat noch nie ein weinendes Flusspferd gesehen. 
"Wenn du eine Antilope frißt", schlägt es vor, "bekommst du eine Menge Respekt." 
"Das ist nicht das gleiche. Sie sollen mich ein wenig bewundern, etwas mögen... Spürst diese Lieder? Im Herzen?" 
"Nein", antwortet das Krokodil. Das Flusspferd hört ihm nicht zu. 
"Ich will auch so etwas können", sagt es nach einer Weile. "So etwas wunderschönes... Ich hab es mit Singen versucht, aber es klappt nicht." Dann taucht es den Kopf ins Wasser. Das Krokodil denkt nach und erinnert sich. Es ist ein langer Weg, aber die Mühe wert.
Erst am folgenden Abend ist es zurück. Quer im Maul trägt es ein glänzendes, verbogenes Metallrohr, breit an dem einem Ende, schmal am anderen. Das Flusspferd steht wieder an der Stelle im Fluss, an der es jeden Abend steht, und lauscht. Es dreht sich um, als sich das Krokodil nähert. 
"Was hast du da?" 
"Daait achen Chweieiner uchik", antwortet das Krokodil. Das Flusspferd betrachtet den Gegenstand genauer. 
"Bist du sicher?" Das Krokodil legt den Gegenstand vorsichtig ab. 
"Ich hab's selbst gesehen. Sie ziehen da und blasen da rein und dann macht es Musik." 
"Aha", sagt das Flusspferd und starrt nachdenklich darauf. "Und wie hast du es bekommen?" 
"Hab den Zweibeiner gefressen." 
"Du hast ihn gefressen!" keucht das Flusspferd. "Er hat Musik gemacht!" 
"Ich werd es nie wieder tun", beteuert das Krokodil. "Zu viele Knochen und zu wenig Fett." Dann verschwindet es. Die Reise hat hungrig gemacht.
Das Flusspferd sieht die Posaune an. Wenn sogar Zweibeiner damit Musik machen können - und Zweibeiner sind überhaupt nicht musikalisch, wie jedes Tier weiß - dann kann es jeder. Vorsichtig nimmt es das schmale Ende ins Maul und pustet. Eine Fontäne aus Wasser und Schlamm kommt aus dem anderen Ende, aber kein einziger Ton. Nocheinmal. Diesmal mehr Wasser, weniger Schlamm und ein klägliches Fiepen. Beim dritten Mal: kein Wasser, kein Schlamm aber ein satter, tiefer Ton, der ihm ins Herz geht. "Ja, das ist Musik." 
Das Flusspferd stellt fest, dass sich der Ton verändert, wenn es an der Schlaufe zieht. Es klemmt sich den Bogen zwischen die Vorderfüße und probiert es so. Es hängt die Posaune an einen Ast und probiert auch das. Es probiert einen wilden Tanz, bei dem die Schlaufe selbst in dem Rohr hin und her gleitet, um die richtigen Töne zu treffen. Es übt und übt und übt und übt, tagelang, wochenlang hinter den Wasserfällen, die alles übertönen. Und abends lauscht es an der alten Stelle der Musik, mit Zufriedenheit im Herzen. "Bald kann ich das auch", denkt es. Das Krokodil sieht das zufriedene Lächeln und denkt: "Die Sache mit der blöden Musik ist vergessen."
Bis zu diesem Abend. Das Flusspferd hat gewartet, geübt und probiert, bis es seine Musik gefunden hatte. Es wartet, bis die Vögel aufgehört haben zu streiten, bis sich die Ruhe der Nacht über die Savanne gelegt hat. Dann ist der Moment gekommen. Es holt die Posaune aus dem Versteck und das Krokodil denkt: "Oh nein!"
Das Flusspferd beginnt zu spielen. Das Lied, das es seit seiner Geburt in seinem Herzen trägt und das jetzt zum ersten Mal seinen Weg nach draußen findet. Das Lied schwebt über die weiten Ebenen und erzählt allen, die es hören, die Geschichte vom Flusspferd, das Posaune spielt.
Nachdem die letzten Töne in der Nacht verschwinden, bleibt es still über den endlosen Weiten. Sogar die Vögel vergessen zu singen.
Und das Krokodil weint.
***
Leseprobe Drachen Fliegen - Ein fast realistisches Märchen
Drachen Fliegen - Ein fast realistisches Märchen
Ferris ist ein Prinz alter Schule: um seine Prinzessin zu beeindrucken, muss er für sie einen Drachen töten. Das wird schwierig, denn es gibt nur noch ein einziges Exemplar.
Mariam ist eine moderne Prinzessin: emanzipiert, karrierebewusst und im Tierschutz engagiert. Wozu besonders der Schutz von Drachen gehört, von denen es nur noch ein einziges Exemplar gibt.
Bedauerlicherweise halten ihre Eltern die Beiden für das ideale zukünftige Regentenpaar.
***
Für alle, die es nicht lassen können und das Ende zuerst lesen - es steht gleich hier:
ENDE

Lange vor dem Anfang...
Knackende Äste kündigten einen Besucher an. Gelegentliche Flüche deuteten darauf hin, dass der Mann nicht ganz so problemlos vorankam, wie er es gehofft hatte. Besonders niedrige Äste hatten ihm in den letzten Tagen oft Kopfschmerzen bereitet. Er war sichtlich froh darüber, endlich aus dem dichten Unterholz herauszukommen, als er die Lichtung betrat. 
In den Forschungsberichten seiner Kollegen hatte er immer nur von großartigen Entdeckungen gelesen, aber nie davon, wie viel Natur einem dabei in die Quere kam. Und was einem nachts in die Hosenbeine krabbelt. 
Leider gehörte nichts davon zu einer neuen Spezies, die er nach Möglichkeit entdecken wollte. Diese Lichtung schien ebenfalls nichts Außergewöhnliches zu bieten. Er sah sich um. Am gegenüberliegenden Ende des Platzes war eine Höhle. Der Mann nahm seine Brille ab, putzte sie, setzte sie wieder auf und sah noch einmal hin. Es nützte nichts. Etwas schaute zurück.
Nachdem sich der Forscher von seinem Schreck erholt hatte, trat er näher heran, um seine Entdeckung zu begutachten. 
"Das gibt es nicht!" murmelte er fassungslos. 
"Was?" fragte das Wesen zurück. 
"Deine Spezies ist schon längst ausgestorben!" Das Wesen dachte kurz nach. 
"Da bin ich anderer Meinung", sagte es schließlich.
Der Wissenschaftler verbrachte den Nachmittag damit, seine Entdeckung zu vermessen, kategorisieren und einen klangvollen Namen dafür zu finden. Schließlich kritzelte er etwas auf eine Pappscheibe und gab sie dem Wesen. 
"Falls jemand kommt, zeig ihm das hier. Da steht, dass ich dich entdeckt habe." 
"Und das ich der letzte meiner Art bin." 
"Ja, genau. Lass dich nicht umbringen. Das wäre ein enormer Verlust für die Wissenschaft!" 
"Und für mich."
Leider gelang es dem Mann nicht, wieder in die Zivilisation zurückzukehren und seine Entdeckung der Menschheit mitzuteilen. Akademiker haben in freier Wildbahn nur sehr geringe Überlebenschancen - dieser starb an einer Tetanusinfektion, nachdem er sich an den Überresten einer in der Nähe der Lichtung liegenden, halb verrosteten Ritterrüstung verletzt hatte.
Was wieder einmal die Wichtigkeit von Vorsorgeimpfungen beweist.
Alles klar?
Dann kann's ja losgehen.

Es war kein besonderes Lied. Ein ganz normales Lied, so wie es jeder Mann singt, der am Ende einer durchzechten Nacht die Kneipe verlässt, bevor ihn der Gedanke an die wartende Ehefrau einholt. Es handelte von den Freuden des Lebens, der Liebe und besonders deren biologischer Details. Etwas eben, was man in jeder gemütlichen Kneipe erwarten würde. Nicht aber im Schlafzimmer einer minderjährigen Prinzessin.
Für den Schwips war Mariams Vater selbst verantwortlich. Er hatte ihr den Rotwein eingeflößt, um sie für den Festempfang lockerer zu machen. Beziehungsweise für den Prinzen Ferris, dem dieser Aufmarsch der Führungselite des Königreiches überhaupt galt. Gregor konnte ja nicht ahnen, wie locker seine Tochter werden würde. Und das sie über so umfangreiche Biologiekenntnisse verfügte. Gregors zweite Sorge galt der Frage, ob seine Tochter nur noch des Protokolls wegen mit Jungfrau Mariam angesprochen wurde.
Während seine Tochter nach ihrer Verbannung aufs Zimmer allen Ärger des Tages vergessen hatte, blieb Gregor nichts anderes übrig, als die Form zu wahren. Im Augenblick schaute er dem Grund seiner Sorgen in die Augen: Ferris, zukünftiger Thronfolger des Nachbarreiches Kafiristan. Der junge Prinz spielte eine große Rolle in Gregors Zukunftsvisionen: Sein Land grenzte im Osten an Gregors Reich und behinderte jede weitere Expansion. Dieses Problem schien eine einfache Lösung zu haben, nachdem Martin, der amtierende Nachbarkönig, Vater eines Sohnes und Gregor der einer Tochter wurde. Die Nabelschnüre waren noch nicht ganz durchtrennt, als die Hochzeit schon beschlossene Sache war.
Normalerweise ist die Sache mit Männern und Frauen ganz einfach: sie treffen sich und nach einer Weile heiraten die meisten. Bei Prinzen und Prinzessinnen ist es nicht ganz so einfach. Da muss die Hochzeit erst beraten, ausgehandelt und dann den zukünftigen Ehepartnern befohlen werden. Damit hat man die Landgröße verdoppelt und die Zahl der Opfer auf zwei begrenzt - kein Krieg zerstört weniger Menschenleben.
Leider gab es da ein winziges Problem: 
Mariam war siebzehn, bildhübsch, Thronerbin und äußerst halsstarrig. Als ihr Gregor sie vor einiger Zeit in die Kunst der Politik einführen wollte - besonders in die der Heiratspolitik - hatte sie ziemlich deutlich anklingen lassen, dass sie vor einer Ehe noch ein paar andere Kleinigkeiten geplant hatte: Studium, Karriere, Beruf und zwei oder drei Nobelpreise zum Beispiel.
Nur kurz später wurde das Problem konkret: Martin hatte beschlossen, seinen Sohn ebenfalls in die hohe Politik einzuführen. Ferris beugte sich dem Willen seines Vaters mit der Begeisterung eines Menschen, dem im Weigerungsfalle der Entzug jeglicher finanzieller Basis und eine Karriere beim Militär in Aussicht gestellt wurden. Daher absolvierte der Prinz eine Besuchsrunde durch die angrenzenden Länder, um sich den zukünftigen Kollegen vorzustellen. Langsam wurde Gregor bewusst, dass er seine Tochter ihrer Rolle im großen Theaterspiel des Lebens zuführen musste. Sie hielt nichts vom Theater.
Gregor versuchte es mit Psychologie. Am Mittagstisch begann er, von süßen kleinen Enkelkindern zu schwärmen. Mariam hatte mit einer sozialpolitischen Studie gekontert, nach der die Kinder von älteren Müttern im Leben besser abschneiden sollten, als die von zu jung in die Ehe gepressten Prinzessinnen.
Beim nächsten Mal zog er das Bild des Prinzen hervor und fragte, ob das ihr Typ sei. Sie erwiderte nach einem sehr kurzen Blick, dass dieses Bübchen sie überhaupt nicht interessiere. Und das der schon aussah wie ein Luftikus. Aufgeblasen und nichts dahinter. So einen Schwiegersohn sollte sich kein vernünftiger Vater wünschen. Gregor stöhnte. 
Schließlich setzte sie sich auf seinen Schoß und sah ihn mit ihren Unschuldsaugen an. 
"Papa", erklärte sie, "du bist so ein kluger und weiser König. Kluge und weise Menschen wissen, dass man gewisse Dinge lieber Frauen überlässt. Schwiegersöhne zum Beispiel. Wir wollen doch beide keinen Ärger mit meinem Zukünftigen, oder?" Bevor der König seine Gründe darlegen konnte, gab ihm Mariam einen Kuss auf die Wange, sagte: "Ich hab noch was vor!" und war verschwunden. Trotzdem wollte er sie heute beim Bankett vorstellen. Dabei hatte Gregor gehofft, dass ein klein wenig Alkohol sie etwas weniger widerspenstig machen würde und ihr das Glas selbst in die Hand gedrückt. In Ordnung, er hatte sie bisher vor Männern, Alkohol, Nikotin und anderen schädlichen Einflüssen bewahrt. Naja, dachte er bei sich, konnte ja keiner ahnen, dass sie sich an meine Verbote halten würde.
Gregor hatte schon immer gewusst, dass er seine Tochter irgendwann einmal vorteilhaft verheiraten musste, und er hatte in seiner Erziehungstaktik schon früh darauf hingewirkt, dass sie dem widerspruchslos zustimmen würde. Scheinbar hatte er versagt.
Die Prinzessin zeichnete sich durch einen besonders ausgeprägten Dickkopf aus, ein Erbe ihrer längst verstorbenen Mutter. Mariam war auch sonst deren genaues Abbild; als Gregor zum ersten Mal seine Frau traf, sah diese aus wie Mariam: smaragdgrüne Augen, langes, rotes Haar, elfenbeinweiße Haut, von schlankem Wuchs mit entsprechender Polsterung oben und unten. Eine Bilderbuchprinzessin eben. Mit der Kompromissbereitschaft eines Maulesels - und einem unüberhörbaren Gesangstalent. Sogar hier unten, im Festlärm, konnte Gregor sie hören. Inständig hoffte er, dass seine Gäste die alkoholvernebelten Arien nicht hörten. Denn die hätten sich bestimmt gefragt, wo hier eine Sauforgie stieg. Und was der schnellste Weg dorthin wäre.
Dem Wesen war langweilig. Vor allem war das auf seine andauernde Einsamkeit zurückzuführen. Der Mann mit der Brille hatte auf das Pappschild geschrieben, dass es der letzte seiner Art wäre. Einige Zeit hatte das Wesen darüber nachgedacht und festgestellt, dass es tatsächlich seit längerem kaum einen Artgenossen getroffen hatte. Wobei seit längerem ein paar Jahrhunderte bedeuten konnte. 
Es wäre wohl wieder mal an der Zeit, etwas zu unternehmen. Unter die Leute gehen, oder so was. Obwohl es bei den letzten paar Gelegenheiten ziemlich heftig zuging. 
Das Wesen lauschte. Da war etwas in der Luft. Weit weg - aber sehr interessant. Es beschloss, dem nachzugehen. 
Das Gras - und einige Bäume - wurden flachgedrückt, als es sich in die Lüfte erhob.
Nur Augenblicke später fühlte sich Mariam beobachtet. Wer im Mittelalter in einer Burg wohnt, entwickelt einen speziellen Sinn für solche Gelegenheiten: das war nötig, um nicht den zahlreichen Räubern, Raubrittern und sonstigen Feinden in die Hände zu fallen. Die Prinzessin verstummte und sah sich im ganzen Zimmer um. Nichts hatte sich verändert. Kurzerhand schob sie die Eingebung auf die Wirkung des Rotweins. Sie nahm noch einen Schluck aus der Flasche, die sie mit in ihr Turmzimmer geschmuggelt hatte. Eigentlich sollte sie sich danach besser fühlen, aber das Gefühl, als ob da noch jemand war, blieb hartnäckig, nistete sich am Ende des Rückgrats ein und krabbelte von dort aus langsam höher, bis es an eine mentale Tür klopfte und die Panik aufwecken wollte. Mariam tat das, was alle Menschen in ihrer Situation tun: sie stieg ins Bett, zog sich die Decke über den Kopf und schwor sich: NIE WIEDER ALKOHOL! 
Es schien zu helfen. Für einen Moment. Mariam hatte sich gerade beruhigt, als sie vom Fenster her ein Geräusch hörte. Sie schnellte herum und erstarrte: ein Drachenkopf? Sie stellte die Flasche vorsichtig auf den Boden und sah weiter auf das Fenster. Die Halluzination blieb. Sie schob die Flasche weiter weg.
Zweifellos ein sehr schönes Exemplar. Mariam erinnerte sich, in einem Märchenbuch genau so einen Drachen gesehen zu haben. Nicht, dass sie mehr als den Kopf sehen konnte, denn eine Halskrause verhinderte, dass das Tier mehr durch das Fenster bekam. Obwohl Mariam zweifelte, das Sinnestäuschungen von so etwas aufhalten lassen.
"Guten Abend!" grüßte das Wesen mit tiefer Stimme und lächelte. Instinktive Furchtrezeptoren sprangen automatisch an und erzeugten bei Mariam folgende Überlegung: der Atem eines Trugbildes sollte einen nicht aus den Pantoffeln werfen, dieser hier aber tat es. Mit anderen Worten: das war keine Einbildung, das war ein Drache.
Schlagartig wurde Mariam nüchtern. Die Anwesenheit eines Drachen ist ein äußerst wirksames Mittel gegen Trunkenheit. Es wird nur noch von der unverhofften Ankunft der Ehefrau in gewissen Situationen übertroffen.
Der Drache lächelte. Es hat zahnmedizinische Gründe, dass diese Geste so oft missverstanden wird. Die Panik krempelte die Ärmel hoch, spuckte in die Hände und wollte sich an die Arbeit machen. Neugier trat von hinten vor und kündete eigene Interessen an. Ein kurzer Zweikampf (mit einigen sehr unfairen Griffen von Seiten der Neugier) entschied die Sache und verhinderte, dass Mariam schreiend in Richtung Tür lief. Es würde wohl niemand - oder nur eine sehr morbide Person - seinem zukünftigen Appetithappen einen guten Abend wünschen. 
"Guten Abend", stotterte Mariam schließlich zurück und wartete. Sie versuchte vergeblich sich zu erinnern, was sie über die Kunst der Gesprächsführung gelernt hatte. Allerdings stand Unterhaltung mit Drachen nicht ausdrücklich im Stundenplan. "Kommst du öfter hier her?", fragte Mariam schließlich. 
Gut. Manchmal zählt der Gedanke. 
"Ich bin zum ersten Mal hier", gab der Drache offen zu. "Ich suche jemanden. Hat hier gesungen. Du hast nicht zufällig jemanden gehört?" 
"Nein, niemand. Ähh... außer mir." 
"Sopran? So ein volkstümliches Lied über Wein und Liebe?" 
"Ja, das war ich", sagte Mariam und errötete. 
"Eine sehr schöne Stimme." 
"Danke." Mariam war verwirrt. In den Büchern hatten sich die Drachen anders verhalten. Ihre Bettdecke schützend vor sich haltend, betrachtete sie den Drachen, der seine nadelspitzen Zähne immer noch lächelnd entblößt hatte. Viel konnte sie von ihm ja nicht sehen, nur gerade den breiten Kopf, den er mühsam in das Fenster gequetscht hatte. Neugierig wurde sie von den zwei gelben Augen mit ihren länglichen Pupillen gemustert. Im Allgemeinen sind Reptilienaugen nicht besonders ausdrucksstark, aber diese Echse schaffte es, sie freundlich aussehen zu lassen. Mit der Stärke eines Heißluftgebläses zischte regelmäßig sein Atem durch die zwei riesigen Nasenlöcher. In Sekundenschnelle hatte der Raum Saunatemperatur. Das Einzige, was sie noch sehen konnte, war die rot geflammte Halskrause des Drachen. Die Zeit war gekommen, einige grundlegende Dinge zu klären. 
"Willst du mich entführen und auffressen?" erkundigte sich Mariam. 
"Was sollte ich davon haben?" 
"Man erwartet das normalerweise von Drachen." Der Drache dachte nach. 
"Wer ist Man? Ich kann mich nicht erinnern, ihn mal getroffen zu haben." 
"Man sind alle. Die Leute." 
"Die Leute irren sich. Ich ernähre mich vegetarisch. Mir war nur langweilig. Ich suche ein wenig Unterhaltung." Mariam wusste nicht genau, wie mit einem gelangweilten Drachen umzugehen ist. Vielleicht war eine direkte Methode angebracht. 
"Hast du einen Namen?" fragte sie ihn. 
"Brutus." 
"Angenehm. Ich heiße Mariam." Der Kopf verschwand und eine Pranke erschien. Mariam brauchte eine Weile, bis sie begriff; dann stand sie auf und schüttelte die Tatze. Offenbar hatte sie jetzt einen neuen Freund.
Einen, der sich endlich mal wieder ausquatschen wollte.
Es war weit nach Mitternacht, als Brutus sich verabschiedete. Keine Entführung, keine Jungfrauenopfer. Nichts mit altertümlicher Märchenromantik. Todmüde fiel Mariam ins Bett und in den wohlverdienten Schlaf. Ihre Zofen klopften vergeblich an die Tür, um sie zum Frühstück zu holen oder später zum Unterricht. Auch das Mittagessen verpasste Mariam. Es war früher Nachmittag, als sie endlich aufstand.
"Du vernachlässigst deine Pflichten", knurrte ihr Vater, als sie zu einem verspäteten Imbiss aufkreuzte. Er brummte wie ein alter Bär, aber für die Prinzessin hatte er mehr etwas von einem Teddy. Doch obwohl Gregor seiner Tochter jeden Wunsch von den Augen ablas, wusste er doch, was die Pflichten einer Prinzessin waren. "Heute früh war der Prinz wieder da. Ich will, dass du ihn kennenlernst, anstatt den halben Tag zu verschlafen." 
"Ist dir die Idee gekommen, dass ich das vielleicht nicht will?" 
"Erstaunlich. Ich habe diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen. Ich brauche sie gar nicht in Betracht zu ziehen." Seine Stimme hatte einen vollkommen neuen, drohenden Unterton bekommen. Gregor hatte ihn lange genug vor dem Spiegel geübt; der Ehepreis, den er ausgehandelt hatte, war bereits überwiesen. Der Betrag rechtfertigte Gregors Meinung nach eine gewisse Härte. 
Außerdem war die Rückzahlung ausgeschlossen. 
"Ich mag ihn nicht!" schrie Mariam. 
"Du hast ihn nur einmal gesehen, Tochter! Und dabei hast du nicht mal mit ihm gesprochen!" 
"Er stellte sich vor mit den Worten: 'Du bist sicher froh, mich kennenzulernen!' Der Typ ist eine Niete! Ein aufgeblasenes A..." Bei diesen Worten war sie aufgesprungen und aus dem Zimmer gelaufen. 
"Mäßige deine Worte! Er kommt heute Abend zum Essen!" brüllte ihr Gregor hinterher. "Und du wirst da sein!" Als ihre Schritte nicht mehr zu hören waren, stützte er den Kopf auf seine Hände und seufzte. Die moderne Jugend... Ihre Mutter war nicht ganz so pingelig gewesen. Obwohl: auch die hatte ihn beim ersten Mal nicht sehen wollen.
"Du bist sicher froh, mich kennenzulernen?" fragte Gregor später den Prinzen. 
"Ich dachte, Frauen mögen selbstbewusste Männer."
Das Abendessen war auf sieben Uhr angesetzt. Der Prinz war schon eine viertel Stunde vorher da, Mariam kam aus Protest eine halbe Stunde später. Sie beachtete die strafenden Blicke ihres Vaters nicht, setzte sich ans entgegengesetzte Ende der Tafel und behandelte den Prinzen wie Luft, was bei der Länge der Königstafel nicht schwer war. 
"Sie meint es nicht so", brummte Gregor. "Willst du dich nicht zu uns setzten?" ermunterte er seine Tochter. 
"Nein", gab sie zurück. 
"Sie ist ein liebes Kind, normalerweise", murmelte der König entschuldigend. 
"Bestimmt", antwortete Prinz Ferris und lächelte Mariam zu. Diese lächelte betont eisig zurück. Eigentlich sieht er nicht schlecht aus, dachte sie. Wenn man's genauer bedenkt, sogar ganz nett. Der Prinz schien auf den ersten Blick Anfang zwanzig zu sein. Er hatte unbändige, strohblonde Haare, die nach allen Seiten abstanden, dazu Sommersprossen und Lachfalten. Das gab ihm das Aussehen eines der Bauernjungen, die sie manchmal von ihren Fenster aus beobachtete und um die Freiheit beneidete, sich im Sommer alle Kleider vom Leib reißen und in den nächsten Teich springen zu dürfen. Als Mariam das einmal versucht hatte ... Nun, es gab Ärger. 
Prinzessin zu sein, ist nicht unbedingt eine Freude. Genauso wie Geld nicht glücklich macht. Das behaupten meist Leute, die zu Tode gelangweilt im vergoldeten Pool ihrer Hundert-Millionen-Dollar-Villa liegen - von dem aus sie freien Blick auf ihre Oldtimersammlung haben - während ein Heer von Mathematikern jahrelang damit beschäftigt ist, das Vermögen wenigstens grob abzuschätzen.
Dieser Ferris dagegen hatte ständig einen Ausdruck um den Mund, von dem Mariam nicht wusste, ob es ein höfliches Lächeln oder nur unverschämtes Grinsen sein sollte. 
Er war nicht unbedingt modisch gekleidet - das sind Männer per Definition nie - aber er hatte Geschmack. Ferris entsprach so gar nicht den Vorurteilen, die sie so sorgsam aufgebaut hatte. Das machte es nicht unbedingt leichter.
Mariam überlegte gerade, ob sie ihm doch etwas Aufmerksamkeit entgegenbringen sollte, als der Prinz sich ihrem Vater zuwandte und über Staatsangelegenheiten redete. Zuerst hoffte sie, dass das bald vorbei wäre, aber als nach einer halben Stunde weder ihr Vater noch Ferris einen Blick auf sie geworfen hatten, wurde es ihr zu viel. Geräuschvoll schob sie ihren Stuhl zurück und stand auf. Immer noch sah keiner von beiden zu ihr. Auch als Mariam sich vernehmlich räusperte, reagierte keiner von beiden. Schließlich raffte sie ihre Röcke und ging im Sturmschritt auf ihr Zimmer. Die Männer sahen erst hoch, als der letzte Rockzipfel um die Ecke rauschte. 
"Glaubt ihr wirklich, dass das eine gute Idee war?" 
"Bestimmt. Ich habe das Gefühl, das meine Tochter beim nächsten Mal etwas aufgeschlossener ist."
Äußerst nachdrucksvoll schloss Mariam die Tür hinter sich. Im gleichen Moment steckte Brutus seinen Kopf zum Fenster rein. 
"Komme ich vielleicht ungelegen?" fragte er. 
"NEIN!" 
Brutus war stolz darauf, subtile Untertöne zu erkennen, wenn er welche traf. 
"Ernste Probleme?" 
"Kannst du laut sagen! Ich soll heiraten!" Der Drache zögerte. Er kannte die Bedeutung von Hochzeiten und hatte bisher angenommen, dass sie etwas Erfreuliches darstellten. Offenbar sollte er gleich einen anderen Aspekt kennenlernen. Mariam stapfte wie ein Feldwebel durch das Zimmer und gestikulierte, als hielte sie eine Ansprache vor einem Geschworenengericht. "Er will mich nur wegen seiner Politik verschachern! Der Prinz ist nett. Wahrscheinlich. Vielleicht hätte ich ihn gern kennengelernt und dann weitergesehen. Aber weißt du was!" Mariam steigerte sich in ihre Anklage immer weiter hinein. "Sie haben es vor siebzehn Jahren entschieden! Bei meiner Geburt! Ich hab es aus einem alten Diener rausgequetscht! Alle stehen da und grinsen, als hätten sie zu viel exotischen Weihrauch geschnüffelt und gratulieren mir schon zur Hochzeit! Meine Meinung interessierte sie überhaupt nicht! Ich habe eigene Pläne, aber das zählt hier nicht mal!" 
"Du solltest dich entspannen", stellte Brutus fest. Die wütende Prinzessin machte sogar ihm Angst. "Was hältst du von einem kleinen Ausflug? Ich kenne da einen ruhigen Ort, wo du dir alles durch den Kopf gehen lassen kannst." 
"Warum nicht? Die da unten sollen schon sehen, dass ich nicht alles mit mir machen lasse!" 
Vorsichtig kletterte Mariam aus dem Fenster, krabbelte auf den Rücken des Drachen und hielt sich an den großen Schuppen fest. Kaum war sie oben, erhob sich Brutus in die Lüfte.
Voller Staunen sah Mariam auf die Welt, die rasch unter ihr vorbeizog. Von hier oben war alles winzig klein, kleiner noch als von ihrem Turmfenster aus. Nach nur wenigen Augenblicken flogen sie über unbewohnte Gebiete und zwar, um genau zu sein, über einen riesigen Wald. Mariam wusste, dass dieser Wald das Königreich nach Westen hin begrenzte und dass er drei Tagesreisen vom Schloss entfernt war. Brutus sank nach unten, bis er zwischen den Baumkronen verschwand und mit ihrem Grün verschmolz. Mit faszinierender Eleganz glitt er fehlerlos zwischen den Stämmen hindurch, ohne einen Ast zu berühren oder einen Zweig abzubrechen. Ein paar Minuten später waren sie in einer Gegend, die nicht mal in den alten Sagen und Legenden, die ihre Amme erzählte, vorkamen. Dann sah sie einen riesigen Berg aufragen. Dorthin flog Brutus.
"Es ist wunderschön hier", flüsterte sie, nachdem Brutus sie abgesetzt hatte. Eine Weile saßen beide schweigend da, sahen in die Sterne da oben und hörten dem Rauschen des grünen Ozeans unter ihnen zu. Brutus begann leise von den alten Zeiten zu erzählen, als es mehr Drachen und weniger Menschen gab, als die Welt noch voller Phantasie und Wunder war. Dann kam der Zeitpunkt, an dem er an ihrem ruhigen, gleichmäßigen Atem merkte, dass Mariam eingeschlafen war. Ganz vorsichtig legte er sich um sie, so dass sie vor dem Nachtwind geschützt war. Dann schlief er selber ein.
Brutus weckte Mariam, als die ersten Strahlen der Morgensonne über den Horizont krochen. 
"Tut mir leid, ich bin auch eingeschlafen. Wir müssen uns auf den Rückweg machen." Mariam blinzelte ihn verschlafen an. 
"Es ist so schön hier. Können wir nicht einfach hier bleiben?" 
"Die Sonne geht gleich auf. Wenn mich jemand sieht, gibt es gleich wieder eine Hetzjagd. Eigentlich traue ich mich gar nicht, dich wieder nach Hause zu bringen. Ich wäre schon froh, wenn wir noch ungesehen meine Höhle erreichen." 
"Kein Problem", sagte Mariam und gähnte hinter vorgehaltener Hand. "Dann verbringe ich den Tag eben mit dir in deiner Höhle." Eigentlich hätte sie den Tag überall verbringen können, Hauptsache, sie konnte bald weiterschlafen. Brutus hingegen war begeistert von dieser Idee. Er hatte schon lange keine Gäste mehr gehabt.
"Sie steht einfach nicht auf, Eure Majestät!" berichtete Mariams Zofe wenig später dem König. Der hatte befohlen, seine Tochter falls nötig auch mit Gewalt an den Frühstückstisch zu bringen. "Und sie hat von innen abgeschlossen", setzte sie noch hinzu. Die steile Falte zwischen Gregors Augenbrauen erschien wieder, Zeichen höchsten königlichen Ärgers. Aber immer noch königliche Beherrschung zeigend, erhob er sich langsam vom Tisch. 
"Ich werde sie selbst holen", sagte er laut. "Die Göre kann was erleben", murmelte er leise. Zum Glück war Ferris noch nicht da. Eine Frau, die nicht mal ihrem Vater gehorcht, würde dieselbe Marotte wahrscheinlich auch bei ihrem zukünftigen Ehemann haben. Das konnte einen unerfahrenen Jüngling schon abschrecken.
Energisch klopfte er an Mariams Tür. 
"Komm raus!" forderte er gebieterisch. "Es gibt gleich Frühstück!" Nichts rührte sich hinter der massiven Eichentür, auch nicht, als König Gregor mit der Faust dagegen hämmerte, bis er sich einen Splitter einzog. Missmutig griff er in seine Tasche und zog einen kleinen Schlüssel heraus. Er hatte diesen Zweitschlüssel machen lassen, als Mariam noch ein kleines Kind war. Normalerweise würde er nie die Privatsphäre seiner Tochter stören, aber zur Zeit benahm sie sich alles andere als normal. Nach einem leisen Klicken schwang die Tür auf. Gregor erstarrte, als er das unberührte Bett sah. Auch sonst war kein Zeichen von Mariams Anwesenheit zu entdecken. Das ließ nur einen Schluss zu: seine Tochter war entführt worden! Dafür gab es zahlreiche Verdächtige: von Räubern und Neidern bis hin zu feindlich eingestellten Nachbarkönigen. Das Mittelalter hielt außerdem noch eine weitere Reihe übler Gestalten bereit: Trolle, Kobolde, Gargoyles und Drachen.
Allerdings glaubte Gregor nicht an Fabelwesen.
Sekunden nach seiner Entdeckung veranstaltete der König ein Gebrüll, welches die Schlosswache innerhalb von Sekunden vollständig erscheinen ließ. 
"Meine Tochter ist entführt worden!" brüllte Gregor. Jeder wusste, was das bedeutete. Es bedeutete unter anderem, dass jeglicher Urlaub gestrichen wurde. Fast im gleichen Augenblick waren die Soldaten wieder verschwunden. Sie eilten, um die Befehle zu erfüllen, die ihnen im jahrelangen Drill für eine solche Situation eingetrichtert worden waren. Die Wachen an den Stadttoren wurden verdreifacht, Patrouillen zogen durch die Straßen und durchsuchten alles und jedes, was irgendwie verdächtig aussah. Herolde verkündeten laut auf den Marktplätzen die hohe Belohnung für jeden sachdienlichen Hinweis.
Den ganzen Vormittag saß Gregor in seinem Thronsaal. Kein Geräusch war zu hören. Die Diener vermieden es, Bewegungen zu machen, welche seine Aufmerksamkeit auf sie ziehen könnte. Von Zeit zu Zeit stöhnte der König tief und inbrünstig. Ferris, der auf einem kleinen Hocker neben ihm saß, hatte es schon vor Stunden aufgegeben, ihm Mut zuzureden. Es brachte nichts. 
Plötzlich wurde die Stille von gemessenen Schritten unterbrochen. Der regelmäßige Klang dieser Schritte war im Schloss wohlbekannt und gehörte sozusagen zum allgemeinen Ambiente. Er gehörte im Moment Eduard von K'Nigge, dem Obersten Protokollmeister. Nach dem König war er der wichtigste Mann im Schloss. In einer anderen Geschichte wäre dieser Mann das Zentrum von Intrigen und Ränken gewesen, deren einziges Ziel eine mehr oder weniger friedliche Revolution war. In so einer Geschichte hätte K'Nigge den König umgebracht, die Prinzessin geheiratet und damit die besten Voraussetzungen für politischen Erfolg auf dem internationalen Parkett mitgebracht. Der Grund, warum er hier eine ganz nette Rolle spielt, hieß: mangelnder Ehrgeiz. Persönlich hielt er sich wohl für die Nummer 1. Im Grunde bildete er die letzte Instanz, wenn es um Fragen der Etikette, des guten Benehmens und der Außenpolitik ging. Letzteres bedeutete, dass er sich bei Besuchen ausländischer Staatsoberhäupter ständig in Gregors Nähe aufhielt und ihm einflüsterte, wer sein Gegenüber überhaupt war und wo man ihn einzuordnen hatte. Außerdem sollte er den Mitgliedern der Königsfamilie königliches Benehmen beibringen. Eine Aufgabe, die ihm besonders im Umgang mit Mariam schon einige graue Haare eingebracht hatte, denn die Prinzessin hatte eigene Vorstellungen von modernen Umgangsformen.
Der Oberste Protokollmeister blieb im Türrahmen stehen und klopfte dreimal mit seinem Stock auf den Boden, wie es die Tradition verlangte. 
"Am Tor steht ein ähh... ein Subjekt, das zu Ihnen vorgelassen werden möchte, Majestät." Müde sah Gregor auf. 
"Schick ihn weg." 
"Er sagt, er hätte vielleicht einen Hinweis über den Aufenthaltsort ihrer Tochter." Diese Worte wirkten. Sofort saß Gregor kerzengerade in seinem Thron. 
"Worauf wartest du noch? Bring den Mann her!" K'Nigge zuckte zusammen und machte sofort kehrt, um den Wunsch seines Königs zu erfüllen. 
"Ich hoffe mal, dass es ein Mann ist. Bei dem Geruch könnte es auch ein aufrecht gehendes Schwein sein", murmelte er beim Weggehen. "Aber wer fragt mich schon?"
Ende der Leseprobe 
Drachen Fliegen - Ein fast realistisches Märchen
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Über den Autor
Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen.
Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen.
Sie finden alles über ihn und seine Bücher auf
MCzarnetzki.de (http://mczarnetzki.de) 
...wo Sie ihm übrigens auch gern richtig die Meinung sagen können.
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Fantasievermerk
Dieses Buch ist das Werk reiner Fantasie. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Orten und Ereignissen sind vollkommen zufällig und nicht beabsichtigt.
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