﻿ÜBER DEN WOLKEN

by
Rainer Stenzenberger

SMASHWORDS EDITION

This is the German version of the book.
An English version will soon be available.

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PUBLISHED BY:
Rainer Stenzenberger on Smashwords

Über den Wolken
Copyright © 2005 by Rainer Stenzenberger

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info@stenzenberger.de

Cover design:
Jürgen Frey

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ÜBER DEN WOLKEN


eXT. dach eines hochhauses - tag
KALLE und RANJID stellen Putzeimer ab, legen lange Handwischer akribisch daneben, packen frische Schwämme aus.
KALLE: Jib ma die Jürtel her, Ranji.
RANJID: Ranjid, bitte.
KALLE: Dein erstet Mal?
Ranjid nickt. Kalle haut ihm auf die Schulter.
kALLE: Sag bloß nej, dat dir dit schwindlej wird.
rANJID:Nein, nein. Ich brauche nur morgens ein bisschen. Der Kreislauf.
KALLE: Kenn ick. Ne Pulle hilft.
Er wirft Ranjid eine Bierflasche zu, der sie elegant fängt.
rANJID: Danke, aber ich trinke keinen Alkohol.
Kalle stöhnt.
KALLE: Uff jehts. Wir fangen im einunddreißichstn an.

eXT. in der reinigungsgondel - taG
RANJID schaut in das dunkle Fenster.
kALLE: Versicherungsheinis. Glotzen immer raus wie die Joldfische. Kann ick leiden wie Ranzenweh, die Spacken.
rANJID: Das ist ja ganz schön hoch hier.
kALLE: Wolkenkratzer ebent. Sowatt kennste nich uss Mombasa, wa?
rANJID: Mumbai. Früher hieß es Bombay, und es liegt in Indien.
KALLE: Ejal. Wer kann sich dit denn allet merken. Is sone schnelllebije Zeit.
Ranjid sieht nach unten. Er hält sich mit beiden Händen am Geländer fest.
RANJID: Ich glaub, mir wird schlecht, Herr...
KALLE: Kalle. Nu mach ma keenen Scheiß. Und du bist wirklej schwindelfrei?
RANJID: Ja, es ist nur...
Kalle nähert sich Ranjid.
KALLE: Wattn? Kannste mir allet sajen. Hier inner Gondel, dit is wie inner Apollo, weeßte? Da muss man sich vertrauen. Teamwork. Kennste?
RANJID: Es riecht so merkwürdig hier.
KALLE: Un watt kiekste mich dabei an?
RANJID: Entschuldigung. Es ist nur so, dass ich womöglich allergisch auf gewisse Substanzen im Putzmittel reagiere.
KALLE: Sach ma, so jeschwollen, wie du daherredest, wieso putztn eener wie du Fassaden?
RANJID: Ich bin erst seit kurzem in eurem Land und meine Qualifikationen wurden nicht anerkannt.
Ranjid putzt wieder weiter.
KALLE: Und wieso kannste dann so jut deutsch?
RANJID: Das habe ich im Gefängnis gelernt.
KALLE: Im Knast? Naja, nich unjewöhnlich in unserer Brangsche. Weshalb hasten jesessen?
Ranjids Schwamm fällt nach unten.
kALLE: Nich schlimm.
rANJID: Sudeep trudelte auch so nach unten.
KALLE: So deep?
RANJID: Sudeep. Wegen ihm sass ich im Knast.
Kalle reinigt weiter die Scheibe, linst aber immer wieder mit einem Auge zu Ranjid.
KALLE: Mhm.
RANJID: Mein Liebhaber. Er konnte nicht akzeptieren, dass ich ihn verlassen wollte. Also fuhr ich mit ihm zu den Felsen von Eschnapur und stürzte ihn hinunter.
KALLE: Mhm.
RANJID: Der Richter war gnädig und gab mir nur drei Jahre, trotz der Vorgeschichte. Es war ja sozusagen ein Ehrenmord.
KALLE: Wat für ne Vorjeschichte?
RANJID: Shahrukh. Mein Freund an der Universität. Er wollte meine Homosexualität publik machen.
KALLE: Wo ist der dann hinjetrudelt?
RANJID: Nirgendwohin. Hältst Du mich für einen Serienmörder?
Kalle zuckt die Schultern und entfernt sich einen Schritt von Ranjid.
KALLE: Immerhin duzte mich schon. Also, wat war mit dem?
RANJID: Fiel von der Brücke.
KALLE: Scheisse.
RANJID: Ja. Aber mein Vater hatte gute Beziehungen zur Justiz. Wir sind eine alte Sippe von Gurkakriegern.
KALLE: Jurkenkrieger?
RANJID: Gurka. Schon die Briten vertrauten unserer Kampfkraft. Wir kennen drei verschiedene Arten, einen Menschen mit bloßen Händen zu töten.
Ranjid legt den Wischer beiseite, geht einen Schritt auf Kalle zu.
rANJID: Weißt Du, worauf ich stehe, Kalle?
kALLE: Noch n dritten Arm, damit de deine Nüsse besser kraulen kannst?
Beide lachen.
kALLE: Ick gloobe, wir fahren wieder hoch. Uns jeht dit Wasser aus.
Ranjid blickt in die Gondel. Die zwei Eimer sind noch randvoll. Kalle erkennt, dass auch Ranjid die vollen Eimer bemerkt hat. Dennoch möchte Kalle den Fahrmechanismus betätigen, wird aber von Ranjid daran gehindert. Die Lage spitzt sich zu. Die Gondel bleibt stehen, wo sie ist, hoch oben.
kALLE: Du, ick hab nüscht jejen Ausländer. Und Schwule, meene Fresse, jedem Tierchen sein Pläsirchen, sagte schon der alte Fritz. Naja, n schöner Männerrücken kann do' och entzücken, oder etwa nich?
rANJID: Küss mich.
Ranjid geht einen Schritt auf Kalle zu. Der weicht zurück.
rANJID: Denk an Sudeep.
Kalle sieht besorgt nach unten. Die Autos erscheinen winzig, Menschen sind kaum zu erkennen. Kalle geht auf Ranjid zu und umarmt ihn zögerlich.
Kalles Hände umschlingen Ranjids Rücken. Kalle küsst Ranjid. Es wird immer leidenschaftlicher...
Ranjid weicht zurück.
RANJID: Das machst du nicht zum ersten Mal.
kALLE: Mhm.
RANJID: Du bist schwul!
KALLE: Bin ick nich!
rANJID: Warum lügst Du?
KALLE: Weil...ick lüje nich!
RANJID: Wenn du zugibst, dass du gerne Männer küsst, verrate ich dir ein Geheimnis.
KALLE: Nüscht jeb ick zu! Schmeiß mej runter, wennde willst, du schwuler, indischer Mörderbastard. Aber jetzt will icks wissen. Auje um Auje, Zahn um Zahn!
RANJID: Na gut, ich bin kein Unmensch. Ich bin weder schwul noch ein vorbestrafter Mörder. Und ein echter Bornheimer Junge.
KALLE: Ick gloob, ick kriegn Kind! Und wieso der janze Scheiß?
RANJID: Ich erzähle solche Geschichten aus Zeitvertreib. Ist doch langweilig, die graue Wischerei, ohne ein kleines Abenteuer. 
Kalle streift sich einen Ärmel seines Overalls von der Schulter. Sein behaarter Rücken kommt zum Vorschein. Er grinst.
KALLE: Komm her, Keule.
Großaufnahme auf Ranjids sich weitende, angsterfüllte Pupillen.
