Glück im Bauch Ein Fastentagebuch nach der Modernen Mayr-Medizin im Parkhotel Igls von Franziska Lipp Weitergabe ausdrücklich erwünscht Dieses eBook ist für Ihre persönliche Verwendung bestimmt. Es ist nicht zum Verkauf gedacht. Gerne können Sie das eBook aber an Bekannte und Freunde weitergeben oder verschenken. Wenn Sie in einem Taschenbuch schmökern möchten, können Sie „Glück im Bauch“ für EUR 12,90 unter info@parkhotel-igls.at oder telefonisch bestellen. Unsere Telefonnummer: +43 512 377 305. Der Versand erfolgt versandkostenfrei. Glück im Bauch Franziska Lipp Copyright Parkhotel Igls 2010 Published by Parkohtel Igls at Smashwords eBook-Gestaltung marketing deluxe & ANDERS|denken Ernährung, Bewegung & Regeneration auf Basis der Modernen Mayr-Medizin ————— „Während der Fastenzeit sehnt sich der Mensch nach Ruhe, innerer Stille und guter Lektüre. Und manchmal auch nach einer wirklich fröhlichen Unterhaltung.“ (Judith Wieland, Konzertsängerin und Stammgast im Parkhotel Igls) Tag 1 – Sonntag, 27. Januar Gewicht: keine Ahnung und ich will es auch gar nicht wissen. Ernährung: Zum Frühstück Toast mit Shrimps-Salat, ein weiches Ei, einen Milchkaffee. Zu Mittag ein Stück Lasagne, grünen Salat und den letzten Schokolade-Nikolaus vom Weihnachtsfest. Am Nachmittag einen Cappuccino und ein Quarktäschchen. Am Abend Ruccola-Suppe und Rehragout. Bewegung: Vom Auto zum Bahnhof. Vom Bahnhof zum Taxi. 14.00 Uhr Der Zug bewegt sich im sanften Grau eines Sonntagnachmittages. Braune Felder, farblose Städte und namenlose Gesichter ziehen vor dem Fenster an mir vorüber. Eine dicke Wolkenschicht wälzt sich dick und unentschlossen über den Januarhimmel. Das regelmäßige Poltern der Schwellen macht müde und träge. Ich sitze gegen die Fahrtrichtung alleine in dem Abteil. Mein Nacken schmerzt, ich gähne und schließe die Augen. Sofort sehe ich wieder Justus’ Hinterkopf vor mir. Wie sich die schütteren Haare im kalten Wind bewegten. Dieser Kopf, den ich in meinem Leben schon unzählige Male geküsst und gestreichelt habe, entfernte sich auf feste und entschlossene Art. Ich stand noch lange am Fenster, doch er hatte sich fast wütend nach dem Abschiedskuss von mir abgewandt. Mit Schuldgefühlen und einem dicken Kloß schloss ich das Fenster und ließ mich in die staubigen, orangefarbenen Bezüge des Intercitys fallen. Ich wusste: Justus war dieser Abschied nicht leicht gefallen. Die Art, wie er sich am Bahnsteig zum Ausgang gedreht hatte, wie er die Hände, zu Fäusten geballt, in seine Wildlederjacke geschoben hatte. Seine Mimik sprach Bände: Justus fand es unmöglich, ja beinahe als persönliche Beleidigung, dass ich tatsächlich entschieden hatte, für zwei Wochen wegzufahren und ihn mit unserer Tochter und dem Kater alleine zu lassen. Ihn dazu zu nötigen, selber den Kühlschrank aufzumachen oder sich ein Brot zu schmieren, anstatt ihm – den viel arbeitenden und zweifellos gut verdienenden Ehemann – zu bekochen. Doch ich hatte entschieden, endlich wieder alleine zu verreisen. Ich brauche Zeit für mich, muss Neues sehen, mich sortieren, klare Gedanken fassen. Zu lange schon führe ich ein Leben ohne Höhen und Tiefen und ohne das Gefühl, darin einen Sinn zu finden oder in meinem Tun bejaht oder geachtet zu werden. Ich bin da, wann immer man mich braucht: Ich funktioniere tagein, tagaus. Doch bin ich glücklich? Diese Frage tauchte in den letzten Monaten immer dringlicher auf – vor allem nachts, wenn ich wach neben Justus lag. Ich grübelte und sinnierte. Wurde immer unglücklicher mit mir und meinem Leben. Und dabei immer dicker. „Ich brauche Abstand. Ich brauche Abstand. Ich brauche Abstand“, schon seit dem Spätsommer hämmerte dieser Satz in meinem Kopf. Nach einer durchwachten Nacht im Advent, an deren Ende ich mit rot geäderten Augen und stechenden Kopfschmerzen beim Frühstück saß, sagte ich also zu Justus: „Ich muss unbedingt abnehmen.“ So begann ich das Gespräch an jenem Dezembermorgen, um abends noch einmal darauf zu sprechen zu kommen. Justus zog es allerdings vor, neben meinen Ausführungen über zu viele Kilos, zu viele Kekse und zu viel Fett die Tageszeitung zu lesen. Ich war mir nicht sicher, ob er mir zuhörte. Nach zwanzig Minuten stand ich auf. Und erst als er bemerkte, dass ich mich anschickte, die Küche zu verlassen, murmelte er kurz: „Kannst du mir noch eine Tasse Punsch einschenken?“ Ich hielt einen kurzen Augenblick inne, die Hand am Türrahmen – zum ersten Mal in unserer Ehe wollte ich ihn nicht umsorgen und behüten wie ein kleines Kind. „Besser du lernst schon jetzt, wie man den Wasserkocher betätigt“, antwortete ich ihm leise über die Schulter und ging nach oben. Im Schlafzimmer zog ich mich langsam aus und betrachtete meinen aus der Form gekommenen Körper im sanften Schein der Nachttischlampe. Mein Blick wanderte von oben nach unten: meine weichen, runden Brüste, die zwei Kinder genährt hatten, quollen links und rechts aus ihren Körbchen. Darunter schob sich der Bauch über den Hosenbund meiner dunkelblauen Lieblingshose, meine breiten Hüften und Oberschenkel breiteten sich über das Laken aus. „Die heilige Dreifaltigkeit“, seufzte ich. „Wie konnte es nur dazu kommen?“ Ich hatte doch einmal eine sehr aparte Figur besessen. Vor Justus, vor den Kindern, noch vor zwei Jahren. Wann hatte ich die Kontrolle über meinen Körper verloren? Ich drehte mich zu meinem kleinen Nachttisch und öffnete die unterste Schublade. Darin lagen feinste Trüffel und Pralinen. Vorsichtig zog ich eine glänzend braune Praline aus dem knisternden Goldkarton und steckte sie mir in den Mund. Sie schmeckte köstlich. Zartbitter. Zartbitter war auch mein Leben. Ich wollte es süß, ich sehnte mich nach „Dolce Vita“. Ich wollte immer einmal aussehen wie Sophia Loren oder Monica Bellucci: Aber ich war keine dunkelhaarige, rassige Italienerin. Ich war einfach nur mausgrau. Seufzend angelte ich mir meinen geblümten Pyjama und schlüpfte hinein. Ich war todmüde: Die letzten Wochen hatte ich damit zugebracht, Kekse zu backen und Elche auszustechen. Blöde Kinderei, denn wie sich später herausstellen sollte, interessierte sich kein Mensch zu Weihnachten für meine Kekse. Es war die Wehmut, die mich die Elche backen ließ: Früher buk ich gemeinsam mit Aenne und Simon. Wir ließen die großen und kleinen Elche über das Backblech marschieren und banden ihnen, wenn sie fertig und goldbraun schimmernd aus dem Ofen kamen, kleine grüne und rote Bändchen um. In diesem Jahr war ich die Einzige, die überhaupt daran gedacht hatte, Elche zu backen. Aenne hat mit ihren sechzehn Jahren beschlossen, den Fokus ihres Daseins auf ihre Figur und ihr Aussehen zu richten. Stundenlang steht sie vor dem Badezimmerspiegel, um neue Make-up-Varianten auszuprobieren. Der Großteil ihres Taschengeldes, und ich befürchte, sogar ein Großteil unseres Haushaltsgeldes, das ich in der Zuckerdose meiner Großmutter verwahre, geht für Schminksachen drauf. Zudem betreibt Aenne abwechselnd Hatha Yoga, Pilates und Tai Chi und geht zweimal die Woche zum Tanztraining. Erst äußerte ich Bedenken: Hatha Yoga hört sich nicht unbedingt so an, als ob eine besorgte Mutter sich entspannt im Wohnzimmerstuhl zurücklehnen und auf die Rückkehr ihrer Tochter warten könnte. Ich machte mir Sorgen: War das eine Sekte? Gab es einen Guru, der meine Tochter zu sexuellen Praktiken überreden wollte? Der ihr in einer dieser verrückten Yoga-Stellungen eine Gehirnwäsche verpasste, ohne dass ich das im Griff hatte? Mit der Zeit beruhigte ich mich, wenn auch nur mit Hilfe von Schokolade. Aenne erklärte mir, dass es sich bei Asanas um keine neue Lifestyledroge handelt, sondern lediglich um sehr kompliziert aussehende Übungen. „Niemand will mir an die Wäsche“, erklärte mir meine Tochter energisch. Den Nachsatz „Außer ich will das so“ überhörte ich pflichttunlichst. So war es gekommen – meine kleine Tochter, die vor zehn Jahren noch einen Elch nach dem anderen in ihren Kirschmund spazieren ließ, war nun das Ergebnis ihrer Anstrengungen: eine wunderhübsche junge Frau, die mit ihrer in die Jahre gekommenen Mutter kaum noch etwas anfangen konnte. Das gemeinsame Schwimmen legten wir ad acta, nachdem ich bemerkte hatte, dass die kleinen Jungs hinter meinem Rücken den Umfang meiner Oberschenkel diskutierten. Die gemeinsamen Shoppingtouren hörten sich auf, nachdem ich frustriert festgestellt hatte, dass es die Jeans meiner Tochter nur in den Größen 26 bis 29 gab und dass frau ab 38 in jeder Hinsicht zum alten Eisen zählte. Ich war über die 38 hinaus – sowohl im Alter als auch in Sachen Kleidergröße. Auch für Simon ist die Zeit des gemeinsamen Backens längst passé: Nachdem er im September seinen Studienplatz bekommen hatte, ist sein Zimmer verwaist. Und ich mit ihm. Das Zimmer und ich – wir teilen die Last des Verlassenwerdens: Simon fehlt im Haus. Doch ich konnte es nicht bleiben lassen und schickte ihm eine Keksdose voll Elche. Seine Rückantwort kam – ganz EDV-Student – per E-Mail: „Liebe Mama, danke für die Elche. Aber du weißt, ich bin hier bestens versorgt. Rudi, mein schwuler Mitbewohnter, bekommt regelmäßig einen Mutterkuchen von zu Hause. Lass dir bloß nicht einfallen, mir täglich ein Paket zu schicken, sonst werden wir noch beide kugelrund. Bussi, dein Sohn.“ Nachdem es eine Ewigkeit gedauert hatte, den Computer anzumachen, den Einstieg ins Internet zu schaffen und ich glücklich war, selber meine E-Mails im Outlook-Programm „gecheckt“ zu haben, blieb nach dem Lesen ein schaler Geschmack: „Werden wir beide kugelrund.“ Was meinte er damit? Meinte er „er und Rudi“ oder meinte er „er und ich“? Nach längerem Grübeln, drei Händen voll schokolierter Rosinen und einem kleinen Happen übrig gebliebener Gemüselasagne vom Vortag entschied ich mich, Simon anzurufen. Ich wählte die lange Passauer Nummer. In irgendeiner fernen, unaufgeräumten Studenten-Wohngemeinschaft klingelte das Telefon. Als sich eine junge Männerstimme meldete, fragte ich ohne Umschweife: „Findest du mich kugelrund?“ Am Ende der Leitung hörte ich zuerst nur ein verhaltenes Räuspern. Rudi fand in dieser Situation gar nichts – auch nicht seine Fassung. Er lachte so laut und lange, dass es mir noch in den Ohren klang, nachdem ich den Hörer schon auf die Gabel geknallt hatte. Immer noch saß ich enttäuscht und wütend auf mich selber auf dem Bett. Ich hatte die letzte Zeit damit zugebracht, die Idylle und das Familienheil in Form von mit süßem Vanillezucker bestäubten Elchen zu backen. Mein Mann saß am Esstisch, las seine Zeitung und hatte kein Ohr für meine Bedürfnisse. Ich streckte meine Hand in Richtung Nachttischschublade und fieselte noch eine Praline aus dem goldenen Schälchen. Gerade als ich die kleine Mandel auf der Oberseite der Praline abgeknabbert hatte, fiel mir mit einem Mal ein Zeitungsartikel ein, den ich vor ein paar Wochen ausgeschnitten hatte. Wo war er? Er musste ebenfalls in meinem Nachttisch sein. Ich öffnete die andere Schublade und da lag er: fein säuberlich in einer Klarsichtfolie. Die junge Frau, die mich damals vor drei Monaten so beeindruckt hatte, strahlte noch immer von der Seite. War das die Lösung meines Problems? War es endlich an der Zeit zu handeln? Beinahe neidisch betrachtete ich das Portrait. Diese Frau sah so glücklich aus. Und wo war ich geblieben? Wo war die junge und lebenslustige Elisabeth? Ich fühlte mich seit Monaten – ach, wohl schon seit Jahren – überfordert und gelangweilt in einem. Täglich lege ich meinem Mann – Beamter im gehobenen Dienst – seinen Anzug und die gleichfarbigen Socken zurecht. So endet ein jeder Tag. Mit Kaffee und einem ausgiebigen Frühstück beginnt der Tag. Dazwischen passiert nicht viel: Jeden Sonntag sehen Justus und ich uns den neuen Tatort im Ersten an. Am Montagabend geht Justus nach der Arbeit zum Tennis und ich putze das Haus, esse die Reste vom Wochenende und lege ihm den blauen Anzug mit dem hellblauen Hemd und der karierten Krawatte neben dem Bett bereit. Jeden zweiten Dienstag hat Justus Stadtratssitzung und ich mache die Wäsche vom Wochenende, esse Schokolade und lege ihm den grauen Anzug mit dem rosa Hemd und der gestreiften Krawatte neben dem Bett bereit. Den Mittwochabend verbringen Justus und ich gemeinsam: Ich koche eines seiner Lieblingsgerichte – Hackbraten mit Kartoffeln oder Zwiebelrostbraten mit Knödeln – und dann lesen wir gemeinsam die Tageszeitung am Küchentisch. Danach lege ich ihm den Nadelstreifenanzug mit dem weißen Hemd und der einfärbigen Krawatte neben dem Bett bereit. Der Donnerstag ist für mich reserviert: An diesem Tag treffe ich mich mit meinen Freundinnen, um zu spinnen. Wir haben diese alte Leidenschaft entdeckt, als meine Großmutter vor fünf Jahren gestorben war und ich ihr Spinnrad geerbt hatte. So wurde aus unserem langjährigen Strickcafé bei Ines das Spinncafé bei Ines. Nach dem Spinnen lege ich Justus den braunen Anzug mit dem beigefarbenen Hemd und der Krawatte neben dem Bett bereit. Der Freitag gehört Justus’ Arbeitskollegen und Vorgesetzten: Viele Verpflichtungen haben sich durch seine Beförderung ergeben. Meist ist der Abend für Geschäftsessen mit Kollegen und Vorgesetzten oder sogar für Gala-Dinners zu offiziellen Anlässen reserviert. Am schlimmsten kommt es allerdings, wenn wir selber mit einer Einladung an der Reihe sind. Dann verbringe ich vierzehn Tage im Dauerstress: Die ersten sieben Tage wälze ich Frauenzeitschriften, Rezeptdatenbanken im Internet und Kochbücher, um das perfekte Menü zusammenzustellen. Ab Montag vor dem besagten Freitag beginne ich mit den ersten Vorbreitungen: brate Gemüse, lege Antipasti ein und mache mir Gedanken über die Tischdekoration. Ab Dienstag darf das Esszimmer von niemandem mehr benützt werden, ich räume auf, decke den Tisch, arrangiere die Stühle. Ab Mittwoch wird es hektisch: Ich gehe auf den Markt, um frisches Obst und Gemüse zu besorgen, kaufe Bio-Fleisch beim Metzger und beginne am Abend damit, das Fleisch zu marinieren, damit es bis Freitag gut durchgezogen ist. Den Donnerstag nehme ich mir frei: Ich gehe zum Friseur und besorge noch fehlende Zutaten. Ab dem frühen Morgen stehe ich am Freitag in der Küche. Verlaufen die Vorbereitungen ohne Zwischenfall, dann erlebe ich auch noch den Abend, ohne mit Migräne im abgedunkelten Schlafzimmer zu liegen. Einzig und allein die roten Stressflecken auf meinem Hals zeugen dann von dem bevorstehenden Abendessen in unserem Haus. Diese Essen dauern in der Regel bis Mitternacht, nie länger. Das gehört wohl zum guten Ton. Haben sich dann alle verabschiedet und Justus schließt die Haustür hinter sich, um nach oben ins Bett zu gehen, sitze ich den Tränen nahe im Esszimmer. Die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld, in den letzten vierzehn Tagen habe ich meine Freunde und meine Arbeit vernachlässigt. Der Dampf hat meine neue Frisur ruiniert und das einzig Tröstende sind die vielen Reste, die ich nach und nach aufesse, während ich die Küche und das Esszimmer aufräume. Die Wochenenden verbringen wir gemütlich und leger: ein bisschen Rad fahren, ein bisschen im Garten arbeiten und ein bisschen lesen. Manchmal laden wir auch Freunde zu uns ein oder Aenne bringt Freunde mit nach Hause. Immer öfter kommt es aber inzwischen vor, dass wir sie von Freitagnachmittag bis Sonntagabend gar nicht mehr sehen. Sie übernachtet bei einer Freundin, sie gehen tagsüber zum Baden oder Tanzen und abends aus. Dann haben Justus und ich „sturmfreie“ Bude. Vor ein paar Jahren hätten wir uns noch augenzwinkernd darüber gefreut. Inzwischen sind wir über dieses Alter zweifellos hinaus. Das Wochenende endet unspektakulär vor dem Fernseher. An einem dieser faulen Wochenenden im Spätsommer legte ich mich nach dem Einkaufen mit einer Extra-Portion Himbeereis und der neuesten Ausgabe meiner Lieblingszeitschrift in den Garten. Während ich mein Eis löffelte, ließ ich die Seiten lose durch die Finger fächern. Beim Überfliegen stach mir eine Geschichte ins Auge: Sie handelte von einer Frau, die eine Fastenkur ausprobiert hatte und damit sage und schreibe elf Kilogramm abgenommen hat. Kein Zweifel – diese Kur sprach mich an. Ich wollte auch elf Kilogramm weniger haben oder, na ja, wenigstens die Hälfte davon. Ich setzte mich gerade in den Liegestuhl, strich mir mit der linken Hand über den gewölbten Himbeereis-Bauch und las: „Der königliche Heilweg: Gesundheitsprobleme werden an den Wurzeln – den Verdauungsorganen – gepackt.“ Ich runzelte die Stirn: Was hatte mein Übergewicht denn mit meinen Verdauungsorganen zu tun? Viel eher hatten sie doch wohl mit meinem Essverhalten zu tun? Doch die Frau lachte so glücklich und befreit von dem Foto, dass ich nicht umhin konnte und neugierig weiterlas: „Das große Interesse des österreichischen Arztes Dr. Franz Xaver Mayr galt vor allem dem grundlegenden Zusammenhang vom Zustand der Verdauungsorgane und der Gesundheit des Menschen. Mayr ging davon aus, dass aufgrund einer ungesunden Ernährungs- und Lebensweise der Darm krank wurde und nicht mehr zur Selbstreinigung fähig war. Die Beseitigung der verheerenden Auswirkungen einer gestörten Darmfunktion auf die Gesundheit und Lebensfreude wurden zu seiner Lebensaufgabe.“ Weiter unten erfuhr ich noch, dass Mayr schon lange verstorben war, sein Ansatz jedoch im Laufe der Zeit weiterentwickelt und verfeinert worden war. Die lachende Jutta Siebert – so hieß die strahlend schöne Frau, die sich mit neu gewonnener Lebensfreude für die Zeitschrift hatte ablichten lassen – erklärte: „Mein Aufenthalt in Tirol und meine Kur waren wie eine Heil- und Energietankstelle. Nach drei Wochen F.-X.-Mayr-Kur hab ich nicht nur elf Kilogramm abgenommen, sondern fühle mich auch wieder aktiver, vitaler und lebenslustiger.“ Nachdenklich kratzte ich die letzten Reste des in der Sonne geschmolzenen Himbeereises aus dem Glas. Als nichts mehr übrig war, klopfte ich mit dem Löffel rhythmisch gegen meine Schneidezähne: „F.-X.-Mayr-Kur. Das werde ich mir merken“, murmelte ich gedankenverloren vor mich hin. „Ja, warum eigentlich nicht mal auf diese Weise abnehmen?“ „Was sagst du da, Wollmäuschen?“, unterbrach mich Justus in meinen Grübeleien. „Ach, ich überlege nur, ob ich nicht mal eine F.-X.-Mayr-Kur ausprobieren soll“, ich hielt ihm die Zeitschrift hin. „Diese Frau hier hat mit der Kur elf Kilogramm abgenommen. Das ist doch toll, oder?“ „Du brauchst doch nicht abzunehmen“, brummte Justus und machte sich an der Hecke zu schaffen. „Ich mag dich genau so, wie du bist. Du siehst doch eh immer gleich aus.“ „Du hast doch keine Ahnung“, fuhr ich aus dem Liegestuhl hoch. „Als wir uns kennen gelernt haben, wog ich 55 Kilogramm, inzwischen sind es 70 Kilogramm. So genau siehst du mich also an.“ „Wie auch immer“, brummte Justus weiter. „Ich mag jedes Pfund an dir und wehe du nimmst auch nur ein Kilogramm ab. Da hätte ich wirklich was dagegen.“ Resigniert sank ich in den Liegestuhl zurück. Vielleicht würden sich andere Frauen über einen Mann freuen, der sie genauso liebte, wie sie aussehen. Ich für meinen Teil fand Justus’ Aussage ignorant. Es interessierte ihn kein bisschen, wie ich mich fühlte und wonach ich mich sehnte. Schwerfällig erhob ich mich von der Liege, die Zeitschrift nahm ich mit. Ich trat durch die Terrassentür ins Wohnzimmer, ging weiter in die Küche, stellte das Eisglas in die Spülmaschine und öffnete suchend die Schublade mit den Süßigkeiten. Voll Freude stellte ich fest, dass noch niemand meine Packung Schokodrops geplündert hatte. Ich griff in die Packung und holte eine große Hand voll süßer Teilchen raus. Als ich gerade das erste aus seiner Verpackung pulte, hörte ich Justus hinter mir: „Ja, Wollmäuschen, wenn du auch immer so viel naschst, wirst du ganz bestimmt nicht abnehmen.“ Ertappt wandte ich mich um und starrte ihn an. Wortlos schleuderte ich die Schokoladenteile auf die Anrichte und verließ die Küche. Justus hatte ja Recht. Irgendwie. Warum nur bekam ich meinen ewigen Hunger auf Süßes nicht in den Griff? Jeden Tag ertappe ich mich bei meinen Streifzügen durch das Haus – immer auf der Suche nach etwas Süßem. Bin ich gerade im Wollladen, schicke ich sogar Nadine in den Supermarkt oder in die Bäckerei, damit sie uns Kekse oder Kirschtaschen besorgt. Nadine ist meine liebste und einzige Mitarbeiterin, die ich in meinem Strickladen beschäftige. Sie ist auch die Einzige, die ich mit dem Umsatz bezahlen kann. Ich liebe diese Pausen, die wir hinten eingequetscht in dem kleinen Kämmerchen neben dem Lager verbringen. Hier hinten naschen wir, ohne auch nur einen Gedanken an Übergewicht oder Diäten zu vergeuden. Mit dem einen Unterschied, dass Nadine gertenschlank ist und nie auch nur annähernd Probleme mit ihrem Gewicht hatte. Die Kalorien ihrer Kirschtasche scheinen sich geradewegs auf meinen Hüften festzusetzen. Ich nahm zwei Stufen auf einmal und schlich mich in Aennes Zimmer. Sie war mal wieder bei einer Freundin und hatte fest versprochen, am Sonntag zum Nachmittagskaffee zu Hause zu sein. Ich setzte mich an ihren Schreibtisch, drückte den kleinen grauen Knopf an ihrem Computer und wartete, bis mich das „Willkommen“ auf dem Bildschirm begrüßte. Stolz auf meine EDV-Kenntnisse, öffnete ich den Internet-Explorer und gab in der Suchmaschine F. X. Mayr ein: 75.900 Treffer. So verbrachte ich den Nachmittag damit, mich intensiver mit der F.-X.-Mayr-Kur auseinanderzusetzen und bestellte mir am Ende noch das Buch „Die neue F.-X.-Mayr-Kur“ von Dr. Martin Winkler. Ich hatte einen Plan: Irgendwann in meinem Leben würde ich diese Kur am eigenen Leib ausprobieren. An diesem Abend im Pyjama am Rande meines Bett sitzend, wusste ich: Nun war meine Zeit gekommen. 15.00 Uhr Der Blick auf die Uhr bestätigt mir, dass die Hälfte meiner Fahrtstrecke hinter mir liegt. Noch immer hat sich der Himmel nicht gelichtet. Ganz im Gegenteil: Die Wolken scheinen noch tiefer gerückt zu sein, draußen unternehmen dick vermummte Gestalten einen Sonntagsspaziergang über die weiten Felder. Es klopft an der Tür und der nette Herr mit dem Bistrowagen schiebt seinen Kopf durch den Spalt: „Kaffee? Sandwich? Süßes?“ Ich lächle zurück. Ja, warum eigentlich nicht. „Ich nehme einen Cappuccino und ein kleines Quarktäschchen, bitte.“ Während er den dampfenden Kaffee in den Plastikbecher füllt, angle ich nach meiner Tasche und krame das Kleingeld heraus. „Fünf Euro sechzig und weiterhin eine gute Reise.“ Ich bezahle und kann mich nun endlich dazu entschließen, den Blick nach vorn zu richten. Nachdem ich noch immer alleine in dem Abteil sitze und Platz genug habe, setze ich mich in Fahrtrichtung, streue mir den Zucker in den Cappuccino und probiere vorsichtig. Geräuschvoll schlürfe ich das dunkle Automatengebräu und kaue genüsslich an der Quarktasche. Ich strecke meine Beine von mir und lasse noch einmal die letzten Wochen zu Hause Revue passieren. Es war eine merkwürdige Zeit, in der ich regelmäßig von schier unkontrollierbaren Gefühlskapriolen überrollt worden war. Nachdem ich gleich am nächsten Morgen des besagten Abends die Notizen zu meinen Internetrecherchen hervorgeholt, erzählte ich am Nachmittag Nadine von meinem Vorhaben: „Ich werde im nächsten Jahr eine Fastenkur machen. Ich weiß zwar noch keinen genauen Zeitpunkt, aber stell dich mal drauf ein, dass du zwei Wochen ohne mich auskommen musst.“ Nadine blickte mich erstaunt an: „Ehrlich? Willst du das wirklich machen? Was sagt denn dein Mann dazu?“ Unwirsch sortierte ich die neusten Ausgaben der Strickmagazine. „Justus ist natürlich damit einverstanden. Er hat kein Problem damit“, schummelte ich. Zum Glück bimmelte in diesem Augenblick die kleine Glocke über der Eingangstür. Die grauhaarige Frau Fadenschein kam zur Tür herein und ich deutete Nadine mit einem Blick, sie solle sich um sie kümmern. Ich zog mich in der Zwischenzeit in das kleine Kämmerchen zurück und wählte die Nummer des Parkhotels in Igls. Auf dieses Hotel war ich bei meinen Recherchen gestoßen und es war mir auf Anhieb sympathisch gewesen: nicht zu extravagant, nicht zu überheblich, nicht zu überladen, dafür seriös, ansprechend, klar und erfrischend, einladend. Schon nach dem zweiten Läuten meldete sich eine Stimme mit unüberhörbarem Tiroler Dialekt: „Parkhotel Igls, schönen guten Tag.“ „Ja, hallo, Elisabeth Heldenstein, hier“, stammelte ich in den Hörer. „Ich würde gerne für Januar einen Aufenthalt zur F.-X.-Mayr-Kur bei Ihnen buchen.“ „Ja, gerne, Frau Heldenstein“, antwortete die Stimme freundlich. „An welchen Zeitraum hätten Sie denn gedacht?“ „Vielleicht zwei Wochen. Ist das denn ausreichend?“, fragte ich leise. „Und so schnell wie möglich, bitte.“ „Zwei Wochen sind perfekt“, kam die Antwort prompt. „Ab 27. Januar hätten wir wieder Zimmer frei. Reisen Sie denn alleine?“ „Ja, ich komme allein“, meine Stimme wurde wieder fester. „Ich komme alleine und der 27. Januar ist perfekt. Bitte reservieren Sie für mich fix zwei Wochen.“ „Sehr gerne, Frau Heldenstein. Ich lasse Ihnen in jedem Fall noch unsere Unterlagen und Prospekte zukommen. So können Sie sich noch für die genauen Details Ihrer Kur und Zusatzanwendungen entscheiden.“ Ich diktierte der freundlichen Dame aus dem Parkhotel meine Anschrift, dann legte ich auf. Mit einem strahlenden Gesicht trat ich nach draußen. „Na, was ist denn mit dir passiert?“ Nadine sortierte die Wollknäuel, die Frau Fadenschein nun doch nicht genommen hatte. „Ich fahre am 27. Januar für zwei Wochen nach Tirol“, strahlte ich Nadine an. „In dieser Zeit wirst du den Laden schaukeln. Und ich vertraue darauf, dass du mindestens zwanzig Prozent Umsatzsteigerung erzielst. Und zur Feier des Tages trinken wir ein Glas Prosecco und du holst uns noch zwei kleine Nusstörtchen vom Bäcker Honigmond.“ Am Abend erzählte ich Justus von meinem Vorhaben. Diesmal hob er den Blick tatsächlich von der Abendzeitung und sah mir in die Augen. „Wie du meinst“, war allerdings alles, was er von sich gab. Ich glaubte ein „du wirst mir fehlen“ zu hören, doch ich war mir nicht sicher. Ich schwebte auf Wolke sieben – endlich würde ich abnehmen. Endlich würde ich Abstand haben. Endlich würde ich wieder einen klaren Gedanken fassen können, wohin mein Leben in Zukunft führen soll. Ich tanzte in der Küche und naschte einen Elch nach dem anderen. Bald wäre dieses Leben für immer passé. Zum ersten Mal seit Langem fühlte ich mich frei und glücklich. Die Vorbereitungen für die Kur verliefen abwechslungsreich. Schon drei Tage nach meinem Anruf bekam ich Post aus dem Parkhotel: eine modern gestaltete Imagebroschüre zu Therapieangebot, dem Haus und der Modernen Mayr-Medizin lag in unserem Briefkasten. Nach dem eingehenden Studium aller Unterlagen entschied ich mich für die Mayr-Intensiv-Kur mit der Modernen Mayr-Cuisine nach individuellem Diätplan, ärztlichen Kontrollterminen, manuellen Bauchbehandlungen, Bioimpedanzmessung und Kneippanwendungen. Gemeinsam mit Nadine wälzte ich die Unterlagen und wir entschieden, dass ich meinen Aufenthalt unbedingt mit diesen wohlklingenden Zusatzanwendungen wie einem Body Wrap oder einer Salzmassage ergänzen sollte. Am Ende hatte ich ein hübsches Paket zusammen und freute mich riesig darauf. Bis auf Nadine erzählte ich niemandem von der Reise, abgesehen natürlich von Justus, Aenne und Simon. Nadine war hin und her gerissen von meinen Plänen: Zum einen fand sie, dass es mir tatsächlich nicht schaden würde, ein paar Pfund abzunehmen. Zum anderen fand sie es unglaublich, so viel Geld fürs Abnehmen auszugeben. Na ja, Nadine, die nur halbtags in der Wollstube arbeitet, hat wohl auch keine Ahnung, wie viel ein Beamter im höheren Dienst verdient. Und außerdem geht’s ja um meine Gesundheit. Simon und Aenne fanden mein Vorhaben klasse und während der Weihnachtsfeiertage war meine bevorstehende Fastenkur in Igls das Hauptgesprächsthema am Tisch. Überall lagen die Unterlagen verstreut. Auch Justus hatte ich dabei ertappt, wie er gedankenverloren darin blätterte. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er nur: „Such dir aus, was du möchtest, und mach dir keine Gedanken wegen des Geldes. Ich will, dass es dir gut geht.“ In diesem Moment war ich ihm sehr dankbar: Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass er sehr wohl wusste, wie ich mich in meiner Haut fühlte. Ich setzte mich neben ihn, drückte seine Hand und legte meinen Kopf auf seine Schulter. So blieben wir ein Weilchen auf dem Sofa sitzen. Vierzehn Tage vor der Abreise packte mich der Ehrgeiz. Noch einmal wollte ich mir beweisen, dass ich diese Kur gar nicht nötig hatte. Ich beschloss, schon vorher abzunehmen. Ich stellte mir vor, wie ich vor den Arzt treten würde, der mich ansehen und sagen würde: „Aber Frau Heldenstein. Warum sind Sie eigentlich hier? Sie sind ja ohnehin so schlank.“ Also erprobte ich mich an einem Montag im Januar im Fasten: Ich verzichtete aufs Frühstück und um 11 Uhr knurrte mein Magen so laut, dass die Kunden in meinem kleinen Laden meinten, ein bissiger Wachhund säße unter der Theke. Als Nadine um ein Uhr mit einem Sandwich den Laden betrat, riss ich ihr diesen wortlos aus der Hand und verschlang ihn gierig. Erst als ich Nadine mit schreckgeweiteten Augen vor mir wieder wahrnahm, wurde mir bewusst, was ich gerade getan hatte. Es war mir furchtbar peinlich. „Oh Gott, oh Gott, oh Gott“, stammelte ich und bat Nadine um Entschuldigung. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich dachte, ich komme um vor Hunger. Wie soll das nur in Tirol werden. Ich werde sterben vor Hunger. Ich kann mich nie und nimmer beherrschen. Ich werde den nächsten Supermarkt plündern oder soll ich mir vorsorglich einen Koffer voll Proviant mitnehmen?“ Nadine, die sich von ihrem ersten Schock erholt hatte, schüttelte den Kopf: „Nee, Elli, da musst du jetzt ganz alleine durch.“ Und damit hatte sie wohl Recht. 16.30 Uhr Bei meiner Ankunft in Innsbruck ist es dämmrig. Das fahle Licht des Januars macht den Sonntagnachmittag schal und grau. Die mächtige Nordkette ist von schweren Wolken verhängt. Meine Stimmung hat sich die Zugfahrt über etwas gebessert. Ich verlasse den Bahnhof und steure die Taxischlange an. „Grüß Gott. Ins Parkhotel nach Igls, bitte“, murmle ich, nachdem der Fahrer meinen Koffer verstaut hatte. Mit gehobenen Augenbrauen legt er den Gang ein und fährt los: „Gehen Sie zum Fasten?“, fragt er unumwunden. „Das haben Sie doch gar nicht nötig.“ Ich lächle unsicher zurück. Meint er das ernst oder war das der berühmte österreichische Schmäh? Wie auch immer – ich beschließe, nicht weiter nachzubohren, sondern für den Rest der Fahrt zu schweigen. Nervös streiche ich mir meine blonden Haare hinters Ohr. In flottem Tempo lenkt er den Wagen durch die Stadt. Schon nach fünf Minuten verlassen wir Innsbruck und fahren am Stadion vorbei. In engen Serpentinen windet sich die Straße nach Igls hinauf. Rechts unter mir wird Innsbruck von abendlichen Lichtern erleuchtet. Die futuristisch anmutende Skisprungschanze taucht unvermutet hinter einer Rechtskurve auf. Nach einer Viertelstunde Fahrtzeit erreichen wir das Igler Plateau. Ich bin neugierig auf das Hotel. Am Ortseingang von Igls entdecke ich am linken Straßenrand ein Parkhotel-Hinweisschild im selben Apfelgrün, das ich bereits von der Internetseite und den Werbematerialien kenne. In der Dunkelheit kann ich das Haus kaum sehen – es scheint sich hinter hohen Bäumen zu verstecken. Langsam rollt der Wagen in die Einfahrt und hält vor dem hell erleuchteten Foyer. Zuvorkommend kommt ein Page – ganz im Tiroler Chic mit Fleecejacke – heraus und hievt meinen Koffer aus dem Auto. Ich steige aus dem Taxi und wende mich erstaunt zu allen Seiten: Wann hab ich das letzte Mal so viele große und teure Luxuswägen auf einmal gesehen? Erste Zweifel steigen in mir hoch. Ich blicke an mir herab: schwarze Lederstiefel, eine dicke Strickstrumpfhose aus der neuesten Kollektion „Lucie“, grüner Cordrock und schwarzer Pullover. Nicht unbedingt ein Ensemble, das man als chic bezeichnen würde. „Normalo-Look“ würde Aenne sagen. Na, nichts Besonderes halt. So bin ich nun mal: nichts Besonderes. Nicht besonders groß, nicht besonders blond, nicht besonders schlank, nicht besonders reich, nicht besonders intelligent, nicht besonders berühmt – eine ganz normale Mittvierzigerin ohne besondere Kennzeichen. Aber dennoch: Ich frage mich noch einmal, bin ich hier wirklich richtig? Justus würde mit seinem dunkelblauen BMW viel besser herpassen als ich. Ich hatte ja nicht einmal ein 1.-Klasse-Bahnticket. Doch mit diesen Gedanken kann ich mich nicht länger aufhalten, ich bezahle den Taxifahrer und folge dem sportlichen Mann, der meinen Koffer ins Hotel trägt, durch die Tür. Mein Herz pocht. Mein linkes Lid zittert, ein sicheres Anzeichen für Nervosität: „Was, wenn die Atmosphäre steifer ist als meine geschlagene Sahne für die Obsttorte, die Justus so liebt?“ Gerade als ich auf die Rezeption zusteure, rauscht eine Frau an mir vorbei: An ihrem Armgelenk baumeln goldene Klunker, die Louis-Vuitton-Tasche wippt über der Schulter. Ich schlucke erneut, doch ich gebe mir einen Schubs: „Elisabeth, du wolltest es so und nun mach das Beste draus“, schwirrt es mir durch den Kopf. Ich höre meine Absätze über den hellen Marmorboden klappern. Auf der linken Seite des Eingangs ist ein kleiner Hotel-Shop. Sonntagabend ist er jedoch dunkel – nicht die richtige Zeit für Einkäufe. Rechts entdecke ich gemütliche Ledersofas, auf allen Tischen blühen Orchideen und sogar ein eindrucksvoller, echter Baum streckt seine grünen Blätter in die Lobby. Ich trete an die Rezeption und warte geduldig. Außer der Dame – die offensichtlich nicht das erste Mal hier ist – scheint es ruhig zu sein an diesem Sonntagabend. Möglichst unauffällig mustere ich sie von der Seite: Sie ist teuer gekleidet und forsch im Auftritt. Endlich hat sie ihren Therapieplan in Händen und wendet sich ab. Erwartungsvoll lächle ich der jungen Frau an der Rezeption zu und tatsächlich – ich werde schon erwartet. Mit einem freundlichen Händedruck und einem herzlichen „Guten Abend, Frau Heldenstein“ werde ich von Monika empfangen. Mein Koffer steht bereit. Alex, der freundliche Kofferträger, wartet auf Anweisungen. Ich erhalte eine dicke Mappe mit meinem vorläufigen Therapieplan, der alle bereits gebuchten Termine für die nächsten Wochen enthält. Sie erklärt mir geduldig und ohne Hektik, was ich für den Moment und für die erste Nacht wissen muss und lädt mich zum anschließenden Begrüßungscocktail samt Hausführung ein. Ich nehme dankend an. Warum eigentlich nicht? Alex geleitet mich zum modernen Lift und weiter in das vierte Stockwerk, das im Zuge des Umbaus 2009 neu hinzugekommen ist. Die im sanften Grün gestrichenen Wände zieren wunderbare Fotografien und von Lindenblüten umrankte Zimmernummern neben den Türen. Das Zimmer ist schlicht, puristisch und modern. Direkt unter dem Dach fühle ich mich auf Anhieb wohl – wie in einem kuscheligen Adlerhorst mit überwältigendem Blick auf die Nordkette. Doch die allerschönste Erkenntnis für mich: Das Zimmer gehört mir ganz allein. Mein Reich für die nächsten vierzehn Tage und keiner, der mich stört. Das Einzelbett ist breiter als gedacht, die schlichten Möbel sind modern, ohne kühl zu wirken, der Schrank hat eine integrierte Innenbeleuchtung und das großzügige Bad mit Badewanne und Dusche ist mit edlem graugrünen Splügengranit ausgestattet. In diesem Zimmer werde ich also in den nächsten vierzehn Tagen den Abstand bekommen, den ich mir gewünscht habe. Während ich mich umsehe, hat Alex meinen Koffer auf die Ablage gehievt. Ich drücke ihm Trinkgeld in die Hand und er verabschiedet sich freundlich. Bevor ich wieder nach unten gehe, mache ich mich im Bad zurecht. Hier erinnern ein paar unverkennbare Utensilien an den Grund meines Aufenthalts: Eine rote Wärmflasche liegt bereit, daneben ein Stofftuch, ein kleines Handtuch. Auf dem Bidet im WC nebenan liegt ein großes Stück Honigseife. Argwöhnisch sehe ich mich um. „Wird schon alles gut gehen.“ Ich streiche mir die Haare zurecht, taste über meinen Bauch und bin mir sicher: Hier bin ich richtig. 18.00 Uhr An dem Rundgang durchs Hotel, der von der netten Hoteldirektorin geführt wird, nehmen sechs Frauen und ein Paar teil: Ich atme erleichtert auf. Überrascht stelle ich fest, dass die meisten alleine hier sind und dass es sich beim Großteil der Gäste um Frauen ab fünfzig handelt. Ich werde nicht alleine im Restaurant sitzen und Löcher in die Luft starren. Dennoch habe ich ein mulmiges Gefühl. Gibt es Schlimmeres, als alleine essen zu gehen? Ich finde nicht: Man hat beständig das Gefühl, angestarrt zu werden. Weiß nicht, wird man beobachtet oder soll man beobachten. Kaum traut man sich den Kopf zu heben, ruht schon der nächste Blick auf einem. Unangenehm! Doch die freundliche Hoteldirektorin lässt uns keine Zeit für derartige Überlegungen. Sie führt uns durch das Haus, zeigt dort und erklärt hier. Trotz des vorgeführten Luxus scheint die Atmosphäre entspannt. Das völlig neu renovierte Hotel ist nicht überladen. Unterschiedliche Stilrichtungen und Epochen gehen eine anmutige Symbiose ein. Die Bibliothek wird durch einen prachtvollen Holzparavent abgetrennt, Klavier und Billardtisch sorgen für eine lockere Wohlfühl-Atmosphäre. Das Feuer knistert an diesem Winterabend im Kamin, an der Teebar stehen die Tassen und Kannen zur freien Entnahme bereit. Das Haus ist nostalgisch und hochmodern zugleich: die lichte Fassade und die dunklen Bäume im Park, die ruhige Atmosphäre in der Lobby, der aquamarinfarbene Pool mit Blick auf den verschneiten Garten. Alles wirkt einladend und stilvoll. Auch die Teilnehmer des Rundganges sind leger und höflich – allesamt im „Normalo-Look“. Vielleicht war die Dame in Louis Vuitton auch nur eine Ausnahme. Ich falle nicht weiter auf. Dass ich allerdings nicht auf dem neuesten Stand der Dinge bin, erfahre ich schon bei der Hausführung: Es werden Pilates und Kybun angeboten. Unwissend, ob es sich um eine Algensuppe oder eine asiatische Kampfsportart handelt, lächle ich einfach freundlich und nicke wissend – bloß nichts anmerken lassen. Wenn mich Justus so sehen würde. Er würde wohl nur seufzen und sich wünschen, dass seine Elli ihm eine Tasse Kaffee und seine Zeitung reicht und an seiner Seite darauf wartet, bis er sie zu Ende gelesen hat. 18.45 Uhr Ich hingegen sitze nach dem Rundgang in dem hell erleuchteten Restaurant und genieße mein letztes Abendmahl. Es schmeckt vorzüglich: Die Ruccola-Suppe ist schaumig, weich und warm. Das Rehragout wird von einem Potpourri aus feinstem Frühlingsgemüse begleitet. Die ältere Dame neben mir kaut derweilen am Knäckebrot. Fast beschämt stecke ich mir die vollgeladene Gabel in den Mund. Auch wenn die Portion mich eher an einen Kinderteller erinnert, lasse ich es mir schmecken. Während ich Vor- und Hauptspeise zu mir nehme, wird mir klar: Hier brauche ich mich weder einsam noch beobachtet fühlen. Die Dame neben mir bleibt nicht lange alleine, bald schon entspinnt sich ein Gespräch von Tisch zu Tisch. Die Kellnerin wünscht verschmitzt einen „guten Appetit“ und stellt einem älteren Paar eine Kanne Tee und zwei Scheiben Brot auf den Tisch. Entspannt lehne ich mich zurück. Niemand starrt mich an. Ich komme mir weder komisch noch einsam vor. Freundlich nickt mir meine Tischnachbarin zu. Hier in diesem Raum sollen also meine Essgewohnheiten nachhaltig verändert werden. Vorstellbar wäre das – die Atmosphäre ist gut. Ich fühle mich wohl. Noch bin ich ja satt. Mit einem beruhigten Gefühl im Bauch verlasse ich den Speisesaal und bin gespannt auf den Vortrag, nur einen Raum weiter. 20.30 Uhr Der medizinische Vortrag wird von Dr. Kogelnig gehalten und gleicht einem Wirbelsturm: Er referiert darüber, wie der Mensch gesund altern kann. Wie wir alle unsere Potenziale und die Gaben, die in uns angelegt sind, am besten nutzen können. Als ich nach oben in mein Zimmer schlendere, geht mir ein Satz durch den Kopf: „Die meisten Menschen leben unter ihren Möglichkeiten.“ Ich fühle mich angesprochen. Ja, so ist es. Ich nutze schon lange nicht mehr meine Potenziale. Ich lebe vor mich hin, ohne tatsächlich die Intensität des Lebens zu spüren. Ich bin abgestumpft – eine Frau im mittleren Alter. Nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Ich muss mich erneut auf die Suche nach mir machen. Im Erdgeschoss direkt neben der Treppe stehen die Gläser mit Bittersalz aufgereiht. Was bleibt mir anderes übrig? Bestimmt sind die Gläser abgezählt und eines davon ist definitiv das meine. Nach einer ausgiebigen Dusche kuschle ich mich in mein Bett und studiere alle Unterlagen: Oh Gott, ich bin heillos überfordert. Auf meinem Therapieplan steht TM mit Markus sowie eine Vielzahl sonderbarer Kürzel wie EU, DBR, INF MED, WRAP. 21.30 Uhr Bevor ich das Licht ausmache, schalte ich noch mein Handy ein. Ich schreibe Justus eine SMS: „Bin gut angekommen. Hotel ist sehr schön. Ich vermisse dich.“ Justus meldet sich nicht. Er sitzt wohl an unserem Esstisch und kaut ein trockenes Stück Brot. Ob er wohl auch abnehmen wird während meiner Abwesenheit? Ich knipse das Licht aus. Das Abenteuer F. X. Mayr beginnt. Meine Fasten-Erkenntnis: Ich will nicht mehr unter meinen Möglichkeiten leben. Mein Ziel für zu Hause: Kleinere Portionen auf den Teller – macht auch satt. Mein Highlight des Tages: Die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Tag 2 – Montag, 28. Januar Gewicht: 72,3 Kilogramm, davon 21 Kilogramm Fett Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 1: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Milch zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Milch zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben Bewegung: 1 Stunde Spaziergang am Igler Plateau, 1 Stunde Pilates 5.45 Uhr Eine unruhige Nacht liegt hinter mir, die Aufregung vor dem ersten Fastentag raubte mir die Nachtruhe. Ich weiß nicht, was nun mit mir und meinem Körper passieren wird. Will ich tatsächlich abnehmen? Haben die überflüssigen Pfunde auf meinen Hüften und an meinen Oberschenkeln nicht ihre Bedeutung, ja, sogar ihre Berechtigung? Das Wochenprogramm gibt vor, dass ich um 6.45 Uhr mein Glas Bittersalz trinken soll. Doch es ist erst 5.45 Uhr, vor dem Fenster ist es stockdunkel. Ich kann kein Auge mehr zumachen. Benommen tapse ich ins Bad. Ah, da steht es ja, das Glas mit dem hübschen Deckel aus Pappe mit der Aufschrift „bitter“. Ich fülle das Glas mit Wasser auf und leere es in kleinen Schlucken. Der Viertelliter trinkt sich leichter als gedacht. Schmeckt zwar nicht wie Champagner, aber wer weiß, wie übel der auf nüchternen Magen wirken würde. Der Geschmack ist erträglich. Mal sehen, wie sich die Wirkung anlässt. 7.00 Uhr Im Schutz meines warmen Bettes kreisen die Gedanken um meinen Körper. Eigentlich sollte ich mich nicht mehr hinlegen, aber noch ist mir nicht zum Aufstehen zumute. Ich lege die Hände auf meinen gewölbten Bauch, ertaste die kleinen Ringe an meinen Hüften. Wie nannte Justus diese Speckröllchen im letzten Urlaub: „Love Handles“. Nach unserer Rückkehr musste ich erst in Simons Schullexikon nachschlagen, was damit gemeint war: „Rettungsringe“ stand da. Ich war erleichtert und auch wieder nicht – im ersten Moment hatte ich gedacht, dass man „Love Handles“ beim Sex benützen würde, um sich besser festhalten zu können. Wobei? Beim Schaukeln? Unwirsch drehe ich mich zur Seite – Sex am Morgen oder auch nur der Gedanke daran waren noch nie mein Ding. Doch ich bin ja alleine – also keine Gefahr in Verzug. Ich widme mich wieder meiner Ursachenforschung: Ist meine Fettschicht ein Schutzschild vor der Außenwelt? Kann ich mich nicht bestens dahinter verstecken? Ist Essen nicht an vielen Tagen die einzig schöne Unterbrechung meines sonst so leeren Alltags? Die Gedankenmaschinerie setzt sich in Gang: Ja, immer wenn ich frisch verliebt war, hatte ich eine Traumfigur. Als ich Justus kennen lernte, konnte ich tagelang nichts essen. Wir lebten von Luft und Liebe und strahlten das auch aus. Wir waren jung und aktiv. Denke ich an diese wunderbare Zeit zurück, sehe ich uns lachend Hand in Hand über blühende Wiesen wandern oder im Zug nach Italien sitzend, voll Vorfreude auf unseren ersten Cappuccino am Markusplatz in Venedig. Dieses Lachen, diese Unbeschwertheit scheinen ewig her zu sein. Dabei liegen zwischen dem Damals und dem Jetzt nicht einmal zwanzig Jahre. Ich aber liege im Bett – am frühen Morgen, alleine, mollig, warm, beleibt. Bin ich überhaupt bereit, das alles aufzugeben? Bin ich stark genug, auch wenn ich fünf Kilo weniger wiege? Wovor schütze ich mich? Und warum gibt es nichts Schönes in meinem Leben außer essen? Im gestrigen Vortrag habe ich erfahren, dass Essen ein wahres Serotonin-Feuerwerk im Körper verursacht. Tausende von Glückshormonen werden ausgeschüttet – dem Körper geht es gut. Mein täglicher Angriff auf Süßigkeiten – auch nur die tiefe Sehnsucht, glücklich zu sein? Mit dem Serotonin-Feuerwerk ist es im Übrigen vorbei, sobald ein Völlegefühl auftritt. Der kluge österreichische Arzt aus der Steiermark, Franz Xaver Mayr, stellte schon vor über sechzig Jahren die These auf, dass man nie bis zum Eintreten des Völlegefühls weiteressen sollte. Er schwor darauf, leicht hungrig vom Tisch aufzustehen. Der Körper – so Dr. Kogelnig gestern Abend – braucht täglich eine zwölfstündige Fastenpause. Wer sich also um 8 Uhr abends noch ein Paar Wiener Würstchen und einen Erdbeer-Sahne-Joghurt einverleibt und, weil’s so schön ist, den Schokoriegel zum Tatort mit aufs Sofa nimmt (und nicht nur nimmt, sondern auch isst), der hat diese Fastenpause schon versemmelt. Apropos Semmel: Heute Morgen werde ich also meine erste Dinkelsemmel zu mir nehmen und dazu – nach dreißigmaligem Kauen – ein Löffelchen frischer Tiroler Alpenmilch sippeln. Jahrelang versuchte ich meinen Kindern abzugewöhnen, die Suppe zu schlürfen, nun würde ich also in einem Restaurant sitzen, die weiße Stoffserviette auf dem Schoß und Milch sippeln. Während ich noch halb beängstigt, halb belustigt dem ersten Fastentag entgegenschaue, dringen aus meinem Bauch heftige Geräusche durch die Bettdecke: Das Bitterwasser tut seine Wirkung. Also nichts wie auf die Toilette. 8.00 Uhr Ich bringe es nicht übers Herz, mein Zimmer mit Hotelschlappen und Bademantel zu verlassen. Also hab ich mich nach dem Toilettengang und einer ausgiebigen Dusche vollständig angekleidet. So sitze ich nun mit Rock, Strumpfhose, Pullover und Straßenschuhen im medizinischen Bereich im Erdgeschoss und warte auf meine Erstuntersuchung. Ein bisschen nervös – was, wenn das Bittersalz gleich wieder meinen Darm in Bewegung versetzt? Ein bisschen auffällig – ich bin die Einzige, die keinen Hotelbademantel trägt. Ich studiere noch einmal meinen Therapieplan: BARTH wird eine EU durchführen. Was mich da wohl erwartet? Alle anderen Gäste scheinen bereits sehr viel routinierter zu sein als ich. Nur eine Frau, die gestern Abend auch am Hotelrundgang teilgenommen hat, steht ebenso verloren im Gang und hat sich in ihren Therapieplan vertieft. Allerdings bereits in der Einheitsuniform des Hotelbademantels. Ich beginne langsam zu schwitzen: Der Rollkragenpullover war wohl doch ein bisschen übertrieben. Ich überlege, ob ich noch einmal kurz in mein Zimmer gehen könnte, um mich umzuziehen, und schiele auf die Uhr, die der Mann neben mir am Armgelenk trägt. Da öffnet sich eine Tür und ein gut aussehender Mann schaut fragend in die Runde: „Frau Heldenstein?“ „Ja, ich bin das“, antworte ich zögernd und springe aus dem Stuhl hoch. Ein bisschen übertrieben vielleicht, aber das freundliche „Guten Morgen“ von Dr. Barth holt mich wieder auf den Marmorboden zurück. Die Untersuchung dauert nicht lange, ist weder schmerzvoll noch unangenehm: Dr. Barth begutachtet meine Augen, die Zunge, die Form des Bauches und misst meinen Blutdruck. „120 zu 80“, verkündet er und ergänzt: „Wie im Bilderbuch.“ Na, wenn das kein guter Anfang ist? Das dicke Ende kommt gleich hinterher, obwohl ich mit zahlreichen Ausflüchten – „Oh, die Nordkette im Sonnenlicht“, „Oh, Sie stammen aus Salzburg, wunderschöne Stadt“, „Ach, Sie haben zwei Söhne?“ – versucht habe, den Weg auf die Waage zu umgehen, komme ich nicht drum rum. Und sie zeigt sich gnadenlos: 72,3 Kilogramm. Meine Güte – so viele Elche waren das doch gar nicht? Dr. Barth versucht mich zu beruhigen, indem er darauf hinweist, dass unsere Welt viel zu sehr auf Äußerlichkeiten fixiert ist. Ich lächle ihn müde an: bei 72,3 Kilogramm kann ich nur noch auf Äußerlichkeiten fixiert sein. Und dementsprechend sehen auch meine Diätpläne aus: zwei Tage klassische F.-X.-Mayr-Diät Kurstufe 1, danach drei Tage Kurstufe 2, weitere drei Tage Kurstufe 3 und bis zum Ende des Aufenthalts dann Ergänzung durch Trennkostdiät. 225 bis 500 Kalorien werde ich die ersten Tage zu mir nehmen. Das entspricht ungefähr der Anzahl an Kalorien, die ich üblicherweise während eines normalen Frühstücks konsumiere. Dazu gibt es dreimal täglich Legalman-Tropfen zur Entgiftung sowie Basenpulver und Basen-Infusionen. Mit wackeligen Knien und schweißnassen Händen verabschiede ich mich von Dr. Barth: Er hat’s ja gut gemeint. Wirkung verfehlt! Mir wird schwummrig vor den Augen. Doch es bleibt mir nicht viel Zeit, an der medizinischen Rezeption erhalte ich von Maria einen neuen Therapieplan mit allen besprochenen Details. Und nun haben wir es schwarz auf weiß: Bewegung, Sport, Massagen und Anwendungen werden meine Tage hier in Igls füllen. Als Nächstes erwartet mich bereits Silvia zur TM, eine von den acht Masseuren und Masseurinnen, die Hotelgäste mit entgiftenden und ausleitenden Massagen während ihres Aufenthalts verwöhnen. Silvia ist eine resche Person und sie hat sich anscheinend fest vorgenommen, mich im Rahmen dieser ersten Teilmassage so richtig zu quälen. Dabei scheint sie ganz offensichtlich auch ganz genau zu wissen, wo es bei mir hapert. Sie verpasst mir eine Abreibung, die sich gewaschen hat. Auf dem Bauch liegend, das Gesicht in ein kleines Kissen gesteckt, bin ich einer Gegenwehr nicht fähig. Ich lasse sie rubbeln und beiße die Zähne zusammen. „Halten das denn eigentlich alle aus?“, frage ich sie zähneknirschend, während sie meine Rückseite mit einem Sisal-Handschuh bearbeitet. „Natürlich“, antwortet Silvia lachend. „Wir müssen doch die Durchblutung anregen. Mann, Sie sind ja kalt wie ein Kühlschrank.“ „Ist meine Haut denn nicht so rot, wie sie sich anfühlt“, flüstere ich weiter. Meine Waden werden geschrubbt wie Großmutters alter Holzdielenboden. „Keine Spur von rot“, erklärt mir Silvia. „In Ihren Beinen ist echt tote Hose.“ Ich schlucke. Woher weiß Silvia von der toten Hose in meinen Beinen. Dass ich schon lange keine Lust mehr auf Sex habe, liegt doch nicht an meinen eiskalten Füßen. Männer sind doch dazu da, ihren Frauen die eiskalten Füße zu wärmen. Oder etwa nicht? Justus und mein Sexleben sind irgendwann zwischen der 78. und 131. Folge von Tatort eingeschlafen. Hat er Lust, fühle ich mich gestresst. Beginne ich an seinem Körper zu knabbern und hinterm Ohr zu küssen, wendet er sich meist stöhnend ab und erklärt mir, dass er diesen einen Bericht unbedingt heute Abend noch fertiglesen muss. Später, später könnten wir dann drüber reden. Später habe ich meistens noch ein Stück Schokolade eingeworfen und träume von meiner Wunschfigur. „Ach Justus, wann geht’s bei uns eigentlich mal wieder so richtig ab“, murmle ich ins Kissen. „Na, vielleicht schon bald“, reißt mich Silvia aus meinen Träumereien. „Für heute sind wir aber erstmal fertig.“ Langsam ziehe ich mich wieder vollständig an und ignoriere einfach das verschmitzte Grinsen von Silvia. Kann ja sein, dass ich ein bisschen verklemmt bin. So bin ich nun mal. Wieder zurück im hellen Foyer der medizinischen Abteilung, die sich inzwischen mit noch mehr Bademänteln und weißen Schlappen tragenden Hotelgästen gefüllt hat, komme ich mir immer blöder vor. Ich sehe aus wie die Hausdame: die trägt auch Kleidung und Straßenschuhe. Gleich fragt mich ein Hotelgast, wo hier die Toilette ist. Also nichts wie weg hier. Mein Therapieplan gibt vor, dass ich mich nun ins Labor zur Untersuchung begeben soll. Die sympathische Brigitte erwartet mich: Ich soll mich entkleiden. Na, ganz was Neues! Zum dritten Mal innerhalb von einer Stunde schäle ich mich aus Strumpfhose, Rock und Pullover. Dann werde ich verkabelt: Brigitte knipst mir am rechten Fuß und an der rechten Hand vier Elektroden an und hat in Sekundenschnelle ein lupenreines Ergebnis auf dem Bildschirm. Und ich erhalte die nächste Abreibung: von den 72,3 Kilogramm meines Körpergewichtes sind 21 Kilogramm Fett. Der BMI – der Body-Mass-Index – liegt an der oberen Grenze, meine Wassereinlagerungen haben die Normwerte längst überschritten. Mir wird schwindelig, ich halte mich mit beiden Händen an der Theke fest. Brigitte lächelt mich an: „Alles halb so schlimm. Das wird schon wieder. Die Welt ist viel zu sehr auf Äußerlichkeiten fixiert“, meint sie und nickt mir dabei freundlich zu. „Ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl“, hauche ich erschöpft und habe das merkwürdige Gefühl, diesen Satz heute schon einmal gehört zu haben. Jetzt würde ich zuallererst einen Drink brauchen. 9.30 Uhr Serviert bekomme ich von der netten Jasmine im ebenso netten Dirndlkleid eine zwei Tage alte Dinkel-Semmel und ein Kännchen lauwarmer Milch. Beinahe kommen mir die Tränen. Der Brei in meinem Mund wird immer mehr. Er nimmt einen Umfang an, dass ich ihn kaum noch im Mund behalten kann. Was, wenn ich ihn einfach ausspucke und mein Frühstück sich in einer Flut von lauwarmer Milch mit Dinkelbröckchen über das rosafarbene Tischtuch ergießt? Nichts dergleichen passiert. Ich kaue tapfer weiter – zum Glück befindet sich niemand im Speisesaal. In mir steigt ein kleines bisschen Wut auf: Bin ich eigentlich verrückt, mir das hier alles anzutun? Und dann auch noch freiwillig? Wer kann mir vorschreiben, dass ich jeden Bissen dreißig Mal kauen soll? Der alte Mayr ist doch schon längst hinüber. Seine Semmeln und sein Milch-Gesippel haben ihn auch nicht davor gerettet, über den Jordan zu gehen. Löffelchenweise soll ich die Milch zu mir nehmen. Paaah! In einer arg revolutionären Haltung trinke ich frech aus der Tasse anstatt zu löffeln. In der halben Stunde, die fürs Essen vorgesehen ist, schaffe ich knapp ein halbes Brötchen und eine halbe Tasse Milch. Mir ist der Appetit vergangen. Müsste ich jeden Tag so essen, wäre ich gertenschlank. So macht Essen keinen Spaß. Wo bleibt die Sinnlichkeit? Wo der Genuss? Schon beginne ich mich selbst zu bemitleiden. Und wo bitte schön bleibt das Serotonin-Feuerwerk? Wer hätte gedacht, dass mich Fasten so wütend macht? Reagiere ich so, wenn ich nicht bekomme, was ich will? Anstatt mich auf das Abenteuer einzulassen, beginne ich in eine Trotzhaltung zu verfallen. 11.30 Uhr Missmutig schlurfe ich aus dem Speisesaal. Heute stehen keine Termine mehr an. Ich überlege kurz, ob ich Justus anrufen soll. Ihn fragen, wie es ihm geht. Was er gestern zu Abend gegessen hat. Doch mein Handy am Zimmer zeigt deutlich, dass bisher noch keiner nach mir verlangt hat, keiner scheint mich zu brauchen oder gar zu vermissen. Es ist halb elf Uhr morgens und die Sonne scheint vom Himmel. Ich entscheide mich für einen ausgiebigen Spaziergang, ziehe mir meinen dicken Mantel über und verlasse das Hotel in Richtung Lanser See. Das Igler Plateau entpuppt sich als wunderbares Naturparadies mit gigantischem Blick in die Berge. Während ich durch das Viller Moor marschiere, hebt sich auch meine Stimmung wieder: Ich fühle mich glücklich und entscheide, weiter bis zum Lanser See zu wandern und erreiche sogar den Seerosenweiher. Eine dicke Eisschicht hat das Schilf unbeweglich gemacht. Die Januarsonne zaubert einen mystischen Schimmer auf die Oberfläche. Alles ist ruhig. Ich spüre meinen Atem und kann endlich wieder lächeln. Auf dem Rückweg ziept meine Wade verdächtig: Leide ich etwa schon nach einem halben Tag an Magnesiummangel? Ein bisschen schwummrig ist mir im Kopf. Der Wind? Der Hunger? Mein Körper scheint mehr zu wissen als ich. Ein älterer Mann mit Hut und Gamsbart bleibt stehen, grüßt mich und weist mich darauf hin, dass ich einen wirklich unpraktischen Mantel trage. Ich nicke und sehe zu, dass ich zurück ins Hotel komme. Die ersten fastenbedingten Wahnvorstellungen scheinen sich einzustellen. 14.00 Uhr Ich bin definitiv noch keine routinierte Fastenfrau. Während alle anderen Gäste im Einklang von Anwendung zu Anwendung schweben, scheine ich aus dem Rhythmus. Um mehr als eine Stunde verspätet tauche ich im Restaurant auf. Aber in der Küche macht das keine Probleme: Mein Dinkelbrötchen liegt für mich bereit. Hm, diesmal bleibt die Wut aus. Ich kaue und versuche zu genießen oder wie F. X. Mayr es beschreibt: den Eigengeschmack der Lebensmittel zu erschmecken. Anstatt des halben esse ich das ganze Brötchen auf und löffle Tiroler Joghurt dazu. Der Ergebnis ist besser: kein Würgereiz, kein Trotz. Randsatt erhebe ich mich, wohl wissend, dass F. X. Mayr vorschreibt, man solle beim ersten Sättigungsgefühl mit dem Essen aufhören. „Mein lieber Mayr. Die Vorstellung, nun siebzehn Stunden fast nichts zu essen, macht mir ungeheuer Angst. Ich hoffe, Sie verstehen.“ 15.00 Uhr Heute Nachmittag nehme ich am Pilates-Kurs teil. Auf den Spuren meiner schlanken Tochter Aenne sozusagen. Hochmotiviert steige ich in den Lift in Richtung Keller. Hanni hat bereits die Matten im Gymnastikraum ausgelegt. Wir sind zu dritt, ich bin mit Abstand die Jüngste, aber nicht unbedingt die Sportlichste oder gar Schlankste. Macht aber nix, den Schneidersitz krieg ich hin. Doch dann geht’s los – furchtbar komplizierte Namen haben die Übungen: einen Table Top machen wir, einen Cat Stretch, einen Leg Curl und einen Hundred. Das sind einhundert kleine Sit-ups. Klar, warum bin ich nicht früher draufgekommen, einfach mal so zwischendurch hundert kleine Sit-ups zu machen? Verzweifelt blicke ich um mich: Den anderen scheint’s nicht besser zu gehen. Dann erklärt uns Hanni noch die richtige Atemtechnik. Beim Einatmen soll ich den Brustkorb zur Seite ausdehnen, beim Ausatmen den Beckenbodenmuskel anspannen, den Nabel in Richtung Wirbelsäule fallen lassen und dann den Reißverschluss von unten nach oben zuziehen, als ob ich in einem Korsett stecken würde. Ich atme, dehne und schwitze vor mich hin. Die Dame neben mir auf der Matte jammert immerzu über ihre Steifheit. Wenn sie den Mund halten würde, ginge es bestimmt leichter, denke ich schon wieder arg trotzig. Aber ich atme zur Seite und ziehe den Reißverschluss hoch. Atme zur Seite, ziehe den Reißverschluss zu. Atme zur Seite, ziehe den Reißverschluss zu. Na bitte, geht doch. Kein Wunder, dass meine Tochter so gelenkig ist und dabei auch noch so gut aussieht. Dieser Pilates wusste schon, was er tat: Ein bisschen Yoga hier, ein bisschen Atmen da und schon hat man den Traumkörper perfekt. Und schon geht der Reißverschluss zu, auch an den Jeans! 18.30 Uhr Die Zeit bis zum Abendessen verbringe ich im Bett, glücklich über die Bewegung heute Nachmittag. Glücklich, immer noch nicht vor Hunger umgekommen zu sein. Glücklich hier zu sein. Justus hat mir eine SMS zurückgeschrieben: „Vermisse dich auch. Kuss, J.“ Ich freu mich ein bisschen drüber. Vielleicht war der Abschiedsschmerz doch größer? Vielleicht hab ich in meiner fürsorglichen Art einfach mal wieder übertrieben? Ich gönne mir zwei Stündchen Zeit für einen Leberwickel und blättere in den Hotelunterlagen. So ein Montagnachmittag lässt sich aushalten. Vor dem Abendessen kommt noch mein großer Moment. Ich habe eine Jeans eingepackt, die ich seit mehr als fünfzehn Jahren nicht mehr tragen kann. Sie stammt aus meiner „Lisa-Zeit“. Während meines Studiums hatten mich alle Lisa genannt, Elli kam erst, als ich verheiratet war, Mutter und irgendwie spießig wurde. Elli war eindeutig spießig. Bedächtig hole ich das alte Ding aus meinem Koffer. „Mal sehen“, denke ich. „Wie weit der Reißverschluss wohl zugeht?“ Bedächtig steige ich in die Jeans, ziehe sie erwartungsfroh über die Knie. Und das war’s dann auch: Rund zehn Zentimeter über den Knien ist Schluss. Verzweifelt betrachte ich mich in dem großen Spiegel. Ich habe mich eindeutig selbst überschätzt. Missmutig steige ich wieder aus den Jeans und knülle sie zusammen, um sie im hintersten Eck des beleuchteten Schranks zu verstecken. Das Abendessen besteht aus zwei kleinen harten Knäckebrotscheiben und einem Kännchen Tee mit etwas Orangensaft. Ich bemerke, das Fasten tut mir gut. Ich hab keinerlei Beschwerden, hatte den ganzen Tag keinen Hunger und meine Laune hat sich gebessert. Obwohl ich das Gefühl habe, in einen „geschützten“ Bereich eingekehrt zu sein. Die Atmosphäre hier im Hotel ist unglaublich entspannt: Die nette Hoteldirektorin huscht durch die Gänge und Hallen, plaudert hier, erklärt dort. Diese gute Laune überträgt sich scheinbar auf alle Mitarbeiter. Bisher bin ich noch niemandem begegnet, den ich nicht sympathisch gefunden hätte. „Heute könnte ich Ihnen Eisenkrauttee zum Abendessen anbieten“, reißt mich die Kellnerin aus meinen Gedanken. Doch sie fragt nicht mich, sondern meinen Tischnachbarn, der mit seiner Ehefrau Platz genommen hat und mir nun freundlich grüßend zunickt. „Eisenkraut?“, fragt er nach. „Ja, Eisenkraut ist gut. Schmeckt eh alles gleich.“ Schmunzelnd nippe ich an meiner Tasse. Nachdem ich zwanzig Minuten an meinem Abendessen geknabbert habe, schiebe ich den Teller von mir weg. „Na, haben Sie Ihr opulentes Mahl beendet?“, will mein Tischnachbar von mir wissen. Seine Frau strahlt mich an. „Ja, unglaublich. Zu Hause hätte ich diese Portion wohl nebenbei und ohne es zu merken, gegessen“, lache ich zurück. Ich erfahre, dass das Ehepaar bereits zum sechsten Mal nach Igls kommt, immer im Winter für zwei Wochen. Worauf der liebenswürdige Mann darauf besteht, dass er das eigentlich nicht nötig hätte. „Aber die Frauen“, nickt er mit einem Augenzwinkern. „Die müssen von Natur aus mehr entgiften.“ 21.30 Uhr Licht aus! Gute Nacht, F. X. Mayr! Gute Nacht, Justus! Mein Highlight des Tages: Keinen Hunger zu verspüren. Meine Fasten-Erkenntnis: Mein Körper braucht weniger als gedacht. Mein Ziel für zu Hause: Wöchentlich einen Fastentag einzulegen. Das kann doch nicht so schwer sein. Oder? Tag 3 – Dienstag, 29. Januar Gewicht: 72,1 Kilogramm Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 1: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt zu Mittag, 2,5 Tassen Gemüsebrühe, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben Bewegung: 1 Stunde Kybun-Personal-Training, 1 Stunde Spaziergang Zeitung: Süddeutsche Zeitung 6.30 Uhr „Ich bin ein Wunder der Schöpfung.“ Jawohl, so bezeichnete Dr. Barth den menschlichen Körper gestern nach dem Abendessen in seinem Vortrag „Der kluge Bauch – das zweite Gehirn“. Obwohl mir die Augen vor Müdigkeit tränten und meine Blase vehement nach Entleerung rief, blieb ich eisern sitzen. Und ich musste erneut feststellen: Ich habe keine Ahnung von der Welt, von meinem Körper, von all den wichtigen Dingen, die in der Zeitung stehen. 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 7.00 Uhr Während Justus täglich eine Stunde seine Zeitung liest, bin ich damit beschäftigt, das Geschirr zu spülen, die Wäsche aufzuhängen oder das Wohnzimmer aufzuräumen. Gehe ich gerade nicht meinen hausfraulichen Pflichten nach, sitze ich fix und fertig vor der Glotze, die Dr. Kogelnig am Sonntag als Gehirnverflachungsgerät bezeichnet hatte. Leider zeigt dieses Gehirnverflachungsgerät schon Wirkungen, und zwar an meinem Allerwertesten. „Das Gesäß ist immer Spiegelbild unseres Geistes.“ Na, herzlichen Dank. Wenn mein Geist auch so verbeult ist, kann ich mir nicht mehr viel von ihm erwarten. Also nehme ich mir für diesen Tag vor, die Zeitung zu lesen. Die Auswahl in der Hotel-Lobby ist überwältigend, ob ich jemals über Gala und Brigitte hinauskomme? Ich werde mein Bestes geben. Am Morgen sitzen täglich rund drei bis vier Frauen in den gemütlichen Lehnstühlen und studieren die Zeitung. Das repräsentiert ungefähr das Geschlechterverhältnis der Gäste: 60 Prozent Frauen, 40 Prozent Männer (die meisten davon im Schlepptau ihrer Frau). Wären allerdings hier 60 Prozent Männer, wäre die Hotellobby am Morgen rappelvoll – mit Männern, die sich in die Börsenkurse und das aktuelle politische und wirtschaftliche Geschehen in Europa und der Welt vertiefen würden. Das stimmt mich nachdenklich: Warum lesen so wenige Frauen regelmäßig die Zeitung? Sind sie so desinteressiert? Haben sie keine Zeit? Sind sie permanent erschöpft? Ist ihnen nicht wichtig, was in der Welt passiert? Dabei würden schon zwanzig Minuten täglich reichen, um immer auf dem aktuellen Informationsstand zu sein. Oder haben Frauen ganz einfach andere Prioritäten? Meine Priorität liegt nach meinem morgendlichen Glas Bitterwasser auf dem Gang zur Toilette. 8.15 Uhr Grüner Tee, ein Dinkelbrötchen, eine Schale Joghurt. Nichts hat sich verändert, der Brei ist immer noch Brei. Schmecken tut’s nicht. Am liebsten würde ich den ganzen Joghurt einfach auslöffeln. Ohne den ständigen Brotbrei im Mund. Hilft alles nix. Nach zwanzig Minuten und einem halben Brötchen hab ich mein Frühstück beendet. Ob ich mich jemals dran gewöhnen werde? Mein Bauch wölbt sich nach wie vor. Die Erkenntnis dieses Morgens: Ein Tag fasten hilft rein gar nichts. Außerdem trage ich nach wie vor meine Straßenkleidung, auch Blödheit lässt sich nicht innerhalb eines Tages ablegen. 9.00 Uhr Um neun werde ich in der hochmodernen Bäderabteilung im ersten Stock erwartet. Eine Aura der Entspannung und Gelassenheit umfängt mich. Hier oben können Hotelgäste von 7.30 bis 11.30 Uhr täglich kneippen, sich auf den Relax-Liegen ausruhen oder sich einen Leberwickel auf den Bauch packen lassen. Rund um den Brunnen geht es träge zu. Keine laute Unterhaltung stört die Ruhe. Ich entscheide spontan, dass dieser Bereich mit seinen sanften schokoladenbraunen und weißen Farbtönen die Ruheoase meines Aufenthaltes werden soll. Daniela erwartet mich bereits. Sie führt mich in einen der modernen Behandlungsräume und ich darf es mir auf der Liege gemütlich machen. Dann erhalte ich eine wohltuende Moorpackung für den unteren Rücken. Diese soll dabei helfen, die Rückenmuskulatur zu entspannen, zu wärmen und Verspannungen zu lösen. Vor dem Fenster pfeifen die Vögel von den Bäumen. Wohlig warm eingewickelt, lasse ich noch einmal den Vortrag von Dr. Barth Revue passieren. Er bezeichnete unseren Bauch als zweites Gehirn. Unendlich viele Nervenzellen sitzen rund um unseren Darm, dessen ausgebreitete Oberfläche die Größe eines Fußballfeldes ausfüllen würde. Mein Bauch sagte auch damals Ja, als ich Justus kennen lernte. Da vollführten meine Schmetterlinge im Bauch richtige Freudentänze – keine Spur von Rumoren oder Durchfall, wie ich es von vorhergehenden Beziehungen kannte. Mein Bauch sagte Ja. Sagt er eigentlich immer noch Ja? Um diese Frage zu beantworten, bin ich hierher gekommen. In allen Naturvölkern gehört es zur Tradition, dass, wer eine Entscheidung fällen muss, sich aus der Gemeinschaft zurückzieht. Sich für einige Zeit freimacht von Verpflichtungen und in Klausur mit sich selber geht – nachdenkt, fastet und damit einen klaren Geist erhält. Ich mache mir Gedanken über meine Ehe, meine Beziehung zu meinem Mann und über mein Leben im Allgemeinen. Ein Satz blieb ebenfalls fest in meinem Gedächtnis hängen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ja, liebe ich mich überhaupt? So wie ich bin! Ich glaube, manchmal lieben mich mein Mann, meine Kinder und meine Freunde inniger, als ich es tue. Manchmal schimpft mich Justus, dass ich so streng mit den Kindern und mit ihm wäre. Dann antworte ich nur: „Siehst du. Nun weißt du, wie es mir schon mein Leben lang ergeht. So streng bin ich nämlich auch mit mir.“ Es kommt nicht häufig vor, dass ich mich selber mit offenen Armen empfange und liebevoll herze. Viel eher hätte ich ständig etwas an mir auszusetzen. Doch gerade wird mir bewusst, dass das wohl nicht der Sinn meines Daseins sein kann. Die wohlige Wärme der Moorpackung macht mich schläfrig. Meine Gedanken tragen mich weit fort. Ich bin wieder achtzehn. Ich höre mich selber lachen und sehe mich mit Freundinnen in einem Moorsee in Norditalien baden. Wir waren unendlich glücklich. Unendlich frei. Sind alleine mit dem Zug über den Brenner gefahren und tauchten in dem warmen Wasser nach den Sternen unserer Zukunft. Nichts konnte uns aufhalten. Alle hatten wir unsere Pläne. Renate begann ihre Ausbildung als Reisebürofachfrau, Erika hatte eine Stelle in der Schweiz bekommen und ich endlich die Zusage für meinen Studienplatz. Nun sollte es losgehen, ich hatte mich für Jura eingetragen, wollte am liebsten Richterin werden. Nur vier Monate nach diesem Freundinnenurlaub lernte ich Justus kennen. Er war Tutor an der juridischen Fakultät und hatte die schönsten graugrünen Augen, die ich je gesehen hatte. So kam eines zum anderen. Wir lernten uns in der Mensa kennen, gingen gemeinsam auf Partys und im Frühsommer war ich schwanger mit Simon. Statt Vorlesungen besuchte ich Geburtsvorbereitungskurse. Statt gemeinsam auf das Examen zu lernen, traten wir vors Standesamt. Die Prüfungen machte Justus. Ich wickelte, stillte und wiegte im Stundentakt. Justus schloss sein Studium ab, ich freute mich über den ersten Schultag unseres Sohnes. Da fuhr ich unsere Tochter Aenne bereits im Kinderwagen vor. Wir waren glücklich. Ich hätte mein Studium vielleicht wieder aufnehmen können. Aber es war mir damals nicht wichtig gewesen. Ich kümmerte mich um die Kinder und den Haushalt. Justus hing sich in seine Arbeit. Er war fleißig und wurde dafür belohnt. Wir alle wurden belohnt: Von der kleinen Wohnung zogen wir in ein schönes Haus am Stadtrand, wir hatten zwei Autos in der Garage, unseren Urlaub verbrachten wir in Italien. Nur das Gefühl der unendlichen Freiheit und Glückseligkeit stellte sich niemals wieder ein. Die Lebenspläne hatten sich gewandelt. „Frau Heldenstein, guten Morgen“, Daniela flüstert mir sachte ins Gesicht. Ich brumme und schlage die Augen auf. Das Moor hat seine entspannende Wirkung voll und ganz entfalten. Langsam setze ich mich auf und Daniela trocknet mir den Rücken. So schön ist Fasten! Und auch einen Stock tiefer werde ich von Hanni, der Masseurin, mit einem Strahlelächeln begrüßt: „Guten Morgen, Frau Heldenstein. Na, wie geht es Ihnen?“ Ich lächle zurück – so viel Freundlichkeit kann nicht gespielt sein. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich alleine im Urlaub so beschützt, geborgen und aufgehoben fühle. Es gibt niemanden, der einen hier nicht mit Namen begrüßen würde. Alle erkundigen sich nach dem Wohlbefinden und bestätigen ein ums andere Mal, dass sie genau wüssten, wie sich fasten anfühlt, da sie es bereits selber ausprobiert haben. Auch Hanni schiebt sich noch schnell ein Stück Semmel in den Mund – na, Herr Mayr würde protestieren. Das war ganz gewiss nicht dreißig Mal gekaut und glitt auch nicht mit Milch vermischt die Speiseröhre hinunter. Aber ich verrate Hanni nicht. Viel eher bin ich davon beeindruckt, wie sie es ohne Essen schafft, so humorvoll und mit so viel Druck meinen Rücken zu bearbeiten. Der meldet sich ganz empört. Wenn Hanni mit ihren Fingern über die kleinen Knötchen rattert, schreit er lauthals nach Erlösung. Doch Hanni kennt kein Erbarmen: Dreißig Minuten und keine Sekunde weniger dauert die entgiftende und ausleitende Teilmassage. Danach ärztliche Kontrolle und Bauchmassage beim Chefarzt selber. Etwas verkrampft lächle ich Dr. Winkler von der Liege aus zu. Dann geht’s los: In kreisenden und streichenden Bewegungen massiert er meinen Bauch. Rechts unten piekt’s gewaltig und es dauert nicht lange, da sagt er auch schon: „Der Blinddarm ist etwas gereizt.“ Ich reiße die Augen auf. Ein bisschen wegen des Blinddarms, aber viel eher aufgrund der Tatsache, dass Dr. Winkler mit ein bisschen Streicheln weiß, wo’s bei mir im Bauch ziept. „Das Ziepen ist nicht weiter schlimm“, beruhigt er mich. Er weckt meinen Darm ein wenig auf und schon nach wenigen Minuten rumpelt und krumelt es ganz gewaltig in meiner Mitte. Dann gibt er mir noch eine Atemübung mit auf den Weg und schon bin ich wieder draußen. Ein weiser Mann spricht nicht viel, weiß aber, was er tut. Ganz nach dem Sprichwort: „Sage nicht alles, was du weißt, aber wisse immer, was du sagst.“ 12.00 Uhr Ich habe einen neuen Favoriten. An der Teebar hab ich sie entdeckt: die ominöse Gemüsebrühe. Heiß, klar, voll duftender Gemüseberge. Ich rieche Staudensellerie, ich rieche Fenchel, ich rieche einen Berg voll Vitamine und Basenstoffe. Zum Glück hat mir keiner dabei zugeschaut, wie ich mit leicht wackeligen Knien den ersten Schluck probiert habe. Diese Brühe ist das Köstlichste, das ich seit Langem zu mir genommen habe. Und sie ist der beste Ausgleich für Dinkelbrötchen und Joghurt. Am liebsten würde ich ganz umsteigen: statt Brot und Milch auf Basenbrühe ohne Ende. Statt der erlaubten Tasse habe ich zweieinhalb getrunken. Ach ja und daneben hab ich Zeitung gelesen – kam mir sehr gebildet, reif und belesen vor. 13.30 Uhr Jetzt gibt’s die Basen auch schon intravenös. Nein, nicht die Gemüsebrühe, sondern eine Infusion zum Entsäuern und Entschlacken. Oje, ich hab’s wohl nötig. Tut aber nicht weh, den Blick auf meinen neuen Hausberg, den Patscherkofel, bekomme ich gratis mit dazu. Krankenschwester Babsi piekst vorsichtig in meine Vene und schon darf ich wieder in meine Träume sinken. Gleich darauf geh ich mit Josef auf die Matte. Rein trainingsbedingt, versteht sich. Locker, leicht und flockig marschiere ich über die dicken Kybun-Matten und lasse den Blick über die tief verschneite Nordkette schweifen. Bei diesem Panorama vergesse ich schier die körperliche Anstrengung. Dennoch fordert die schweizerisch-koreanische Erfindung ihren Tribut. Ich wackle auf den roten Matten, als hätte ich jegliches Gleichgewicht verloren. Meine Zehen knacksen, meine Knie schlackern und meine Hüftgelenke scheinen sich neu einzurichten. Am Rücken zieht’s kräftig, aber nach vorn schreite ich wie eine Königin. Dann schnallt mir Josef die gut gefederten Sandalen an die Fußsohlen – die ultimativen MBT-Schuhe – und schon geht’s aufs Laufband. Ich summe leise vor mich hin: „Sie ist ein Model und sie sieht so aus.“ Ein kurzer Blick auf Josef bestätigt mir, dass er Udo Lindenberg nicht besonders schätzt. Ich hingegen schreite wie ein Model: Erhobenen Hauptes, den Oberkörper sachte zu den Seiten rotierend, mit den Armen elegant schwingend, bewege ich mich von nun an durch die Welt. Na ja, bis die Kybun-Stunde zu Ende ist. Beschwingt, aber unverwechselbar als Elli Heldenstein verlasse ich den Trainingsraum. 15.00 Uhr Die apfelgrüne Mappe auf meinem Hotelzimmer birgt einige tolle Geheimtipps: so auch den Hinweis auf die wundervollen Spazierwege rund um das Parkhotel. Ob in Richtung Patsch auf dem Winterwanderweg oder ins Viller Moor in Richtung Lanser Köpfel – die Sonne strahlt vom Himmel. Und ich strahle zurück. Die Nordkette winkt übers Inntal, der Patscherkofel baut sich mächtig auf und die Serles blitzt weiß in der Sonne. Der Blick ins Stubaital und ins Tiroler Oberland ist schier überwältigend. So viel Serotonin – und das ganz ohne Schokolade! Einen Teil meiner Wegstrecke lege ich sogar im lockeren Laufschritt zurück, verschwitzt und glücklich komme ich ins Hotel. Aber auch ein bisschen hungrig – jetzt heißt es durchhalten. Der späte Nachmittag würde sich so gut dazu eignen, ein Tässchen Kaffee und ein kleines Stückchen Kuchen zu verzehren. Die im Hotel wissen schon, warum es keine Mini-Bar samt Chips und Schokoladenkugeln gibt. Elli Heldenstein hätte sie in einem Anfall von Disziplinlosigkeit in einem Satz aufgegessen. 17.00 Uhr Schon wieder ein unglaublich spannender Vortrag von Frau Dr. Stadelmann. Hier in Österreich finde ich es gleich doppelt schade, dass ich mein Studium abgebrochen habe. Alle Damen und Herren werden höflich mit Titel und Nachname angesprochen: Herr Professor da, Frau Magister dort. Ich bin bloß Frau Heldenstein. Frau Dr. Stadelmann erklärt uns die Entspannungsmethode nach Jacobson und bringt uns neben der Theorie auch ein paar wunderbare Entspannungsübungen bei. Von Stunde zu Stunde wird mir hier im Parkhotel mehr bewusst, dass es nicht einfach das Fasten ist, worum es geht. Dieser Aufenthalt ist bereits an meinem zweiten Tag voller Erkenntnisse und eine echte Horizonterweiterung. Ich lerne überaus liebenswürdige Menschen kennen, höre mir Vorträge an, spüre meinen Körper, setze mich mit mir auseinander: eine wunderbare Erfahrung. Auch wenn sich am Hosenbund noch keinerlei Veränderung zeigt. Aber vielleicht bin ich auch zu ungeduldig. 20.00 Uhr Das Abendessen ist erneut „ergiebig“: zwei kleine Scheiben Knäckebrot, zwei Tassen Tee mit Orangensaft. Meine Tischnachbarin ist schon eine Stufe weiter und hat sich zur echten Knäckebrotspezialistin entwickelt. Sie vertritt die Meinung: „Das Wenige, das ich zu essen bekomme, soll beste Qualität sein und mir richtig gut schmecken.“ 22.00 Uhr Der zweite Tag ist vorüber: Ich bin etwas blass im Gesicht. Meine Backen fallen langsam etwas ein, dafür strahlen meine Augen. Mein Bauch ist ein wenig aufgebläht. Die Hose zwickt noch immer. Und die Krise habe ich nur beim Blick auf die Waage. Ansonsten fühle ich mich bestens: seit zwei Tagen keinen Hunger, keine Kopfschmerzen. Ich schlafe gut und tief und trage die Tiroler Sonne im Herzen. Mein Highlight des Tages: Schreiten wie eine Königin: Ich liebe diese Kybun-Matten. Meine Fasten-Erkenntnis: Ich bin ein Unikat. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine zweite Elli Heldenstein. Ich bin einzigartig wie ein Schmuckstück oder Kunstwerk. Ich bin nicht durch einen Zufall geschaffen worden. Ich bin wertvoll! Mein Ziel für zu Hause: Täglich mindestens dreißig Minuten die Tageszeitung zu lesen. Mein Gehirn trainieren und mich für die Welt, in der ich lebe, interessieren. Tag 4 – Mittwoch, 30. Januar Gewicht: 72,5 Kilogramm (wer außer mir nimmt bitteschön beim Fasten zu?) Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 2: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt zum Frühstück + 30 g Eiweißzulage (Tiroler Alpenschnittkäse), 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Avocadoaufstrich zu Mittag, 2 Tassen Gemüsebrühe, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben Bewegung: 30 Minuten Morgengymnastik Zeitung: Der Standard 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 7.00 Uhr „Wer den Tag mit einem Lachen beginnt, hat ihn bereits gewonnen.“ Als ich heute Morgen in den Spiegel schaue, vergeht mir das Lachen: Meine Augen sind angeschwollen, meine Nase ist zu, meine tief sitzenden Schlacken scheinen in alle Richtungen nach außen dringen zu wollen. Die Fältchen sind über Nacht mehr geworden oder sind einfach die eingelagerten Wasserreserven abgezogen? Mein Gesicht hat sich verändert – ich bin blass, doch meine Haut ist so schön und klar wie lange nicht mehr. Kein einziger Pickel, keine Unebenheit in Sicht. Doch die Erkenntnis: Ich nehme in der völlig falschen Reihenfolge ab. Erst im Gesicht, dann an der Brust, den Oberarmen, am Bauch. Hüfte, Oberschenkel und Po hingegen sehen noch genauso aus wie bei meiner Anreise. Heute Morgen nehme ich mir die Zeit, meinen Körper zu pflegen, ich mache ein Peeling, creme und massiere. Er freut sich drüber, sagt: „Danke, dass du dich wieder einmal um mich kümmerst, mich streichelst und umsorgst. Viel zu lange hast du schon nicht mehr nachgeschaut, wie meine Haut sich anfühlt und schon gar nicht mehr, wo sie trocken oder gespannt oder faltig ist.“ Ich gebe ihm Recht. Ich weiß nicht mehr viel von ihm. In unseren Breitengraden überwiegen die kalten Monate. Die meiste Zeit ist mein Körper unter drei Lagen Wäsche versteckt. 8.00 Uhr Nach einer ausgiebigen Körperpflege entschließe ich mich, zur Morgengymnastik zu gehen. Der Frühstücksspaziergang ließ sich bisher nicht mit meinem Timing in Sachen Bittersalz und Toilettengang vereinbaren. Daher runter in den Keller und rauf auf die Matte. Doch anstatt wohliger Entspannung wartet Hanni mit Schwunggymnastik auf uns. Zur Melodie von „Tanze mit mir in den Morgen“ schwingen wir Arme und Beine nach rechts und nach links, nach oben und nach unten. Die Knie beugen und heben, den Oberkörper drehen und die Arme nach oben dehnen. Während Hanni mit einem Lächeln im Gesicht den Schnulzenschlager mitsummt, bekomme ich einen hochroten Kopf und ein kleiner Sturzbach prickelt zwischen meinen Brüsten in Richtung Hosenbund. Mein Organismus ist wach und begrüßt mich mit einem stürmischen „Guten Morgen“. Doch die Bewegung tut gut. Nach dreißig Minuten verlasse ich gelöst und locker den Fitnessraum. 8.30 Uhr Endlich Frühstücken – nach der Gymnastik hab ich richtig Lust auf mein Dinkelbrötchen mit Joghurt. Doch welch Überraschung! Nach zwei Tagen bin ich nun auf Diätstufe 2 geklettert: Ich darf 30 Gramm Eiweißbeilage essen – ich entscheide mich für hauchdünne Scheiben Tiroler Alpenschnittkäse. Doch der beglückende Effekt bleibt aus – so sehr ich das Brötchen mit Joghurt in den letzten Tagen verabscheut habe, so wenig scheine ich den Käse zu brauchen. Ich könnte eigentlich noch gut drauf verzichten. Besonders lecker ist allerdings die Petersilie: Mmh, hier entfaltet sich ein ähnlich feines Geschmackserlebnis wie bei der gestrigen Fastenbrühe. 11.00 Uhr Immer noch keine Fastenkrise. Schön langsam werde ich echt sauer auf alle, die mich vor meiner Abreise damit traktiert haben, dass die ersten zwei, drei Fastentage kaum auszuhalten sind. Mir geht’s bestens. Ich genieße die wunderschöne Berglandschaft, die unglaublich nette Hotelatmosphäre, die spannenden Erkenntnisse rund um meinen Körper. Ich hab ein wenig Muskelkater und weiß mit gutem Gefühl: Es tut sich was. Von Krise keine Spur. Mit wem ich auch spreche, er bestätigt mir: Die Krise wird nicht mehr kommen. Niemals hätte ich am Tag meiner Anreise gedacht, wie kinderleicht fasten ist. Ja, ich hab nicht einmal das Gefühl zu fasten. Mich plagen keine Kopfschmerzen, keine Hungergefühle, kein Unterzucker, keine Kreislaufprobleme. Ich leide nicht an Schlafstörungen oder Magenkrämpfen. Alles ist bestens. In der Lobby – beim Zeitunglesen(!) – unterhalte ich mich kurz mit der Hoteldirektorin. Auf die Standardfrage – diese Frage stellt hier jeder zu jeder Zeit –, wie es mir geht, antworte ich mit einem strahlenden „sehr gut“. Sie nickt anerkennend. „Sie machen das auch genau richtig“, antwortet sie. „Sie lassen sich voll und ganz auf das Fasten ein. Sie haben nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Das ist die beste Einstellung, um das Fasten richtig genießen zu können.“ So viel Anerkennung tut gut – ich erkenne mich selbst nicht wieder. Ich grüble längst nicht so viel, wie ich angenommen habe. Eigentlich wollte ich doch eine Entscheidung treffen. Eigentlich wollte ich doch einen neuen Lebensplan entwerfen. Wie soll es nach der Kur weitergehen? Was muss ich an meinem Leben ändern, um daheim auch auf Schokolade verzichten zu können? So weit bin ich noch nicht. Aber vielleicht ist dieses Ziel für den dritten Tag auch noch zu hoch gesteckt. 10.30 Uhr Heute versuche ich mich im Kneippen. In der durch und durch apfelgrünen Bäderabteilung stehen die Fußwannen bereit, auf den hübsch gefliesten Bänken liegen Handtücher und Eieruhren. Zuerst tauche ich meine Füße ins warme Wasser, nach fünf Minuten steige ich ins Kaltwasserbecken und drehe in großen Storchenschritten drei Runden im eiskalten Wasser. Fußreflexzonenmassage inklusive. Danach kribbeln die Beine wohlig. Das Ganze dauert eine Viertelstunde und ist besonders genussvoll, wenn man sich ganz dem Spüren hingibt. Nicht lesen, nicht reden. Einfach nur sitzen, gehen und spüren: Wie fühlen sich die Füße an? Welche Muskeln spüre ich? Wie bewegen sich die Zehen im Wasser? Im Fasten – im bewussten Verzicht auf ein Übermaß – erkenne ich nach langer Zeit auch die kleinen Dinge im Leben wieder – nichts Großes passiert und dennoch ist es überwältigend. Der Körper gibt tausend Signale ab und erhält ebenso viele. Seine Nervenbahnen arbeiten unentwegt – ein höchst funktionsfähiger Computer, mit dessen Leistungen ein einzelner Mensch völlig überfordert wäre. Doch unser Körper hat alles im Griff. Bis zu den ersten Zipperlein – dann kracht der Rücken, dann begehren die Bandscheiben auf, dann schmerzt die Lendenwirbelsäule. Für diese eine Viertelstunde habe ich mich alleine auf die Signale meines Körpers konzentriert und es war ein Feuerwerk an Empfindungen. Erstaunlich, was ich sonst so verpasse. Danach geht’s ab ins Heu: Daniela bereitet mir wieder ein Bett und legt mir ein duftendes Heupaket auf den Bauch. Galle und Leber werden dadurch kräftig entgiftet und entschlackt. Der Geruch erinnert an Sommer und Alm. Justus und ich haben mit unseren Kindern früher oft Wochenendausflüge in die Berge unternommen. Sind gewandert, haben auf Hütten gegessen und übernachtet und sind am nächsten Tag weitergewandert. Einer dieser Ausflüge führte uns ins bayerische Voralpenland. Wir stiegen auf die Kampenwand und genossen den Blick auf den Chiemsee und in der Ferne konnte man München erahnen. Nach dem Abstieg legten wir uns auf die Almwiese, weit weg von allen anderen Wanderern, und die Kinder spielten auf den großen Findelsteinen. Justus und ich dösten in der Wiese, aus der Ferne hörten wir den sanften Rhythmus der Kuhglocken. „Justus, was meinst du: Soll ich nach den Ferien mein Studium wieder aufnehmen oder mich besser für einen Fernlehrgang anmelden?“, unterbrach ich die Stille. Justus stöhnte neben mir. „Meine Güte, Elli. Du und deine ständigen Pläne“, sagte er konsterniert und spuckte den Grashalm aus, auf dem er gekaut hatte. „Jeden Tag hast du eine neue Idee. Jeden Tag unterbreitest du mir ein neues Vorhaben. Aber ehrlich gesagt, getan oder wirklich unternommen hast du noch nie etwas. Ich hab von deinen Plänen noch nie etwas Konkretes gesehen.“ In diesem Moment bekam mein Herz einen kleinen Riss. Enttäuschung stieg in mir auf. Die Tränen traten mir in die Augen. Ja, er hatte Recht. Ich hatte jeden Tag neue Pläne und tatsächlich versorgte ich an all diesen Tage ihn und unsere Kinder. Ich kochte, ich putzte, ich räumte auf, ich fuhr in den Kindergarten, ich holte von der Schule ab und am Abend war ich noch der Müllkorb, in den Justus seine Probleme mit Arbeitskollegen abladen konnte. Ich schluckte heftig. Justus setzte sich auf und ließ seinen Blick durchs Fernglas schweifen. Ich drehte mich zur Seite, nahm den Geruch der Alm wahr. Meine Pläne waren zum großen Teil Fantasiegebilde. Und warum waren sie das? Weil ich keine Zeit hatte, um auch nur eine einzige Idee davon zu verwirklichen. Justus war strikt gegen eine Haushaltshilfe. Justus war strikt gegen einen Krippenplatz. Justus wollte von mir bekocht und versorgt werden und nun warf er mir Untätigkeit, Faulheit und meinen Hang zu Hirngespinsten vor. Ich drehe mich auf der Liege ebenfalls zur Seite. Eine Träne brennt heiß in meinem linken Auge. Der Duft des Heus – so wohltuend er für meine Galle und Leber auch ist – hat in mir einen schmerzhaften Punkt berührt. Nach diesem Ausflug in die Berge hatte sich unsere Beziehung verändert. Ich konnte Justus kaum mehr in die Augen sehen. Wovon sollte ich ihm erzählen, wenn nicht von meinen Plänen? Ich spürte, er nahm mich schon lange nicht mehr ernst. Und dennoch: er war die Liebe meines Lebens. Er war der Vater meiner Kinder und mein Ein und Alles. Zwei Monate nach diesem Vorfall eröffnete ich meinen eigenen Laden. Seither ist die „Strickliesl“ mein zweiter Lebensmittelpunkt. Das Geld brachte ich damals selber auf, ich wollte nichts von Justus nehmen. Ich löste einen Fonds auf, den mir meine Mutter vererbt hatte, und richtete mitten in der Innenstadt ein winzig kleines Lädchen ein, seither ist die „Strickliesl“ nicht mehr wegzudenken. Ich führe das beste und vielfältigste Sortiment an Wolle, Garnen und Nadeln. Jeden Donnerstagnachmittag veranstalte ich eine Strickrunde: sechs bis zehn Frauen zum Stricken, Plaudern und Spinnen. Damals hab ich Mut und Unternehmerkraft bewiesen, beides wurde belohnt. Und ich wusste, was ich wollte. Ob Justus jemals stolz darauf war, weiß ich bis heute nicht. Er kam zur Eröffnung und dann nur noch, um mich von der Arbeit abzuholen. Dabei steigt er nicht aus dem Auto. 11.00 Uhr Nach der Heupackung begebe ich mich, noch etwas mitgenommen von meinen eigenen Erinnerungen, erneut in die kraftvollen Hände von Hanni. Mit ihrer zupackenden Art holt sie mich schnell wieder in die Wirklichkeit zurück. Diesmal hat sie es auf meine Waden und Oberschenkel abgesehen. Ich stöhne in mein Kissen. „Alles verspannt“, sagt die sympathische Vorarlbergerin bestimmt. „Sie sitzen bestimmt zu viel, tragen ungesunde Schuhe mit Absätzen, schlagen die Beine permanent übereinander und bewegen sich zu wenig.“ Ich bin immer wieder erstaunt, mit wie wenigen Worten andere Menschen meine Lebenssituation zusammenfassen können. „Ja, Sie haben Recht“, murmle ich ins Kissen. Und denke dabei: „Im Grunde mache ich alles falsch.“ Mir ist zum Heulen zumute. So kann Fasten also auch sein. 13.00 Uhr Nach dem Mittagessen inklusive köstlichem Avocadoaufstrich schleiche ich in mein Zimmer. Nicht einmal der wunderbare Blick auf die verschneite Nordkette kann mich aufheitern. Ich bekomme Kopfschmerzen und will ins Bett. Ich hab mir eine Modezeitschrift aus der Hotellobby mitgenommen. Unschlüssig sitze ich auf meinem Bett und überlege, ob ich Justus anrufen oder lieber lesen soll. Er müsste gerade nach seiner Mittagspause ins Büro zurückgekehrt sein. Ich wähle die Nummer. Er hebt sofort ab. „Heldenstein“, meldet er sich mit gestrenger Stimme. „Mein Justus“, denke ich stolz. „Hallo Justus“, zwitschere ich übertrieben heiter. „Ich bin’s. Wie geht es dir?“ „Mein Wollmäuschen“, nuschelt er ins Telefon. „Endlich meldest du dich. Du hast mir nicht mal eine Nummer von dem Hotel aufgeschrieben. Wie geht es dir?“ Er vermisst mich, denke ich glücklich. Doch warum schon wieder dieser vorwurfsvolle Klang in seiner Stimme? Hätte er mich nach der Nummer gefragt, ich hätte sie ihm gegeben. „Du hast mich nicht nach der Nummer gefragt“, antworte ich aufgeregt. „Mir geht’s sehr gut. Auch wenn ich noch kein Gramm abgenommen habe. Es ist einfach wunderbar. Ich fühle mich wie im Paradies. Die Ärzte sind …“ „Du, hör zu Elli“, unterbricht mich Justus. „Ich hab gar nicht lange Zeit. Krammer und Meier warten schon auf mich. Wir müssen zu einem Termin. Warum ich dich anrufen wollte: Der Kater rührt seit Tagen sein Fressen nicht an. Weißt du, woran das liegen kann?“ Mir bleibt das Wort im Hals stecken. So ist das also. Von wegen, zu Hause vermisst mich jemand. Kein Mensch schert sich darum, ob ich anwesend bin oder nicht. Ich schlage mich seit Tagen mit einem schlechten Gewissen herum und allein der Kater scheint überhaupt bemerkt zu haben, dass ich nicht mehr da bin. „Vielleicht vermisst er mich einfach und mag deswegen nichts fressen“, antworte ich sarkastisch. „Er ist ja wohl der Einzige, der bislang überhaupt gemerkt hat, dass ich nicht mehr zu Hause bin. Dann muss er eben auch fasten, bis ich wieder zurück bin.“ Justus atmet hörbar in den Hörer. In der Leitung Stille. Es knackst leise. „Ja, Elli, dann werde ich mir weiter keine Sorgen um ihn machen“, antwortet Justus. „Und um dich brauche ich mir anscheinend auch keine Sorgen machen. Schön, dass du angerufen hast. Es freut mich, dass du dich so wohlfühlst. Mach’s gut.“ „Tschüss“, schniefe ich ins Telefon. Hörer auf Telefon. Wärmflasche auf Bauch. Vorhänge zu. Decke über Kopf. 17.00 Uhr Das Leben ist schlecht, bis ich Markus kennen lerne. Der Mann, der mir mein Fasten versüßen und meinem Leben einen neuen Sinn geben könnte: blond, blauäugig, sportlich. Seine kräftigen, muskulösen Arme scheinen niemals stillzuhalten, sein Tiroler Dialekt lässt mich augenblicklich schmelzen. Er schnipselt Gemüse in einem Tempo, dass mir Hören und Sehen vergeht. Rund um ihn zischt es aus den Töpfen und Pfannen, ein hinreißend köstlicher Duft vernebelt mir die Sinne. Endlich bin ich angekommen: in seinem Paradies – der Diät-Küche des Parkhotels Igls. Heißt es nicht: „So, wie ein Mann kocht, so ist er auch in der Liebe“? „Ach, Markus. Wo hast du die letzten drei Tage gesteckt und warum hab ich nur an zwei Tage alten Dinkelbrötchen herumgekaut, anstatt deine himmlische Marmelade zu verkosten und deine Bananenschaumsuppe zu schlürfen?“ Mein entzückter Blick entgeht auch den anderen Kochkurs-Teilnehmern nicht. Ich streiche meinen Pullover über meine noch immer fülligen Hüften, richte mich augenblicklich auf und mache ein interessiert-professionelles Gesicht: „Ach ja, Koriander. Mmh, Kardamom. So, so.“ Markus Sorg – der wohl jüngste und netteste Küchenchef unter dem Himmel Tirols – hat zum Kochkurs gebeten. Ein masochistisches Unterfangen – er zaubert in den Töpfen und die kleine erlesene Gästeschar – drei Männer und vier Frauen – sitzen in den Stuhlreihen und sehen ihm dabei zu. „Wie beim Fernsehkoch“, raunt eine Frau. „Aber da bekommt man doch immer Champagner serviert, oder?“ Der Champagner bleibt ein Wunschtraum. Dafür türmen sich die allerbesten Zutaten auf der Anrichte: gekocht wird ausschließlich mit frischem Bio-Gemüse. Und siehe da, mit der Hälfte davon hab ich noch nicht einmal Bekanntschaft geschlossen: Topinambur, rote Karotten, Romanesco, Portulak – das alles leuchtet in den strahlendsten Farben. Einfach bezaubernd. Und Markus legt sich gemeinsam mit seiner Assistentin so richtig ins Zeug, kocht Basenbrühe (die mindestens drei Stunden ziehen sollte), Gofio-Brei (aus geröstetem Mais, der zu Mehl wird), gedämpften Wolfsbarsch auf Tomaten-Carpaccio, Brokkolisuppe mit Trüffelöl und Hirse-Biskuitroulade mit hausgemachter Marmelade. Während er werkt und kocht, erhalten wir eine spannende Einführung ins Thema „Gesundes Kochen zu Hause“, denn das ist nun mal der Sinn dahinter: Wie kann ich meine F.-X.-Mayr-Diät daheim sinnvoll und praktikabel weiterführen. Die 5 wichtigsten Erkenntnisse aus dem Kochkurs: gutes, vitales, frisches Bio-Gemüse braucht nicht geschält zu werden grünes Gemüse immer in bereits sprudelnd heißes Wasser geben, da es sonst die Farbe verliert niemals hungrig und ohne Plan einkaufen gehen anstatt mit Salzwasser mit Gemüsebrühe kochen ausschließlich hochwertige Produkte wie Öle und Gewürze verwenden 20.00 Uhr Heute Abend die Sauna erprobt. Kein weiterer Gast in Sicht, ganz alleine vor sich hinschwitzen – einfach köstlich. Mein Herz klopft heftig: 90 Grad Celsius scheinen für einen fastenden Körper nicht ganz einfach zu ertragen zu sein. Danach gut gewärmt ins Bett. Alle unwichtigen Gedanken aus dem Kopf geschwitzt. 22.00 Uhr Vielleicht sollte ich mich neu verlieben? Gute Nacht, Tirol. Mein Highlight des Tages: Ein Kochkurs ohne Kalorien und schlechtes Gewissen. Meine Fasten-Erkenntnis: Abwechslung ist das halbe Leben: Nicht nur beim Kochen, sondern auch im Leben und in der Liebe sollte ab und zu etwas Neues ausprobiert werden. Mein Ziel für zu Hause: Gesünder kochen und Bambuskörbchen zum Dämpfen besorgen. Frische Zutaten auf dem Markt kaufen, Obst und Gemüse in Bio-Qualität. Und mit feinen Zutaten wie mit einem Tropfen Trüffelöl das Leben versüßen. Tag 5 – Donnerstag, 31. Januar Gewicht: 71,3 Kilogramm (juhuu, ein Kilo weniger!) Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 2: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Rote-Beete-Aufstrich zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Forellenaufstrich zu Mittag, 2 Tassen Gemüsebrühe, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben Bewegung: 30 Minuten Morgengymnastik, Zeitung: Gala, Bunte, Frankfurter Allgemeine Zeitung 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 8.00 Uhr Irre Träume begleiteten mich durch die Nacht. Am Morgen sitze ich aufrecht im Bett. 21 Kilogramm Fett trage ich mit mir rum. Wollte ich es tatsächlich so genau wissen? Ich träumte von Daniela aus der Bäderabteilung: Sie setzte sich auf meine Brust und presste das Fett Kilo für Kilo aus mir heraus. In der Nacht wache ich auf, mache das Licht an und denke, es ist höchste Zeit aufzustehen. Ich wanke durch mein Hotelzimmer, lasse das Licht brennen und lege mich wieder ins Bett. Mein Herz klopft heftig. Kündigt das von einem Herzinfarkt? Dazu bin ich doch noch viel zu jung. Morgen wird das Zimmermädchen an meine Tür klopfen und wenn sie merkt, dass der Schlüssel von innen steckt, wird sie die Hoteldirektorin informieren. Meine Retter werden versuchen, die Tür gewaltsam zu öffnen. Wiederum andere werden über die Fassade auf meinen Balkon klettern, um zwischen den zugezogenen Vorhängen einen Blick auf mich zu erhaschen: „Mit fünfundvierzig Jahren ist sie viel zu früh von uns gegangen. Sie wollte schlank sein wie Claudia Schiffer nach drei Schwangerschaften. Nun ist sie tot. Die Frauen des Spinncafés trauern um ihre allseits beliebte Strickliesl. Wir liebten dich so, wie du warst.“ So wird es in unserem Stadtblatt geschrieben stehen. Doch ich erwache: Etwas verwirrt, mit Kopfschmerzen und viel zu müde, um auch nur einen Gedanken an den Morgenspaziergang oder die Morgengymnastik zu verschwenden. Aber eindeutig lebendig. 8.30 Uhr Lieber gehe ich zum Kneippen – das kann ich schon. Die Damen aus der Bäderabteilung begrüßen mich mit einem freundlichen „Guten Morgen, Frau Heldenstein“. Dann geht’s los: Füße in die Wanne mit warmem Wasser, Eieruhr auf fünf Minuten einstellen und wieder eindösen. Draußen ist es noch dämmrig und über Nacht hat es geschneit. Ich hab vier mögliche Gründe, warum ich so schlecht geschlafen habe: die Sauna am Abend. Das Fasten. Der Schnee. Justus. Justus! Ich schrecke hoch. Mir fällt das misslungene Telefonat von gestern ein. Und ein Artikel, den ich in einer Modezeitschrift in der Hotellobby gelesen habe. Darin stand geschrieben, dass im Rahmen einer schwedischen Studie herausgefunden wurde, dass der Anfangsbuchstabe des eigenen Vornamens Aufschluss gibt über die sexuellen Neigungen. Unter dem Anfangsbuchstaben „E“ las ich: „Von einer guten Beziehung erwartest du vor allem gute Kommunikation. Wenn dein Partner dir nicht zuhören will oder dich schlichtweg nicht versteht, verlierst du schnell das Interesse. Ein Mensch muss dich intellektuell reizen, um zu deinem Sexgott erkoren zu werden. Und wenn du dein Herz erst einmal verschenkt hast, bist du unerschütterlich treu. Unsicherheit und Wutausbrüche sind dir ein Gräuel, dafür schätzt du gute Diskussionen.“ Schon wieder brachte ein völlig fremder Mensch, der mich nicht einmal kannte, auf den Punkt, worum es in meinem Leben geht. Justus scheint mich nicht mehr zu verstehen. Wir haben uns im Laufe der Jahre meilenweit voneinander entfernt. Er lebt sein Leben mit Arbeit, Club und Zeitung lesen. Ich lebe mein Leben in meinem Laden, mit meinem Spinncafé und dem Haushalt. Hört er mir eigentlich noch zu, wenn ich ihm von mir erzähle? Oder gilt das Grunzen hinter seiner Tageszeitung dem aktuellen DAX? Lebhafte Diskussionen gibt es kaum noch. Zu verfahren scheinen schon die Positionen: Alles scheint klar. Alles unverrückbar festgelegt. Aber muss das so sein? Können wir nicht wieder unser Leben gemeinsam führen? Nur fünf Minuten gönnt mir die Eieruhr, dann wate ich durch das eiskalte Wasser und verliere unter meinen betäubten Sohlen schier den Kontakt zum Boden. Ich werde einen neuen Weg finden – auch wenn er so eisig ist wie das Wasser im steinigen Kneippbecken. 10.00 Uhr Seit dem unangenehmen Telefonat mit Justus scheinen vermehrt Männer meinen Weg zu kreuzen. Nach einem Frühstück mit Dinkelbrötchen, Joghurt und Rote-Beete-Aufstrich legt mich Elmar flach. Na ja, flach auf die Massageliege. Das Fasten scheint mir den letzten Rest Verstand zu rauben. Was denke ich hier eigentlich? Na ja, andere übergeben sich oder krümmen sich unter Migräneschmerzen und wiederum andere gucken eben fremden Männern hinterher. So unterschiedlich können Fastenerlebnisse sein. Vor Elmar schäle ich mich aus meinem „Parkhotel Igls“-Bademantel. Ja, ich trage ihn nun auch. Wenn auch noch nicht regelmäßig! Elmar legt los und nimmt sich sogleich meines verspannten Strick-Schultergürtels und -Nackens an. Im Hintergrund pfeifen die Vögel aus der Konserve. Die Musik und Elmars Zauberhände tragen mich weit weg. Schon bin ich eine von Paul Gauguins „Frauen am Strand“. Im Dickicht zwitschert es, in der Ferne rauscht die Meeresbrandung. Die Haut ist feucht von der schwülen Luft der Südsee. Elmar spricht nicht viel. Seine Hände rieseln einem warmen Wasserfall gleich meine Wirbelsäule entlang. Seine Fingerspitzen perlen über meine Haut und ich seufze wohlig. In diesem Moment wird mir klar, dass es ein Fehler war, mich bisher in meinem Leben nur von Frauen massieren zu lassen. Der große Unterschied: Frauen reden mehr und ab und zu fehlt ihnen das Gespür für ihr Gegenüber. Und noch kein Mann hat es geschafft, mich binnen weniger Minuten in die Südsee zu schicken. Günstiger könnte Urlaub nicht sein. Elmar sei Dank! Danach massiert mir Frau Dr. Schirmer den Bauch. Ich werde gewogen und kann es kaum glauben: ein Kilo weniger. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Drei Tage kaum etwas zu beißen und mehr als ein Kilo war nicht drin? Na ja, ich habe mir vorgenommen, die Dinge positiv zu sehen. Also lache ich. Wenn auch verhalten. Ebenfalls gratis dazu erhalte ich von Frau Dr. Schirmer ein paar wertvolle Tipps für meine Orangenhaut. Na, wenn wir schon beim Thema sind, meinetwegen: Ich solle zukünftig drauf achten, weiße Mehle wie Brot, Nudeln, Reis zu vermeiden. Ich solle am besten keine Süßigkeiten mehr essen, keine Marmelade und auch keinen Honig. Am besten wäre: Gemüse. Nur Gemüse! „Das kann sie nicht ernst meinen“, denke ich. Doch sie meint es ernst. Bitterernst. Aber so ein Leben ohne Genuss ist doch kein Leben mehr. Nicht für mich. Hat doch Aenne einmal mit einem Fragebogen ausgetestet, dass ich nach Ayurveda der Kapha-Typ wäre. Mit der Konklusio: „Der Kapha-Typ braucht von allen am wenigsten. Will aber am meisten.“ Da gebe ich diesem fremden Menschen, der mich nicht kennt, ausnahmsweise Recht. 11.00 Uhr Meine zweite intravenöse Gemüsebrühe – die Baseninfusion, um alle garstigen Säuren aus meinem Körper zu verjagen. Draußen ist es trüb, ein paar Schneeflocken haben es bis hier herunter auf das 900 Meter hoch gelegene Igler Plateau geschafft. Mager. Sehr, sehr mager. Meine Tischnachbarin aus dem Speisesaal – die Knäckebrotspezialistin – setzt sich neben mich und wartet ebenfalls auf ihre Infusion. Mit Blick auf den trüben Patscherkofel erzählt sie mir, dass sie bereits zum sechsten Mal hier logiert. Jedes Jahr im Frühjahr kommt sie für mindestens zwei Wochen nach Igls. Mit der Bahn ist sie in gut vier Stunden von Zürich in Innsbruck. Viele andere Hotels hätte sie schon ausprobiert – auch die ganz neuen, durchdesignten –, aber nirgendwo anders würde es ihr so gut gefallen wie im Parkhotel Igls. „Sie haben eine gute Wahl getroffen“, nickt sie mir zu. „Dieses Haus ist toll. Ich mochte es ja immer schon, auch noch vor dem Umbau. Nun ist es viel moderner geworden. Hier herrscht absolute Freundlichkeit und es ist immer jemand da, wenn man ärztliche oder fachliche Hilfe braucht. Kein Snobismus, sondern wunderbar entspannt. Auch für alleinreisende Frauen.“ Tagsüber ist immer ein Arzt vor Ort. In der Nacht sorgen Innsbrucker Medizinstudenten als Nachtdienst dafür, dass Gäste bei Bedarf mit Kopfschmerztabletten oder anderen Medikamenten versorgt werden. Berühmte Menschen steigen hier ab. Sogar Präsidenten waren schon im Haus: Vaclav Havel und Rudolf Schuster kamen nach Operationen zur Reha und auch Thomas Klestil logierte hier im Parkhotel. Ich lehne mich entspannt zurück: Ja, ich hab eine gute Wahl getroffen. Ich habe die Wahl getroffen, nach mehr als zwanzig Jahren wieder alleine zu verreisen. Ohne Justus und ohne Kinder. Und ich habe mich aus der Flut von Hotelprospekten für das Richtige entschieden. Für diesen Moment bin ich glücklich. 12.00 Uhr Ein frühes Mittagessen, denn der Body-Wrap wartet schon auf mich. Dinkelbrötchen mit köstlichem Forellenaufstrich. Nachdem Frau Dr. Schirmer mich noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass ich für jede Mahlzeit mindestens eine halbe Stunde brauchen sollte, lasse ich mir Zeit. Kauend und schlürfend sitze ich in dem hellen Speiseraum, an dem beinahe jeder Tisch belegt ist. Nach einer halben Stunde falte ich meine Serviette und erhebe mich satt und ohne Völlegefühl von meinem Platz. 12.30 Uhr Daniela erwartet mich und hat sich etwas Neues überlegt: Diesmal werde ich für den „Body-Wrap“ – eine Behandlung speziell für die Problemzonen der Frau – in Frischhaltefolie verpackt. Zuerst ein kühles, stoffwechselförderndes und porenöffnendes Gel auf die Haut, dann wird der gesamte Körper mit einem Frischalgenspray befeuchtet und zu guter Letzt mit einer Mischung aus Vulkanerde, chinesischer Heilerde und Spirulina-Algen eingerieben. Nun sehe ich brustabwärts aus wie ein grüner Froschmann. Kurz überlege ich, ob ich so zum Faschingstreiben aufbrechen soll. Verwerfe den Gedanken aber angesichts der winterlichen Temperaturen knapp über null Grad. Danach beweist Daniela, dass sie nicht nur eine tolle Kosmetikerin ist, sondern bestimmt auch eine hervorragende Hausfrau: Sie wickelt mich in Frischhaltefolie, dass es einem frischen Kalbsschnitzel alle Ehre machen würde. Erst die Beine ganz locker. Danach geht Daniela ans Eingemachte und wickelt mich so straff in die Folie, dass meine Oberschenkel, mein Po und meine Hüften garantiert nicht mehr atmen können. Ich mache mir langsam Sorgen um meine Sauerstoffversorgung hüftabwärts. Sterben Gliedmaßen ab, wenn sie für längere Zeit mit zu wenig Sauerstoff versorgt werden? Daniela beruhigt mich und bettet mich auf die frisch bereitete Liege. Ich darf schlafen und dösen. Und das tue ich in dem guten Gefühl, dass meiner Orangenhaut und den Dellen an meinen Problemzonen schwere Zeiten bevorstehen. 16.00 Uhr Ich schalte zur Vorsicht mein Handy ein. Vielleicht hat mir ja der Kater eine Nachricht hinterlassen und fragt nach, wann ich zurückkehre. Wider Erwarten piepst das Ding tatsächlich. Eine SMS von Justus. „Meine liebe Elli. Ich vermisse dich. Mindestens genauso wie unser Kater. Dein Justus.“ Mir wird warm ums Herz. Sollte doch noch alles gut werden? 17.00 Uhr Ich leide entschieden an Entzugserscheinungen. Bei meinem Spaziergang kann mich nicht einmal die vom Neuschnee strahlend weiße Nordkette aus meinen Gelüsten reißen, ständig tauchen Süßigkeiten vor mir auf. Weiße Schokolade, Schokoladenküsschen, Pralinen in allen Formen und Füllungen. Wäre nur ein Glas Schokoladenbrotaufstrich aus dem Tiroler Himmel herabgeschwebt, ich hätte es mit einem Suppenlöffel bis zum letzten Rest ausgekratzt. Allein bei dem Gedanken läuft mir der Speichel im Mund zusammen. Und dabei erstaunt mich immer wieder, mit wie wenig mein Körper auskommt: ohne Murren und Mucksen. Er bäumt sich nicht auf, beschwert sich nicht. Was habe ich ihm bloß in den letzten Jahren zugemutet – viel zu viel von allem. Viel zu große Portionen, viel zu häufig kleine Zwischenmahlzeiten. Er hätte das alles nicht gebraucht. Allein ich wollte es so. Der Darm eines fünfundsiebzigjährigen Menschen – der sich nicht nach den Ernährungsrichtlinien von F. X. Mayr ernährt, wohlgemerkt – hat bereits rund 30 Tonnen Nahrung und 50.000 Liter Flüssigkeit transportiert. Das ist Schwerstarbeit. Davor sollte man wirklich Achtung haben. Erst zweimal habe ich mein Dinkelbrötchen bis zum letzten Krümel aufgegessen. Meist bin ich vorher satt und befolge den Fasten-Ratschlag: „Beim ersten Sättigungsgefühl beende deine Mahlzeit.“ 18.00 Uhr Markus hat mich zu sich in die Küche eingeladen: Er würde mir beibringen, wie man richtig Gemüse schneidet. Das meint er ja wohl nicht ernst, oder? Beim Teeschlürfen und Knäckebrotknabbern denke ich diese Variante durch. Verwerfe sie aber gründlich. 19.30 Uhr Chefarzt Dr. Winkler ist heute mit einem Vortrag an der Reihe. Es ist spannend und ich komme mir vor wie eine junge Medizinstudentin, die eine Vorlesung in Sachen Anatomie besucht, und höre Erstaunliches: 8 bis 10 Meter ist der menschliche Darm lang, mit einer Wirkfläche von 400 bis 500 Quadratmetern. Ich weiß nun auch, dass ein gesunder Bauch anders aussieht als meiner: Er sollte nämlich kein Querrelief haben – sprich Fettröllchen, sondern die Reliefzeichnung sollte vertikal verlaufen. Denn von oben nach unten verlaufen die Muskelstränge. Unter der Bauchdecke liegt das „Große Netz“ und dahinter verbergen sich die unzähligen Dünndarmschleifen, eingerahmt vom Dickdarm. Wenn es mit dem Darm bergab geht, beginnt es erst mit einer Erschlaffung: der querliegende Dickdarm hängt in der Mitte mehr und mehr durch. Dadurch kommt es zu Verschmutzungen, der Darm ist nicht mehr in der Lage, sich selber zu reinigen. Dadurch kommt es zur Ptose, der gesamte Darm beginnt sich nach unten zu senken. Später kommt es zur Dysbakterie, zu Gärungs- und Fäulnisprozessen im Darm. Diese Gärungsbakterien beginnen langsam in den Dünndarm zurückzuwandern. Was sie in keinem Fall tun sollten. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Entzündung und letzten Endes kann es sogar zu einer Penetration von Schadstoffen in Blut und Lymphe kommen. Mir wird ganz anders zumute. Schade, dass Biologie und Anatomie zu Schulzeiten nicht erst genommen werden. Hier müsste doch eigentlich schon bei Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für den eigenen Körper und seine Funktionen geschaffen werden. 21.00 Uhr Im Pyjama und Bademantel schlurfe ich durch die völlig leere Hotellobby und hole mir von der Teebar einen Abendtee. Dann noch ein Bauchwickel und ab ins Bett. Mein Highlight des Tages: 1 Kilo weniger! Meine Fasten-Erkenntnis: Mein Körper ist ein Wunder der Schöpfung. Ich danke meinen Organen und meinem Darm, dass er bisher so reibungslos und ohne mein Zutun 24 Stunden täglich dafür gesorgt hat, dass es mir gut geht. Mein Ziel für zu Hause: Diese größten fünf Fehler beim Essen werde ich zukünftig vermeiden: zu schnell essen (jeden Bissen mindestens 30-mal kauen) zu viel essen (der Nerv zwischen Magen und Hirn ist ziemlich langsam: er braucht für seine Botschaft „Satt“ 20 Minuten) zu oft essen (4 bis 5 Stunden sollten zwischen den Mahlzeiten liegen) das Falsche essen (nämlich Süßigkeiten, denaturierte Produkte, viel Fleisch) um die falsche Zeit essen (nämlich abends) Tag 6 – Freitag, 1. Februar Gewicht: 71,2 Kilogramm (schon wieder ein Kilo weniger) Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 2: 1 halbes Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Gartenkräuteraufstrich zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Forellenfilet zu Mittag, 1 Tasse Gemüsebrühe, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben Bewegung: 30 Minuten Morgengymnastik, ½ Stunde Wirbelsäulentraining, ½ Stunde Stretching, 1 km auf dem Laufband mit MBT-Schuhen, 12 Minuten Rad-Intervalltraining, 5 Längen Schwimmen, 1 Stunde Feldenkrais (ich werde zum Bewegungstalent!) Zeitung: Der Standard, Spiegel 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan Heute Morgen stelle ich fest: Die Zeit verfliegt im Nu. Schon den fünften Tag bin ich nun im Parkhotel und immer wieder gibt es Neues zu entdecken. Kein Wunder, dass die Gäste jedes Jahr wieder kommen. Das Hotel ist ein ideales Refugium, um sich auf die wesentlichen Werte im Leben zu besinnen. Und es bietet mit seinem wunderbaren Wohlfühl-Ambiente den absolut richtigen Rahmen dafür: ein klein wenig Klinik-Feeling, extreme Freundlichkeit, höchster Service und die hervorragende Küche sind wohl das wahre Geheimnis des Parkhotels. Wer das Spiel des „Sehen und Gesehen-Werdens“ spielen möchte, der wird sich hier nicht wohlfühlen. Der hat einfach keine Chance zu zeigen, was er hat oder besitzt. Denn es wird niemand anderen interessieren. Nicht, weil man mit sich selbst beschäftigt ist, sondern weil Stil Gelassenheit impliziert. Trotzdem – ich wäre ja nicht Elli Heldenstein – würde ich mich auch gerne ein bisschen dem Selbstmitleid hingeben. Da sitzen Damen im weißen Parkhotel-Einheitsoutfit Bademantel und sehen wie Göttinnen aus – allein ihre Haltung, ihre Frisur, ihr Schmuck. Bestimmt wohnen sie in rosenumrankten Schlössern, reiten täglich ihre Ländereien ab und lesen hochintellektuelle Bücher vor dem lodernden Kaminfeuer. Rosamunde Pilcher lässt grüßen. Sie tragen bekannte Namen, die sich andere Menschen wissend gegenseitig ins Ohr flüstern. Im Sommer fahren sie zum Sonnenbaden nach Marbella, im Winter geht’s nach St. Moritz und danach ins Parkhotel. Dann erholt man sich von all dem Luxus und kehrt wieder bei sich selber ein. Entschlackt, reinigt und besinnt sich auf das wirklich Wesentliche im Leben: die eigene Gesundheit. Diese Menschen (und auch ich) haben es grundsätzlich viel einfacher im Leben als so manch andere. Wer jeden Tag im Akkord am Fließband arbeitet oder Schichtdienste schiebt, daneben zwei Kinder großzieht, weil es der Mann vorgezogen hat, bei der jungen Nachbarin einzuziehen, verschwendet wohl kaum einen Gedanken an seine Gesundheit – da geht es vor allem darum, dass das System funktioniert. Morgens aufstehen, Kinder fertig machen. Arbeiten, Kochen, Arbeiten, Kochen. Hausaufgaben machen, Haushalt. Das Geld reicht vorne und hinten nicht und warum zu den Bio-Tomaten greifen, wenn die aus Spanien nur die Hälfte kosten. Das Leben ist ungerecht. Da erzähle ich nix Neues. Und der Gedanke daran, dass ich ja selber hier wohne, den ganzen Luxus am eigenen Leib genießen kann, meinen Darm verwöhne und ihn mollig warm einpacke, bevor ich mich am Nachmittag ein Stündchen zum Rasten ins wohlige Bett lege, tröstet mich darüber hinweg, dass ich keine Ländereien, kein dickes Auto und keine Yacht vor Monaco besitze. Aenne erzählte mir von Buddha (nach dem hat sie unseren Kater benannt): Der war der Sohn eines reichen Herrschers. Doch Buddha war damit nicht zufrieden und außerdem hieß er auch noch nicht so. Eines Tages verließ er den Palast, lernte Yoga und Meditation und verbrachte von nun an sein Leben mit der Suche nach einem tieferen Sinn. Eines Nachts erlangte er in tiefster Versenkung die Erleuchtung: Begierde, Hass und Unwissenheit fielen von ihm ab. Er wurde zu Buddha, dem „Erwachten“. Ich komme zu zwei Erkenntnissen: Ich habe eine kluge Tochter, die mehr weiß, als ich gedacht habe. Und wir alle, die wir hier unter dem Dach des Parkhotels verweilen, gehören einer durch und durch privilegierten, kleinen Schicht an. Ich überlege kurz, ob ich vielleicht auch über Nacht die Erleuchtung erlangt habe, denn mein Kopf ist klar und mein Geist fliegt nur so dahin. Vielleicht habe ich die spirituelle Seite des Fastens bisher auch einfach unterschätzt und mich zu sehr auf meine niedrigen, körperlichen Bedürfnisse konzentriert. Der Aufenthalt wird mit jedem Tag spannender und intensiver. Auch die Einnahme des Bittersalzes verändert sich – war es an den ersten drei Tagen so, dass ich sofort nach maximal 30 Minuten in Richtung Toilette unterwegs war, ist die Reaktion inzwischen längst nicht mehr so ungestüm. Vielleicht kann ich sogar einmal den Morgenspaziergang von 7.15 bis 7.50 Uhr wagen. Das müsste sich mit meinem körperlichen Timing inzwischen vereinbaren lassen. Zuerst aber zur Morgengymnastik, um mit Schwung den neuen Tag zu begrüßen, und danach zum Frühstück. 8.30 Uhr Die Modernen Mayr-Ärzte raten dazu, während einer Fastenkur genügend Eiweiß zu essen. Damit soll verhindert werden, dass der Körper seine Muskulatur anzapft. Mit den täglichen Eiweißbeilagen wird diese gut versorgt. Deswegen ist es auch von so großer Bedeutung, viel Bewegung und Sport zu machen – wer Muskeln aufbaut, verdrängt die Fettzellen. Und Muskeln wiegen zwar schwerer – man möge ihnen verzeihen –, aber sie verbrauchen auch viel mehr Kalorien. Ein muskulöser Mensch kann mehr essen als ein Muskel-Leichtgewicht. Nach Rückfrage bei meinem Lieblingskoch Markus weiß ich nun: das Forellenfilet, der Tiroler Alpenschnittkäse sowie der Puten-, Kalbs- und Rinderschinken enthalten den höchsten Anteil an Eiweiß. Und Haferflocken! Na, mein Lieber, ob du da wirklich richtig hingeguckt hast? Aber ich glaube Markus auf Anhieb. Ich entscheide mich für Gartenkräuterkäse, lasse mir viel Zeit (denn ich muss dabei immer an den gestrengen Gesichtsausdruck von Frau Dr. Schirmer denken) und eile dann zur Dauerbrause. „Und ich brause, brause, brause, brause im Sauseschritt und bring die Liebe mit, von meinem Brausetripp.“ Zum Glück macht das Höllending so einen Lärm, dass mich keiner singen hört. Was für ein Gerät! Als ich es zum ersten Mal in der Bäderabteilung erblicke, denke ich ein bisschen an Raumschiff Enterprise und noch mehr an Austin Powers: eine weiße Liege mit grüner Matte, eine weiße, blank lackierte Riesenhaube, an deren Unterseite zahlreiche Düsen angebracht sind. Sobald man die Haube nach unten in Richtung Liege senkt und schließt, öffnen sich diese Düsen wie von Geisterhand und es rauscht und braust und duscht. Etwas skeptisch blicke ich Monika an: Da soll ich rein? Und dann auch noch mit Wechselduschen? Aber sie versichert mir, dass das gar nicht schlimm, sondern ganz extrem entspannend wäre. Ich vertraue ihr, streife meinen Bademantel ab und klettere unbehände auf die Matte. Monika bettet meinen Kopf auf ein Handtuch und schließt vorsichtig den Deckel – schon geht’s los! Das Wasser rauscht auf mich herab. Es ist mit einem Algenextrakt versehen, sodass es nicht nur gut duftet, sondern meinen Körper auch noch richtig entschlackt und entgiftet. Die Düsen bewegen sich auf meinem liegenden Körper auf und ab – erst warm, dann noch wärmer, dann ein bisschen kälter und schließlich kalt. Na, nicht eiskalt. Es ist auszuhalten, auch wenn ich mich ein bisschen an der grünen Matte festkralle (was ein unmögliches Unterfangen ist). Mein Kopf bleibt draußen. Ab dem Hals abwärts rauscht es kräftig. Als ich mit meiner Hand über meinen Bauch gleite, ist der ganz glatt geduscht. Die Dauerbrause ist eine echte Lymphdrainage und wird von mir zum Innovations-Award vorgeschlagen. Nach fünfzehn Minuten heißt es umdrehen und nun wird meine Rückseite mit Druck abgeduscht. Leider sind meine Fußsohlen so empfindlich, dass ich sie seitlich rausdrehen muss. Ansonsten hätte ich mich in der Dauerbrause totgelacht. Nach dreißig Minuten befreit mich Monika. Ich fühle mich richtig gut und streiche meinem Hydro-Star zärtlich über die Haube. Dann drehe ich noch zwei Runden im eiskalten Kneippbecken und werfe meiner Dauerbrause einen letzten verliebten Blick zu. Doch die verschließt sich schon wieder einer Muschel gleich für einen neuen Gast. Heute mache ich Bekanntschaft mit Christine R. und lerne: eine gute Masseurin ist auch ein wandelndes Lexikon für Alternativbehandlungen. Während sie meinen Nacken und meine Schultern bearbeitet, erzählt sie von Meridianen, die in meinem Körper unsichtbar verlaufen. Die Chinesen haben die Energielinien gefunden – zu einer Zeit, in der es noch keinen Ultraschall oder Computertomographie gab. Ich schaue Christine etwas skeptisch an. Doch sie verrät mir, man könne die Meridiane mit Samt- und Seidenstrichen ausfindig machen. Samt- und Seidenstriche! Man stelle sich mal vor. Mit Samt- und Seidenstrichen könnte man mich auch herauslocken. Die Meridiane scheinen allesamt weiblich zu sein und auf zarte Stoffe zu stehen. Leider lerne ich meine Meridiane heute nicht mehr kennen, die 25 Minuten sind um und meine Meridiane bleiben in meinem Körper – weiterhin unsichtbar – versteckt. 12.45 Uhr Gemüsebrühe schlürfen, Infusion legen, Mittagessen, ruhen. 15.00 Uhr Ich liege faul im Bett. Gerade fällt irgendein gestrenger Fernsehrichter seinen Urteilsspruch über einen mutmaßlichen Täter, da klingelt das Telefon. Meine Tochter Aenne. „Hallo, mein Schätzchen“, begrüße ich sie erfreut. „Hallo Mami“, antwortet Aenne. „Wie geht es dir denn beim Fasten und Abnehmen?“ „Gut geht’s mir“, versichere ich wahrheitsgetreu. „Ich hab bestimmt schon zwei Kilo abgenommen und bin erstaunt, mit wie wenig ich auskommen kann. Außerdem hab ich schon Pilates gemacht. Was sagst du dazu?“ „Super und wie hat’s dir gefallen?“ Endlich kann ich mit Aenne ausgiebig telefonieren. Ich freu mich sehr, meine schöne, kluge Tochter am Apparat zu haben. Sie erzählt mir, dass Simon sich beschwert hatte, dass er, seit ich in Tirol bin, keine Care-Pakete mehr in die WG geschickt bekommt. (Ich hatte in Erinnerung, dass er keine wollte!) Und sie erzählt, dass Little Buddha, unser Kater, jeden Morgen in meinem Bademantel schläft, der vom Haken gerutscht ist. Sie deutet das als sicheres Zeichen dafür, dass er mich vermisst. Aenne selbst ist gerade dabei, ein Referat zum Thema „Freud – das Ich, Es und Über-Ich“ vorzubereiten. Sie ist ja so klug! Ich komme nicht umhin – da sie ja selbst nicht darauf zu sprechen kommt –, nach Justus zu fragen. „Wie geht’s denn Papa so?“, frage ich betont heiter. Aenne räuspert sich und legt eine schier unendliche Pause ein. „Na ja“, beginnt sie stockend. „Papa geht’s nicht so gut, glaube ich. Er geht ohne Frühstück aus dem Haus, obwohl ich ja eigentlich das Frühstück mache und er sich nur an den Tisch zu setzen bräuchte, und er kommt bestimmt nie vor neun Uhr abends aus dem Büro nach Hause. Dann schleicht er zu mir ins Zimmer, setzt sich auf mein Bett und erzählt mir seinen ganzen Frust aus dem Büro. Ich höre ihm von meinem Schreibtisch aus zu. Er fragt kurz, wie mein Tag war und ob ich auch anständig gegessen hätte. Dann schleicht er ins Bad und spätestens um zehn Uhr liegt er im Bett. Findest du das etwa nicht merkwürdig?“ Ich beantworte ihre Frage mit einer Gegenfrage: „Machst du dir Sorgen um ihn?“ „Mmmh, ich finde, er sieht nicht besonders gut aus“, überlegt Aenne. „Also er hat bestimmt kein Verhältnis mit seiner Sekretärin oder so. Aber ich glaube, er hat mindestens schon genauso viel abgenommen wie du.“ Nun bin ich es, die nicht mehr weiß, was sie drauf antworten soll. „Habt ihr denn Stress miteinander?“, fragt mich Aenne leise. „Ach Aenne“, seufze ich. „Wir haben keinen Stress miteinander. Und wahrscheinlich ist genau das das Problem. Seit ihr zwei Kinder uns nicht mehr braucht, fehlt uns irgendwie das Miteinander. Papi tigert sich in seine Arbeit, ich bin beinahe täglich neun Stunden in der Strickliesl. Unsere Abende bestehen aus Zeitunglesen, Putzen und Kochen. Und Essen – vor allem für mich. Kannst du dir vorstellen, wie’s mir dabei geht? Wir waren einmal so aktiv. Haben so viel unternommen. Nun sieht es schon seit Jahren so aus, als ob wir am Abend füreinander gar keine Energie mehr hätten. Wir haben sie schon beide mit Arbeiten verbraucht. Zum Abendessen sitzen wir uns gegenüber und stieren uns an. Jeder zu müde oder zu resigniert, um dem anderen noch groß aus seinem Leben zu erzählen. Du bist es, die uns von ihrem Leben erzählt: von deinen Erlebnissen, deinen Freunden, deinen Prüfungen, deinen Hobbys. Aenne, ist dir noch nicht aufgefallen, dass du beinahe die Einzige bist, die redet? Du bist diejenige im Haus, die vor Leben übersprudelt. Während Papi und ich nur noch – wie sagt man – business on use – machen.“ „Business as usual“, korrigiert mich Aenne. „Ja, genau“, sage ich kurz. „Ich würde auch gerne wieder ein erfülltes Leben führen. Ich möchte ausgehen, mir die neueste Produktion am Staatstheater anschauen, aktiv sein. Mit deinem Papi lachen und Spaß mit ihm haben. Das alles fehlt mir so sehr und bisher hab ich noch keinen Weg gefunden, um mir darüber überhaupt klar zu werden bzw. es zu verändern. Deswegen bin ich nach Igls gekommen. Ich dachte mir, vielleicht bringt mich das Fasten ein Stück weiter und ich finde wieder einen Weg zurück in ein erfülltes Leben.“ Nach diesem Redefluss fühle mich erschöpft. Noch niemals habe ich so eindrücklich über meine Ehe gesprochen. Schon gar nicht mit meiner Tochter. Aber es tut gut. „Und hilft es dir?“, fragt mich Aenne. „Das Fasten?“ „Ja, Aenne. Es hilft mir“, antworte ich ihr. „Die intensive Beschäftigung mit meinem Körper führt mich wieder ganz nah an mich selber heran. Je leichter mein Körper wird, umso klarer wird mein Verstand. Ich denke viel über Justus und mich nach. Wie es früher war und wie ich es mir für die Zukunft wünsche.“ „Dann bin ich erleichtert“, sagt Aenne, druckst aber noch ein bisschen herum. „Denkst du, dass ihr eine gemeinsame Zukunft habt. Du und Papi?“ „Ich weiß es nicht“, sage ich leise. „Aber ich hoffe es.“ „Ich hoffe es auch“, murmelt Aenne. „Er vermisst dich so sehr. Glaub mir. Noch nie hab ich ihn so gesehen. Und er vermisst dich nicht, weil er kein Abendessen bekommt. Ich glaube, er denkt mindestens genauso viel nach wie du.“ Ich bin Aenne unglaublich dankbar für dieses Gespräch. Bevor sie Tschüss sagt, gibt sie mir noch einen Tipp: Ich solle Justus einen Brief schreiben. Ob ich ihn tatsächlich wegschicken würde oder nicht, meinte sie, könne ich ganz am Ende entscheiden. Aber sie hätte beste Erfahrungen mit Tagebuchschreiben. Und es hilft ihr, ihre Gedanken zu ordnen. Ich sinke erschöpft zurück in meine Kissen: Tagebuch schreiben! Wie lange habe ich schon kein Tagebuch mehr geschrieben. Ja, vielleicht hat Aenne Recht. Vielleicht sollte ich Justus einen Brief schreiben. Und vielleicht sollte ich wieder Tagebuch führen. So würde mir bewusst werden, wie leer oder ausgefüllt mein Leben wirklich ist. Ich könnte meine Gefühle niederschreiben und nachlesen. Und so mein Leben rekonstruieren – äh, reflektieren. Während ich noch so sinniere, fällt mein Blick auf die Uhr: oje, schon so spät. Josef wartet mit Wirbelsäulengymnastik und Stretching im Gymnastikraum. Also Bauchwickel weg und rein in die Trainingshose. 17.30 Uhr Puuh, bin ich geschafft: Josef zeigte uns wunderbare Übungen zur Kräftigung der Muskeln an Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule. Danach eine halbe Stunde Stretching und die besten Wünsche fürs Wochenende. Er hat frei – wir nicht. Fasten kennt kein Wochenende! Doch ich hab noch nicht genug. Schön langsam beginne ich, die Aktivität und die Bewegung zu genießen. Ich laufe noch eine Runde mit den MTB-Schuhen auf dem Laufband und fahre noch eine 12-Minuten-Rallye auf dem Rad. Danach fühle ich mich wie Madonna: verschwitzt, entspannt, cool. Wenn vor dem Parkhotel ein paar Paparazzi lauern würden, käme ich mit großer Sonnenbrille und Trainingsklamotten rausspaziert. Dann hieße es: „Die berühmte Elli Heldenstein stieg zum ersten Mal im renommierten Parkhotel Igls ab, einem der angesehensten Gesundheitshotels in den Alpen und Zentrum der Modernen Mayr-Medizin. Wir entdeckten sie, als sie gerade vom Training kam. Unter ihrem T-Shirt zeichneten sich bereits deutlich die neu gewonnenen Oberarmmuskeln ab. Wir freuen uns schon, wenn wir diese in ihrem nächsten Film ,Die Venus tanzt in der Meeresgischt‘ zu sehen bekommen. Wir geben zurück nach Berlin.“ Aber keine Fotografen in Sicht. Also entschließe ich mich, noch ein paar Runden in dem wunderbar edlen Schwimmbad zu drehen. Ein wohliges Gefühl stellt sich ein. Während ich das warme Wasser durchpflüge, liegt der Park in winterlicher Dunkelheit. Ich höre den eisigen Wind leise in den Wipfeln rauschen. Schade, dass es nicht schneit. Die Flocken vor den großen Panoramatüren würden einen schaurig-schönen Kontrast bilden – schon der Gedanke daran jagt mir die Gänsehaut über den Rücken. Langsam drehe ich mich auf den Rücken und lasse mich von tiefer Glückseligkeit tragen. 20.00 Uhr Meine Knäckebrot-Nachbarin ist abgereist. Wie viele andere auch. Heute ist das Abendessen einsamer. Dennoch kaue ich tapfer eine halbe Stunde an meinen zwei Scheiben Knäckebrot. Danach lerne ich Carmen und Feldenkrais kennen: eine Bewegungslehre, bei der man sich kaum bewegt. Fünfzig Minuten dauert die Einheit im Gymnastikraum und wir sind bloß zu zweit. Viele der Gäste fahren nach Innsbruck und gehen ins Theater oder ins Kabarett. Ich bleibe im Hotel. Ich hab nicht einmal ein Kleid zum Ausgehen mit. Ich rolle auf Carmens Handtuchrolle mein Kreuzbein-Darm-Gelenk und rutsche mit dem Becken nach rechts und nach links. Ich fühle Teile meines Körpers, von denen ich bisher nicht ahnte, dass ich sie habe. Ich fühle meine Mitte und die Ausgerichtetheit der Wirbelsäule. Dennoch wird mir traurig zumute, ich fühle mich so klein, so endlich. Das Fasten bringt mich ganz nah zu mir und meinem Körper. Ich bin froh, als ich aus dem abgedunkelten Gymnastikraum schlüpfen darf. Meine Stimmung wechselt wie das Wetter in den Tiroler Bergen. 21.15 Uhr Irgendwer hat „Die Zeit“ aus der Hotellobby geklaut. Seit einem ganzen Tag warte ich schon, dass dieser Jemand sie zurückbringt. Ich muss doch etwas für meine Bildung tun. Also Fernsehen statt Abendlektüre. Ist aber völlig unbefriedigend. Mein Highlight des Tages: Die Dauerbrause. Meine Fasten-Erkenntnis: Fasten ist Spüren: Spüren des eigenen Körpers, des eigenen Lebens, der eigenen Wünsche. Mein Ziel für zu Hause: Ein Tagebuch führen. Tag 7 – Samstag, 2. Februar Gewicht: 70,7 Kilogramm Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 3: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 50 g Forellenaufstrich zum Frühstück, 1 Tasse Gemüsebrühe, 1 Dinkelbrötchen + Basensuppe + 50 g Schafskäse zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben Bewegung: ½ Stunde Training am Ergo-Rad, 1 Stunde Nordic Walking Zeitung: Bild, Kronenzeitung 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 9.00 Uhr Mmmh, wie gut wäre ausschlafen? Aber Fasten kennt kein Wochenende. Also ist tagein, tagaus das gleiche Prozedere vorgesehen: 6.45 Uhr Bitterwasser trinken. Wer einmal getrunken hat, sollte sich nicht wieder hinlegen. Denn die Bewegung des Körpers verstärkt die Wirkung des Bitterwassers auch noch mechanisch. Also am besten: bewegen! Am Wochenende gibt’s kaum Termine – heute reisen viele Gäste ab. Ich bleibe. Und freu mich drüber. Da statt der Morgengymnastik am Wochenende Wassergymnastik angeboten wird, entscheide ich mich, alleine zu trainieren. Also rein in den Trainingsanzug und rauf in den Panorama-Fitnessraum. Ich strample mich auf dem Rad wach und beobachte den Föhnsturm. Mit Blick auf die verschneite Nordkette denke ich über das gestrige Telefonat mit Aenne nach. Justus geht es also schlecht. Er arbeitet viel und isst wenig. Na ja, seiner Figur schadet das bestimmt nicht. Draußen hat der Föhnsturm die Wipfel der Bäume fest im Griff. Sie scheinen sich in ihrem ureigenen Takt zu wiegen, sind flexibel und standhaft zugleich. Neidvoll blicke ich auf die große Linde und die anderen uralten Bäume. Sie müssen starke, große Wurzeln haben, um dem Wind zu trotzen. Und dennoch wirken sie leicht und anmutig. Wie lange sie da wohl schon stehen? Was sie zu erzählen hätten? Und welche Worte sie wohl benutzen würden, wenn sie mich beschreiben könnten: eine Frau Mitte vierzig, schwitzend und mit ein paar Speckröllchen an den Hüften. Die sich selber wieder gefallen will. Die ihrem Mann gefallen will. Die wieder Gefallen am Leben finden will. Eine Frau, die stärker ist, als sie selber denkt. In ihrem ganzen Leben hat sie wohl schon mehr als zwei Tonnen Lebensmittel und Einkäufe gestemmt. Sie hat zwei Babys im Bauch und auf den Armen getragen, bis sie zu Kindern und Jugendlichen herangewachsen waren. Sie hat gesorgt, gepflegt, fiebrige Stirnen gekühlt und heilsamen Atem auf Wunden gepustet. Sie war immer da. Nun ist sie nach mehr als zwanzig Jahren einmal für sich alleine. Um herauszufinden, was sie sich für ihr Leben wünscht. Noch ganz in Gedanken versunken und nass vor Schweiß steige ich in den Lift. Als die Tür sich öffnet, setze ich einen Fuß über die Schwelle und hebe den Kopf. Verzweifelt murmle ich: „Wo bin ich?“ „Im Erdgeschoss“, antwortet mir eine freundliche Stimme. „Ich muss aber in den 4. Stock“, erwidere ich verwirrt. „Na, aber da kommen Sie doch gerade her. Aber keine Angst, ich nehme Sie wieder mit nach oben.“ Eine sanfte Hand an der Schulter schiebt mich zurück in den Lift. Als sich die Tür erneut öffnet, lächle ich befreit und hebe erst jetzt den Kopf. Schüchtern bedanke ich mich bei dem Mann. „Gerne geschehen, jederzeit wieder“, lächelt er mich an. Ein bisschen mitleidig? Oder kommt mir das nur so vor? Niemand hat mich davor gewarnt, dass Fasten auch die Nebenwirkung der völligen Verwirrtheit mit sich bringen kann. Nach der obligaten Darmentleerung und einer ausgiebigen Dusche schlüpfe ich in meinen kuscheligen Bademantel und meine weißen Schlappen und trete den Weg in Richtung Speiseraum an. Und stelle erfreut fest: Ich habe Stufe 3 der Modernen F.-X.-Mayr-Kur erreicht. Das Frühstück wird ab heute etwas üppiger: anstatt der 30 Gramm Eiweißbeilage erhalte ich nun 50 Gramm und zu Mittag darf ich das Joghurt gegen eine Basensuppe tauschen. Ich freue mich, auch wenn mein Gewichtsstand nicht unbedingt zum Jubeln verleitet. Na ja, vielleicht ist das der Preis – ich habe keinerlei Beschwerden, nehme aber auch nur langsam ab. Oder meine Trainingseinheiten haben Wirkung gezeigt und meine Muskelmasse ist gewachsen und wiegt schwerer als Fett. Gerade nehme ich an meinem Tisch Platz, streife den Silberring von der Serviette und breite sie mir über meinen Schoß, als mein „Mitfahrer“ aus dem Lift den Speiseraum betritt. „Na, haben Sie hergefunden?“, begrüßt er mich lächelnd. „Ja, ich bin angekommen“, entgegne ich ihm lachend. „Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Frühstück.“ „Ihnen auch.“ „Guten Morgen“, begrüßt Jasmine den neuen Gast. „Wie geht es Ihnen? Wieder in Tirol?“ „Guten Morgen, Jasmine“, freut sich der Herr. „Schön, Sie wiederzusehen.“ Zufrieden kauend lehne ich mich zurück: Ich genieße diese offene und freundliche Art, mit der man sich Parkhotel begegnet. Wahrscheinlich wird die Rückkehr in die normale Welt draußen ein Kulturschock. Wo findet man schon derart gute Umgangsformen und so viel Höflichkeit. Ich denke darüber nach, wie Justus und ich uns manchmal begegnen. Genervt, gereizt, besserwisserisch. Im Laufe eines Ehelebens schleifen sich Gewohnheiten ein, die man zuerst noch bemerkt, dann aber einfach als gegeben hinnimmt. Leider zählen wir beide nicht zu den Menschen, die sich immer in ruhiger und friedvoller Stimmung begegnen. Hier ein lautes Wort, da ein beleidigtes Murmeln und schon kippt die Stimmung für den restlichen Tag. Dabei wäre die Achtsamkeit der Worte so wichtig – wie ich mit anderen spreche, so wird auch deren Umgang mit meiner Person sein. Setze ich andere herab, werde ich Wut und Hass ernten. Ich erinnere mich an einen Ausspruch meiner Mutter: „Der Ton macht die Musik.“ Ich nehme mir vor, mehr auf meine Worte zu achten. Und nicht nur das. Auch worüber ich spreche. Fasten bedeutet doch den „bewussten und freiwilligen Verzicht für eine gewisse Zeit“. Warum nicht einmal darauf verzichten, über andere Menschen zu reden. Im Guten wie im Schlechten. Viel zu leicht ist man dazu verleitet, andere Menschen hinsichtlich Bildung, Herkunft und Lebensführung zu taxieren: Was trägt die denn für ein Kleid? Mit dem Dialekt kommt die doch vom Bauernhof? Ob die schon jemals eine Tageszeitung gelesen hat? Mir fällt ein Gebot aus der Bibel ein: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Das heißt soviel wie du sollst ihn nicht verleumden. Bei der letzten Scheibe meines Dinkelbrötchens nehme ich mir vor, die bevorstehende Fastenzeit zu nutzen und auf meine Worte zu achten. Mal sehen, welche Inhalte dann noch übrig bleiben. Denn wenn ich es mir recht überlege, wird im Spinncafé mindestens die Hälfte der Zeit damit zugebracht, über die zu reden, die heute nicht anwesend sind. Ich werde neue Regeln aufstellen. Eine davon lautet: „Über nicht anwesende Personen wird nicht gesprochen.“ Mit diesem Vorsatz beende ich mein Frühstück. 13.00 Uhr Gähn. Die Langeweile eines Samstags, an dem man weder einkaufen noch putzen muss noch etwas zu erledigen hat, macht sich breit. Diese Momente sind selten: Da kann man ein Buch lesen (hab ich schon), malen (hab nichts dabei), Kreuzworträtsel lösen (wie spießig) oder Briefe schreiben. Ja, vielleicht sollte ich das wirklich tun. Einen Brief an Justus. Bislang habe ich nichts mehr von ihm gehört. Bis auf die Telefonberichterstattung von Aenne herrscht Funkstille. Meine Wut auf ihn ist längst verflogen. Ich kann Justus nie lange böse sein. Ich entscheide: Ein Brief ist eine gute Idee. Ich erhebe mich aus dem Bett, hole das Hotel-Briefpapier aus der Mappe auf dem kleinen Tischchen in meinem Zimmer. Setze mich an den Schreibtisch und die gelbe Rose sieht mir dabei zu, wie ich unschlüssig den Kugelschreiber zwischen den Fingern drehe. Mein rechtes Bein wippt aufgeregt auf und ab. Was hab ich ihm zu sagen? Lieber Justus, leider ist unser letztes Telefonat nicht besonders gut verlaufen. Fast eine Woche bin ich nun schon in Igls, faste, turne und genieße. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass der Verzicht mir so leicht fällt. So völlig aus dem Alltag entlassen, habe ich viel Zeit, um nachzudenken. Beinahe jeden Nachmittag schnüre ich meine Trekking-Schuhe und mache mich auf den Weg ins Viller Moor in Richtung Seerosenweiher oder in Richtung Süden. Hier bekommen meine Gedanken den Auslauf, den sie so dringend benötigen. Ich weiß, dass ihr gut ohne mich zurechtkommt: Aenne braucht mich genauso wenig wie Simon, der Kater hat wohl seinen Fress-Streik wieder beendet. Nadine wird den Umsatz in der Strickliesl verdreifachen und auch Du wirst es Dir nicht schlecht gehen lassen. Nach sieben Tagen Urlaub macht sich allerdings schon ein bisschen Heimweh bei mir bemerkbar. Mein alltägliches Leben fehlt mir, wenn auch nicht alles. Lieber Justus, wie lange sind wir nun schon verheiratet? Beinahe zwanzig Jahre. Wir haben zwei wunderbare Kinder, ein schönes Haus und dennoch haben wir uns beide ein bisschen verloren. Ein jeder lebt für sich: Du für Deine Arbeit und den Club. Ich für die Strickliesl, meine Pflichten zu Hause und meine Wohltätigkeitsarbeit in der Kirche. In letzter Zeit bekam ich immer mehr das Gefühl, neben Dir anstatt mit Dir zu leben. Ich bin beständig darum bemüht, Dir ein gutes Leben zu bereiten. Ja, das sind wohl diese Pflichten, die man als „gute“ Ehefrau auferlegt bekommt. Aber ich habe gemerkt, dass mein „ICH“ darunter leidet. Ich fühle mich einsam. Ich sehne mich nach der Zweisamkeit, die uns früher so zusammengeschweißt hat. Weißt Du noch, als Aenne als kleines Mädchen an Gehirnhautreizung erkrankt war? Nächtelang saßen wir Hand in Hand an ihrem Bett. Haben uns gegenseitig gestützt, uns Trost zugeflüstert. Nach bangen Tagen hielten wir ein genesenes Mädchen auf dem Arm. Krisen haben uns noch näher zusammengeführt. Doch nun haben wir uns zu Einzelkämpfern entwickelt. Waren die Kinder der einzige Kitt? Ich weiß nicht, wie Du die Situation empfindest. Für mich ist sie sehr, sehr unbefriedigend. Ich kann und will so nicht weiterleben – ohne gemeinsame Hobbys, ohne gemeinsame Aktivitäten, Ausflüge, Unternehmungen, Urlaube. Das gesamte Leben erscheint mir als Einerlei, als dumpfer, brauner Brei, ohne erkennbare Höhen und Tiefen. Wir haben alles, wir können uns alles leisten, wir brauchen um nichts mehr zu kämpfen – wir sind „gesättigt“. Ich könnte mir aus Langeweile (und um Dir zu gefallen) die Lippen machen oder meine ersten Falten unterspritzen lassen. Aber habe ich dadurch mehr Sinn im Leben? Nein, dann doch lieber in Würde altern. Ich habe diese Woche viele Vorträge und Seminare besucht, auch zu den Themen Regeneration und Entspannung. Und dabei habe ich an uns denken müssen. Entspannung ist das Ende von Spannung. Doch ich habe das Gefühl, dass bei uns die Entspannung überwiegt und schon seit langer Zeit keine Spannung mehr erzeugt wird. Zum einen denke ich, wir müssen wieder aktiv gemeinsame Unternehmungen starten. Warum fahren wir nicht einmal spontan nach Zürich oder Venedig, wie wir es früher gemacht haben? Sehen uns die Buchmesse in Frankfurt an oder fahren übers Wochenende ins Karwendel zum Wandern? Lass uns wieder Dinge gemeinsam unternehmen, Spannung erzeugen. Zum anderen bin ich der Ansicht, dass wir – vor allem aber ich – wieder eigene Bereiche finden müssen. Nach den gemeinsamen Erlebnissen kann ein jeder von uns Zeit und Energie in seine eigenen Hobbys und Interessen stecken, ohne dass sich der andere vernachlässigt fühlt. Ich erlebe hier, dass Verzicht Spannung erzeugt. Vielleicht braucht auch eine gute Beziehung immer wieder kleine Phasen des „Fastens“ – das Sich-voneinander-Entfernen und hinterher das genussvolle Auskosten der Zweisamkeit. So wie es auch eine indische Legende vom Mond besagt (hat Aenne mir eines Nachmittags nach ihrem Yoga-Kurs erzählt): Die Menschen glauben, dass Erde und Mond eine Liebesbeziehung miteinander führen. Doch den kosmischen Gesetzen entsprechend müssen sie sich jedes Monat aufs Neue voneinander trennen (zu Neumond), um sich zu Vollmond wieder anzunähern. Verstehst Du meine Gedanken? Als erste große Maßnahme habe ich beschlossen, dass ich einen Raum für mich haben möchte: Ich möchte gerne das Gästezimmer ausräumen und mir dort ein eigenes Zimmer einrichten. Wenn wir Gäste bekommen, können die doch in Simons Zimmer schlafen (so oft ist das ja nicht der Fall). Es kann doch nicht sein, dass ich als Frau alleine im Bügelzimmer oder in der Küche „mein“ Reich finde. Ich wünsche mir ein eigenes Zimmer, in das ich mich in Ruhe zurückziehen kann, um dort zu lesen, zu schreiben oder nur zu grübeln. An dessen Tür jeder im Haus anklopfen muss und nur herein darf, wem ich Einlass gewähre. Ich möchte es in meinen Farben einrichten und mir eine kleine Oase schaffen. Wann hatte ich mein eigenes Zimmer? Als Siebzehnjährige. Und es war wirklich mein Reich. Wie sehr hab ich es genossen. Zudem habe ich beschlossen, dass ich zukünftig mehr zu Hause sein werde. Von Nadine weiß ich, dass sie gern mehr Stunden im Laden arbeiten möchte. Das werde ich ihr ermöglichen und ich selber werde nicht mehr täglich in der Strickliesl stehen. Ich werde mich mehr dem Malen widmen. Du weißt, dass ich das früher liebend gerne gemacht habe. Seit die Kinder da sind, habe ich meine Staffelei verstauben lassen. Ich habe mir gedacht, ich könnte das Malen doch wunderbar mit dem Stricken verbinden. Vielleicht kann ich sogar Strickstoffe entwerfen, neue Designs, die wir in der Strickliesl nachstricken können oder die ich Kundinnen anbieten kann. Ach, Justus. Ich weiß noch nicht so genau, wohin die Reise führt. Ich weiß nur, dass ich wieder neuen Schwung und Bewegung ins Leben zurückholen möchte. Am liebsten gemeinsam mit Dir. Ich hoffe, Du hast Lust dazu. Die Weichen müssen wir selber stellen. In Liebe Deine Elli Endlich setze ich meinen Namen aufs Papier und richte mich auf. Mein Nacken schmerzt, meine Hände sind verschwitzt, meine Wangen glühen. Mehr als fünf voll beschriebene Seiten liegen vor mir. Dass ich ein eigenes Zimmer will, wusste ich bis vor zehn Minuten noch gar nicht. Während des Schreibens sind mir viele Lichter aufgegangen. Beim Schreiben haben sich Gedanken sortiert und strukturiert. Ich falte die fünf Seiten sorgfältig, stecke sie ins Kuvert und schreibe unsere Adresse drauf. Ob ich ihn abschicken werde, überlege ich noch. Jetzt aber nichts wie nach draußen! 16.00 Uhr Draußen braust der Föhnsturm. Doch ich lasse mich ebenso wenig davon beeindrucken wie Maria, die es sich an diesem Nachmittag in den Kopf gesetzt hat, mir und einer weiteren Dame das Nordic Walking beizubringen. Auf die Stöcke, fertig los! Gar nicht so einfach – aber ziemlich effektiv. Der diagonale Stockeinsatz heizt meinen Schulterblättern schon nach ein paar hundert Metern tüchtig ein. Nie hätte ich gedacht, dass ich das Nordic Walking vor allem im Nacken und Schulterbereich spüren würde. Na, wieder was gelernt. Wir ziehen durch den Föhnsturm und Maria macht ein bisschen Heimatkunde mit uns. „Den Patscherkofel kennt ihr ja schon alle“, erklärt die sympathische Gesundheitspädagogin. „Da hinten lugt der Stubaier Gletscher hervor, das ist der Habicht, die Serles, auch Altar Tirols genannt, der Roßkogel. Da hinten geht’s ins Wipptal, da nach Italien, dort ins Stubaital und da hinten ist Kühtai/Sellrain.“ Auf die Serles ist Maria einst mit Freunden in aller Herrgottsfrühe gekraxelt. Da hat sie nicht erkennen können, wohin sie überhaupt geht. Als die Sonne über die Berge gekommen ist und sie endlich gesehen hat, dass sie gemeinsam mit dem Gipfelkreuz auf einem nur rund zwei Quadratmeter großen Plateau steht, hat sie kapiert, warum sie so früh losgezogen sind: bei Licht wäre sie da gar nicht raufgegangen. Bei der ausgeprägten Höhenangst! Mit Rückenwind treibt’s uns in Richtung Parkhotel zurück. Im Zimmer angelangt, fülle ich mir heißes Wasser aus dem Wassercontainer im Flur in die hoteleigene Wärmeflasche und lege mich mit einem regenerierenden Bauchwickel ins Bett. Bis zum Abendessen kreisen meine Gedanken nur um das eine: abschicken oder nicht? 20.00 Uhr Der Abendtee war wenig ergiebig. Ob’s das Nordic Walking ist oder das extensive Briefschreiben: Ich habe einen Bärenhunger. Zum ersten Mal überhaupt. Langsam kaue ich meine zwei dünnen Scheiben Knäckebrot und trinke Waldkräutertee. Daneben sitzt eine Familie, die heute angereist ist. Der Junge kaut genüsslich an seinen Spaghetti. Ich sehe mir selber dabei zu, wie ich ihm den Teller entreiße und den gesamten Inhalt in mich hineinschlinge. Ohne zu kauen! Es bleibt bei der (unschönen) Fantasie. Danach versuche ich mich in der Hotellobby mit Zeitunglesen, doch mit tränenden Augen und gähnend wie ein Löwe gebe ich auf: Gute Nacht, Tirol. Mein Highlight des Tages: Der Nordic-Walking-Kurs mit Maria im Föhnsturm Meine Fasten-Erkenntnis: Fasten impliziert den achtsamen Umgang mit Gedanken und Worten. Mein Ziel für zu Hause: Ein eigenes Zimmer einrichten Tag 8 – Sonntag, 3. Februar Gewicht: 70,1 Kilogramm Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 3: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 1 weiches Ei zum Frühstück, 1 Tasse Gemüsebrühe, 1 Dinkelbrötchen + Topinambur-Basensuppe + 50 g Forellenfilet zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben Bewegung:1,5 Stunden spazieren gehen Zeitung: Kurier, Spiegel, Gala, Brigitte 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 12.00 Uhr Uah, ein müder Sonntagvormittag kündigt sich an. Nach dem Aufwachen wandern die Gedanken sofort zu meinem Brief: Das weiße, prall gefüllte Kuvert liegt auf dem kleinen Tischchen in meinem Hotelzimmer. Es enthält jede Menge Weisheiten und Gedanken. Ob Justus sie auch verstehen wird? Träge und müde drehe ich mich nach dem Glas Bitterwasser noch einmal zur Seite – keine Lust aufzustehen, keine Lust auf Bewegung und keine Lust auf Sonntag. Bestimmt sitzt Justus zu Hause am Esstisch, schlürft seinen Kaffee und liest die dicke Wochenendausgabe der Zeitung. Ich würde mich am liebsten verkriechen. Die einzig mögliche Alternative: frühstücken! Und zum ersten Mal gönne ich mir ein weiches Ei, das zwar erlaubt ist, aber möglichst selten während der Kur verspeist werden sollte. Ich genieße es in vollen Zügen. Mit dem mini-kleinen Löffel lässt sich das Ei wirklich nur häppchenweise essen und das ist gut so – am Ende bin ich satt und schon ein wenig glücklicher. Danach entscheide ich mich für eine Runde Kneippen. Mir gegenüber hat sich der Mann aus dem Lift niedergelassen. Er ist so sehr in seine Zeitung vertieft, dass er mich nicht einmal beachtet. Mir doch egal! Ich bade meine Füße, drehe meine Runden in dem Becken und creme mir abschließend meine Beine mit einer Moorsalbe ein. Eine Wohltat für alle Sinne! Gerade als ich mich von der gefliesten Bank erhebe, lässt Mister Unbekannt seine Zeitung sinken, lächelt mich an und schmunzelt: „Na, zum kalten Füßchen würde ja nun hervorragend ein Eisbein passen. Aber das ist ja wohl nicht drinnen.“ Erwartungsvoll blickt er mich an. Meine Schlagfertigkeit lässt zu wünschen übrig, ich ziehe nur eine Augenbraue hoch und lache zurück: „Nee, das ist wohl nicht drinnen.“ Unsicher blicke ich mich um: Hat irgendjemand diesen doofen Dialog mitbekommen? Augenscheinlich nicht. Ich beschließe, mich am Absatz umzudrehen und schlendere langsam in Richtung Ruheraum. Den restlichen Vormittag verbringe ich lesend, gemütlich auf die Liege gekuschelt, und denke über Eisbein-Rezepte nach. Dann döse ich ein. 15.00 Uhr Die Sonne strahlt vom Tiroler Himmel. Nach dem Mittagessen mit köstlicher Topinambur-Basensuppe entschließe ich mich zu einem Nachmittagsspaziergang in Richtung Patsch. Ein wunderbarer Winterwanderweg führt in Richtung Süden: Erst geht’s durch den Ort und dann weiter über Wald- und Wiesenwege. Die Sonne erobert mein Herz und ich spüre, wie sich der Druck der letzten Tage löst. Ich bin frohen Mutes. So wie mir das anscheinend so schwierige Unterfangen Fasten bisher gelungen ist, so wird mir auch das Unterfangen „Ehe-Rettung“ gelingen. Ich schöpfe Hoffnung. Niemals hätte ich gedacht, so stark zu sein. Niemals hätte ich gedacht, einen Urlaub alleine so sehr zu genießen. Vielleicht sollte ich mir nicht nur ein eigenes Zimmer einrichten, sondern auch einmal im Jahr alleine in den Urlaub fahren? Das wäre doch eine Option. Tausende Gedanken kreisen mir durch den Kopf. Heute Vormittag hab ich in einer Frauenzeitschrift eine spannende Geschichte zum Thema Trennung gelesen. Da gab es zwei Fragen, die man sich als Frau stellen sollte, wenn man über eine Trennung nachdenkt. Die eine Frage war: „Was brauche ich, um bei meinem Mann bleiben zu können?“, die zweite Frage war: „Was brauche ich, um mich von meinem Mann trennen zu können?“ Während meines Spazierganges grüble ich über diese beiden Fragen nach und mir wird klar, dass ich erst mit mir im Reinen sein muss, um mir Gedanken über meine Ehe machen zu können. Der Brief war ein erster großer Schritt, die Idee, ein Tagebuch zu führen, ist ein weiterer und ein eigenes Zimmer ein echter Meilenstein. Ich will alleine in den Urlaub fahren, mich mehr meinen eigenen Bedürfnissen widmen. Ich merke, der Fastenprozess setzt eine nicht zu stoppende Spirale in Gang: All diese Dinge, die ich mir vornehme, haben vorrangig mit mir und meiner Person zu tun. Bislang dachte ich, dass Justus mich an meinen Plänen und Vorhaben hindert, während meines Spazierganges fällt mir auf, dass ich mich bisher selber behindert habe. Nicht die Kinder, nicht Justus, nein – ich alleine stand mir bislang im Weg. Ich brauche mich nicht zu trennen, wenn ich in den Urlaub fahren will – ich kann es auch alleine tun. Ich brauche mich auch nicht zu trennen, um abzunehmen – auch das kann ich tun. Ich muss nur lernen, mich und meine Bedürfnisse von jenen Justus’ und der Kinder abzugrenzen. Ihre Wünsche und Bedürfnisse sind in Ordnung, aber es sind nicht meine. Vielleicht ist das Thema Abgrenzung die wichtigste Erkenntnis dieses Aufenthalts. Die gähnende Langeweile und Leere des Vormittags ist einem unglaublich produktiven Nachmittag gewichen. Zurück im Hotel setze ich mich in mein Zimmer und mache mir zwei Listen. Auf dem einen Blatt Papier steht: „Was ich brauche, um bei Justus bleiben zu können“, auf das andere Blatt schreibe ich: „Was ich brauche, um mich trennen zu können.“ Was ich brauche, um bei Justus bleiben zu können: Freiräume und Zeiträume ganz für mich alleine Ein eigenes Zimmer Gemeinsame qualitative Beziehungszeit mit Justus Familienzeit mit Justus und den Kindern Regelmäßige Theater- und Kinobesuche Den Mut, Nein sagen zu können Was ich brauche, um mich von Justus trennen zu können: Mut, alleine zu sein Eine eigene Wohnung Freiräume und Zeiträume für mich selber Selbstvertrauen Respekt und die Akzeptanz vor meinen eigenen Bedürfnissen Am Ende die große Erkenntnis: Die Listen auf beiden Blättern sind sich ähnlicher, als ich das gedacht hätte. Kann ich tatsächlich meine Ehe retten, indem ich einfach all die Dinge tue, nach denen ich mich sehne? Indem ich lerne, Nein zu sagen und im Gegensatz dazu die Erfüllung meiner Bedürfnisse einfordere? 20.00 Uhr Sogar noch während des Abendessens wollen meine Gedanken nicht stillstehen. Ich merke kaum, dass Mister Eisbein nickend und grüßend an meinem Tisch vorbeikommt. Stück für Stück stecke ich mir mein Dinkelknäckebrot in den Mund, kaue langsam, genieße, schlucke. Kauen, schlucken, trinken. Kauen, schlucken, trinken. Die Monotonie fühlt sich unglaublich gut an: Sie gibt mir Halt in einem Strudel an Gedanken und Überlegungen. Ist das Meditation? Nach dem Abendessen husche ich in die Sauna und gönne mir eine halbe Stunde Bestrahlung in der Infrarot-Kabine. Der Prozess der Entschlackung und Entgiftung wird noch einmal kräftig angekurbelt, meine Verdauungsorgane setzen sich in Gang, mein Körper schwitzt wie noch nie zuvor. Beim Hinausgehen husche ich an dem azurblauen Pool vorbei, seine schimmernde Oberfläche verleitet mich dazu, in das warme Wasser zu gleiten. Doch ich bin erschöpft und sehne mich nach Ruhe. 21.00 Uhr Erschöpft falle ich ins Bett. Von Justus habe ich nichts gehört. Auch keine SMS. Nicht weiter schlimm, ich muss im wahrsten Sinne des Wortes erst verdauen, was heute in meinem Inneren – ganz bei mir – passiert ist. Ab morgen starte ich in die zweite Runde Fasten. Die erste Woche ist vorüber und ich bin schon lange nicht mehr die, die ich bei meiner Ankunft hier war. Mein Highlight des Tages: Der Blick in Richtung Italien und das Gefühl, alles zu können. Meine Fasten-Erkenntnis: Ich muss mich und meine Bedürfnisse von den Bedürfnissen anderer abgrenzen. Nur so kann ich ein erfülltes und glückliches Leben führen. Mein Ziel für zu Hause: Einmal im Jahr alleine in den Urlaub fahren. Tag 9 – Montag, 4. Februar Gewicht: 70,5 Kilogramm Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 3: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 50 g Tiroler Alpenschnittkäse zum Frühstück, 1 Tasse Gemüsebrühe, 1 Dinkelbrötchen + mediterrane Kräuterbasensuppe + 50 g Avocadoaufstrich zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben Bewegung: keine (sehr schlecht) Zeitung: keine (sehr, sehr schlecht) 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 10.00 Uhr Mir schlägt die Stunde der Wahrheit: Ich glaube, nun hat mich doch eine Fastenkrise erwischt. Der Bärenhunger von gestern Abend ist ungebrochen. Am Frühstückstisch esse ich alles auf: das Joghurt, das Dinkelbrötchen, den Tiroler Alpenschnittkäse. Sogar die gerösteten Kürbiskerne müssen dran glauben. Dann bin ich definitiv satt. Aber noch nicht glücklich. Dafür sorgt wenig später Markus (der Masseur, nicht der Koch!). Er verwöhnt mich eine halbe Stunde lang mit einer Fußreflexzonenmassage, die zu unser beider Überraschung kein bisschen schmerzhaft ist. Markus findet lobende Worte für mich: „Das ist ein gutes Zeichen, Frau Heldenstein. Bei Ihnen stimmt die Basis. Ihr Körper befindet sich absolut im grünen Bereich.“ Ich freu mich über das gute Urteil. Hatte ich doch schon Angst, dass es vor allem im Bereich des Herzens zu massiven Schmerzen kommen würde. Doch mein Herz scheint gesund und nicht gebrochen. Diese Diagnose werte ich als positives Zeichen dafür, dass ich den Brief an Justus abschicken soll. Nach der Massage hole ich das dicke Kuvert vom Zimmer und bringe es an die Rezeption. Briefmarke drauf und ab zur Hotelpost. Mal sehen, welche Wirkung ich damit erziele. Die stark entgiftende und entschlackende Wirkung der Massage bekomme ich schnell zu spüren: Mich friert am ganzen Körper. Erschöpft begebe ich mich schon am Vormittag wieder zurück ins Bett. Mein Körper verlangt nach Wasser. Dr. Winkler beschreibt in seinem Buch, dass die Giftausscheidung im Laufe der zweiten Woche einen weiteren Höhepunkt erreichen kann. Vielleicht hat die Fußreflexzonenmassage diesen Giftausleitungsprozess noch verstärkt. Zur Aufmunterung gehe ich zum Schrank und probiere meine „Lisa-Jeans“ aus dem Jahr 1993. Ich hole sie aus dem hintersten Eck meines Kleiderschrankes. Mal sehen, ob es eine Überraschung gibt oder nicht! Und tatsächlich: Ich kann sie – wenn auch mühsam – über die Hüften streifen. Vorne klafft der Reißverschluss weit auseinander. Aber ich verzeihe ihm, in meinem Inneren beginne ich lauthals zu jubeln. Ich hopse probeweise im Zimmer herum und lege mich dann auf das Bett. Ich müsste mir links und rechts rund drei Zentimeter von den Hüftknochen wegschleifen. Dann würde ich die Jeans zukriegen. Aber das habe ich nicht vor. Glücklich bleibe ich gleich im Bett liegen. Schritt für Schritt nähere ich mich dem Ziel. Derzeit schlafend. 13.30 Uhr Von Rosenmontag ist im Hotel nichts zu spüren. Beim Mittagessen herrscht wie immer eine ruhige Atmosphäre. Mir fällt auf, dass sich die Gäste an den Tischen im Flüsterton miteinander unterhalten. Warum das so ist, weiß ich auch nicht. Vornehme Zurückhaltung oder einfach nur die Angst, die Ruhe des Kauens zu durchbrechen? Alles ist ruhig, aber nicht steif. Zum Glück ist Justus nicht da oder etwa Aenne, die mit ihrem lauten Lachen und ihren Erzählungen, die von wilden Gesten unterbrochen werden, die Gäste bestimmt aus ihrem Kurschlaf reißen würde. Obwohl, ich könnte mir sogar vorstellen, dass Aenne es hier spannend finden würde. Zum einen weil sie hier Pilates und Yoga machen könnte, zum anderen wäre sie nicht die Einzige unter zwanzig. Seit Sonntag sind mehrere Familien mit Kindern und Jugendlichen im Hotel. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass sich die Jungs mit ihren sieben und dreizehn Jahren hier wohlfühlen, aber auch sie wirken beim Billardspiel oder beim Schwimmen im Pool ziemlich entspannt. So entspannt wie ich nach einem ausgiebigen Vormittagsschlaf und der Erkenntnis, dass die innere Leere zu äußeren Erfolgen führt: Meine Jeans aus „Lisa-Zeiten“ habe ich nun nicht mehr in die Ecke geknallt, sondern liebevoll auf einem Kleiderbügel aufgehängt. So hab ich sie und mein Ziel immer vor Augen. Das Mittagessen besteht aus der für Stufe drei üblichen „3er-Kombination“: Basensuppe, Dinkelbrötchen, Eiweißbeilage. Mindestens dreißig Minuten sitze ich da und kaue gedankenverloren – und bin erstaunt über mich selber. Während ich die ersten Tage den Speisebrei in meinem Mund unerträglich fand, habe ich mich inzwischen an ihn gewöhnt und finde ihn vollkommen in Ordnung. Nur Trinken ist verboten: Das würde den Speichel zu sehr verdünnen. 14.45 Uhr Uah, Langeweile macht sich breit. Keine Lust zum Spazierengehen. Keine Lust auf Sport. Am liebsten nur schlafen. Absoluter Motivationseinbruch. Sogar den Pilates-Kurs lasse ich sausen. Wenn auch mit schlechtem Gewissen. Wobei ein bisschen Bewegung nicht geschadet hätte: Ich friere schon den ganzen Tag. Ich entscheide mich für einen wohligen Bauchwickel. Die feuchte Wärme wirkt entkrampfend und meine Leber, meine Galle und mein Darm freuen sich über die Zuwendung. 17.00 Uhr Daniela hat mich am Nachmittag wieder von den Toten erweckt – mit einer Thalasso-Packung. Ich bekomme eines der superheißen Höschen zum Anziehen, Daniela streift sich die Einweg-Handschuhe über und schon geht’s los: Erst cremt sich mich von oben bis unten, von vorne und hinten mit einem Fruchtsäure-Gel ein, das sie gleich darauf mit einem Handtuch wieder abrubbelt. „Das Peeling befreit die Haut von dem Fettfilm“, erklärt sie mir fachkundig. Ich runzle die Stirn. Was heißt hier, befreit die Haut vom Fettfilm? Darf ich mir das so vorstellen, dass einfach meine 21 Kilogramm Fett mit dem bisschen Gel weggepeelt werden? Das erweckt sofort mein Interesse. „Wie funktioniert das bitte schön?“, frage ich ganz naiv. „Na ja, auf der Haut befinden sich von den Massagen und dem täglichen Eincremen natürlich Rückstände von Cremen und Gels. Und dieser Fettfilm wird mit dem Peeling abgetragen“, erklärt mir Daniela. „Ach so“, antworte ich etwas missmutig. Meine 21 Kilogramm kann ich weiter behalten. Nach dem Abrubbeln wird meine Haut mit einem Frischalgenspray befeuchtet, damit sich die Poren öffnen und die Meeresalgenpackung optimal aufgenommen werden kann. Dann darf ich mich auf die vorgeheizte Massageliege legen. Daniela schöpft aus dem Vollen und streicht mir mit kräftigen Handbewegungen die stoffwechselfördernde Frischalgenmasse auf den gesamten Körper. Von den Zehen- bis zu den Fingerspitzen: alles grün. Der Geruch erinnert mich an den Hafen von Mousehole in Cornwall. Wenn da nachmittags Ebbe herrscht, dann hängen die grünen Fäden und Gewächse an den Kaimauern träge in der Sonne und warten darauf, von der nächsten Flut wieder zum Leben erweckt zu werden. In der Zwischenzeit vertreiben sie mit ihrem Geruch alle Touristen, die ein paar Erinnerungsbilder knipsen wollen. Well, aber wo war ich? Ach ja, nachdem ich aussehe wie ein Frosch, werde ich gut eingepackt: mit Folie, Leintuch, drüber noch die Wärmedecke, ein Handtuch für die Brust, ein Handtuch für die „Eisklumpen“-Füße und dann heißt’s dösen. Die stark entgiftende und ausleitende Wirkung der Algen zeigt Wirkung: Schon nach wenigen Minuten fallen meine Augen schier von alleine zu. Die Algen duften meinen Körper entlang, es wird wohlig warm und ich falle in einen tiefen, entspannten Schlaf. Nach dreißig Minuten weckt mich Daniela aus der Versenkung. Verschlafen und mit einem deutlich strafferen Bindegewebe tapse ich in die Dusche. Die Algen verkrümeln sich im Ausguss und ich fühle mich wie neugeboren: „Die Venus tanzt in der Meeresgischt.“ 20.45 Uhr Vor dem Abendessen plagen mich ganz scheußliche Magenschmerzen. Ich hab Hunger und fühle mich unwohl. Außerdem hab ich ein schlechtes Gewissen – die Moral und die Motivation haben deutlich nachgelassen. Der Punkt „Schulung“ hat noch nicht wirklich gegriffen. Mein Bauch meldet sich mit kleinen, missmutigen Lauten und einem lästigen Zwicken. Im Restaurant deutet die zuvorkommende Jasmine mein missgelauntes Gesicht richtig: Anstatt Dr. Winklers Haustee bringt sie mir einen Fencheltee und dazu darf ich das Kümmel-Knäckebrot knabbern. Sogar für den Abend bekomme ich noch eine extra-große Thermoskanne, randvoll mit Fencheltee gefüllt, an die Hand. Ich lächle sie dankbar an. Gerade habe ich das Gefühl, dass sich der Magen wieder ein bisschen beruhigen möchte, nähert sich meinem Tisch eine Gestalt. Es ist das „Eisbein“. „Hallo, geht es Ihnen nicht gut?“, fragt er mitfühlend. „Doch, doch. Nur ein bisschen Rebellion aus dem Reich der Mitte“, antworte ihm und mache eine völlig doofe und überflüssige Handbewegung in Richtung Bauch. „Oje, das kenne ich“, sagt er beschwichtigend. „Am besten, Sie machen regelmäßig einen Bauchwickel. Das entkrampft unheimlich gut.“ „Tja, das wüsste ich eigentlich auch“, nicke ich ihm zustimmend zu. „Aber so ist das im Leben. Man weiß es ja besser, doch man handelt völlig gegensätzlich.“ Ich mache eine kurze Pause. „Sonst wären viele von uns wohl auch nicht hier im Hotel. Wenn wir rechtzeitig auf die Schokoladentorte, den Nachschlag und die Chips vorm Fernseher verzichtet hätten, müssten wir nun nicht hier sitzen.“ „Ja, Sie haben wohl Recht. Aber Sie scheinen im Verzicht doch recht geübt, oder? Sie sind doch schlank“, stellt er unumwunden fest und zwinkert komplizenhaft. Ich bin froh, dass ich sitze. Im Sitzen bin ich tatsächlich annähernd schlank. Hoffentlich verlässt er vor mir den Speisesaal und sieht mich nicht von hinten. Sonst muss er seine Meinung ganz schnell wieder ändern. Aber „Eisbein“ macht keine Anstalten zu gehen. Ganz im Gegenteil: Er hält das Thema für ausbaufähig. „Ich bin der Ansicht, dass hier vor allem Menschen herkommen, die für ihre Gesundheit vorsorgen wollen“, sagt er bestimmt. „Sehen Sie sich doch mal um, hier ist doch kaum jemand wirklich übergewichtig. Die meisten sind sogar sehr schlank. Wie erklären Sie sich das?“ „Dass sie Abstand brauchen“, murmle ich vor mich hin. „Wie bitte, Abstand?“ Er beugt sich aus ein Meter achtzig zu mir herab. Ich scheine sein Interesse geweckt haben. Ja, er macht sogar Anstalten, sich mir gegenüber an meinem Tisch niederzulassen. „Setzen Sie sich doch“, winke ich resigniert und deute ihm, sich zu setzen. „Was meinen Sie mit Abstand?“, fragt er und setzt sich mir tatsächlich gegenüber. Doch so leicht gehe ich ihm nicht auf den Leim. „Aus welchem Grund kommen Sie denn hierher?“, frage ich direkt zurück. „Ach, wissen Sie, ich komme schon seit Jahren regelmäßig ins Parkhotel“, erklärt er mir. „Ich hatte eine wirklich schwere Allergie, die mir mein Leben zur Qual gemacht habe. Mit der F.-X.-Mayr-Kur und der wunderbaren Arbeit von Frau Dr. Schirmer lebe ich seit über sechs Jahren beschwerdefrei. An so einen Ort kommt man natürlich immer wieder gerne zurück. Aber nun zu Ihnen. Was meinten Sie mit dem Abstand?“ „Na ja, vorrangig bin ich hierher gekommen, um abzunehmen. Als Frau ab vierzig wird das Leben nicht leichter. Die Orangenhaut befindet sich nicht mehr da, wo sie hingehört, nämlich im Obstteller, sondern an Körperteilen, die ich hier nicht genauer definieren möchte. Und der Mittlere Ring sollte eigentlich durch München führen und nicht um den eigenen Bauch. Das waren in jedem Fall die wichtigsten Motivationsgründe für mich, um hierher zu kommen.“ Nervös knete ich die feine Stoffserviette in meinen Händen, den Blick gesenkt. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, dass „Eisbein“ meine Erklärung für durchaus möglich, aber im Grunde für völlig absurd hält. Also setze ich eins drauf: „Außerdem hatte ich schon lange das diffuse Gefühl, dass mit meiner Ehe etwas nicht in Ordnung ist. Darum habe ich mich zu diesem Urlaub entschlossen. Die eigene Schönheit und Eitelkeit beruhigen, die Gesundheit streicheln und dabei noch einen klaren Gedanken zur Zukunft meines Ehelebens fassen“, stoße ich erleichtert heraus. Warum ist gerade „Eisbein“ – verdammt, wenn ich nur seinen richtigen Namen wissen würde – der Erste, dem ich von meinen Problemen erzähle? „Und, haben Sie schon einen Entschluss gefasst?“ Er sieht mich gebannt an. „Ja, den hab ich“, seufze ich laut, sodass ein paar Leute sich zu mir umdrehen. Wie absurd ist doch diese Situation. „Ich werde mir ein eigenes Zimmer einrichten.“ Das Gesicht meines Gegenübers verzieht sich von einer gespannten Miene in ein breites Lächeln, das sich zu einem noch breiteren Grinsen ausbreitet. Verlegen drehe ich den Kopf zur Seite und wünsche dem Ehepaar gegenüber einen schönen Abend. „Und Sie meinen, mit einem eigenen Zimmer haben Sie Ihre Eheprobleme gelöst?“, schmunzelt er. „Ich denke, es ist ein Anfang“, antworte ich zögerlich. „Ich weiß in jedem Fall, dass ich meine Ehe retten möchte, sich aber einiges tun muss. Das eigene Zimmer ist ja nur ein Beispiel für …“ Aber „Eisbein“ lässt mich gar nicht ausreden. „Lassen Sie sich eines gesagt sein, liebe Frau Heldenstein“, sagt „Eisbein“ wieder gefasst. „Eine Ehe ist wie ein Brunnen. Kommt nicht ständig frisches Wasser nach, wird er langsam, aber gewiss versiegen. So und nun wünsche ich Ihnen eine angenehme Nachtruhe und vergessen Sie den Bauchwickel nicht.“ Verdutzt lässt mich mein Kurzzeit-Tischnachbar sitzen und verabschiedet sich laut und freundlich von den Kellnerinnen. Was war das denn gerade? Eine Ehe ist wie ein Brunnen? Obwohl – der Vergleich ist vielleicht gar nicht so schlecht. Nur, was meint er eigentlich mit dem „frischen Wasser“? War das etwa eine plumpe Anmache? Hält er sich für das „frische Wasser“? Nein, entschieden schüttle ich den Kopf. Bei „Eisbein“ würde das Wasser meinen Gefrierpunkt erreichen. 20.45 Uhr Lange kann ich über das Gleichnis nicht nachdenken. Ich eile in den Vortragsraum gleich neben dem Stüberl, um mir das Referat von Frau Dr. Schirmer zum Thema „Das Immunsystem“ anzuhören. Im Gang drücke ich mich an die Wand und werfe einen scheuen Blick in den Raum. In Sekundenschnelle scanne ich den Raum ab, ob sich nicht etwa ausgerechnet „Eisbein“ auch für das Thema interessiert. Doch ich bin leider nicht schnell genug: Gerade als mein Immunsystem Entwarnung signalisiert, hat mich Frau Dr. Schirmer auch schon entdeckt und ruft hinter ihrem Pult hervor: „Kommen Sie nur rein, Frau Heldenstein. Nehmen Sie Platz. Wir sind ohnehin eine kleine Runde heute Abend.“ Ertappt strecke ich meinen Rücken und betrete grüßend und hoch erhobenen Hauptes den Raum. So was Dämliches aber auch. Ich schleiche hier rum wie Lieschen Müller und dabei bin ich doch auf der Flucht. Versteht mich keiner? Doch Frau Dr. Schirmer erkennt die Verzweiflung und Verwirrtheit in meinen Augen nicht und dämpft das Licht. Die nächsten Stunden widmen wir uns dem Immunsystem. Ich erfahre Erstaunliches: 70 bis 80 Prozent der immunkompetenten Zellen sitzen im Darm, daher soll die Darmflora gesund und nicht vergiftet sein. Das Immunsystem mag keinen Elektrosmog – zum Glück habe ich meinen Rosenquarzstein ständig neben meinem Bett liegen und alle Zimmer im Parkhotel verfügen über Netzfreischalter –, keine ungelösten Konflikte (beispielsweise in der Ehe), keine Toxine (wie etwa Amalgamfüllungen in den Zähnen), keine chronische Überbelastung der Verdauungsorgane (Massenaufmarsch von Elchen) und keine gewaltsame Unterdrückung harmloser Krankheiten. Der Geschmack in meinem Mund wird immer schaler. Unbändiges Mitleid für mein Immunsystem macht sich in mir breit. Was habe ich ihm nur vierzig Jahre lang angetan? Erleichtert höre ich, dass das Immunsystem aber auch Vorlieben hat. Versöhnlich kann ich es stimmen, in dem ich meinen Darm saniere (et voilà), indem ich mich regelmäßig körperlich bewege (ja, mach ich doch), indem ich mich einmal wöchentlich so richtig abhärte durch Kneippen oder Sauna (ob es reicht, wenn ich mir eine Wanne kaltes Wasser neben die Dusche stelle?), indem ich Stress reduziere (Justus erklären, wie ich mir unsere Ehe vorstelle und Nadines Stundenanzahl in der Strickliesl erhöhen) und ausreichend Vitamine A, E, C und Mineralstoffe wie Selen und Zink zu mir nehme. Mit vielen guten Vorsätzen verlasse ich den Vortragsraum, hole mir mein Bitterwasser und eine Thermoskanne Abendtee und stelle entschieden fest: für heute ist es genug. 22.10 Uhr Sollte „Eisbein“ mehr über meine Ehe wissen als ich selber? Mein Highlight des Tages: Die Thalasso-Packung mit Algen Meine Fasten-Erkenntnis: Die Ehe ist wie ein Brunnen …? Mein Ziel für zu Hause: Mich regelmäßig bewegen: Ich werde mir Laufschuhe kaufen und Nordic-Walking-Stöcke. Tag 10 – Dienstag, 5. Februar (Faschingsdienstag) Gewicht: 69,5 Kilogramm (es geht bergab!) Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“: 1 Roggen-Dinkel-Brötchen + 200 ml Joghurt + 50 g Mozzarella zum Frühstück, 1 Tasse Gemüsebrühe, Artischockenbasensuppe mit Kräutern und soufflierter Fisch aus dem Wasserbad mit Karottenblumen, Dillgurken und Quittensenfschaum zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Forellenaufstrich zum Abendessen, Tee nach Belieben Bewegung: ½ Stunde Morgengymnastik Zeitung: keine (schlecht – ich verfalle schon in die dieselbe Unwissenheit wie zur Zeit meiner Ankunft) 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 8.00 Uhr Schwungvolle Morgengymnastik mit Hanni im Fitnessraum 10.00 Uhr Was macht dieses merkwürdige Brötchen auf meinem Frühstückstisch? Ich will sofort mein altbewährtes Dinkelbrötchen zurück, doch Jasmine begrüßt mich so herzerfrischend, dass ich meine Beanstandung hinunterschlucke. „Sie sind ja befördert worden, Frau Heldenstein“, lacht die dunkelhaarige und sympathische Restaurantleiterin zum Frühstück. Und tatsächlich: Das kleine Info-Blatt auf meinem Tisch hat erneut die Farbe gewechselt. Aha, daher also jetzt das Brötchen. Es ist ein wenig kräftiger und gehaltvoller und besteht aus Dinkel und Roggen. Na ja, schmeckt auch sehr gut. Heute Mittag werde ich also das gesamte Ausmaß der „Stufe 4 – Moderne Mayr-Diät, Menü Trennkost“ kennen lernen. Fast möchte ich protestieren (eine merkwürdige Angewohnheit) – „Ich könnte ja noch ewig mit Brötchen und Eiweißzulage weitermachen“ –, aber bevor ich noch den Mund aufmachen kann, entdecke ich die Menükarten für Mittag und habe den Protest schnell vergessen. Ich darf wählen zwischen „Feinem Gemüsespieß auf geschmortem Chicoree mit Kräutern“ und „Souffliertem Fisch aus dem Wasserbad mit Karottenblumen, Dillgurken und Quittensenfschaum“. Mmh, das klingt ja verführerisch. Ich entscheide mich für den Fisch und bin gespannt, was mich heute Mittag erwartet. Auch wenn ich seit gestern mental faste und mir fest vorgenommen habe, nicht mehr über andere Menschen zu sprechen, stelle ich entschieden fest: Viele nehmen diese Kur hier nicht so ernst, wie sie das tun sollten. Es gibt welche, die ihr Brötchen stehen lassen und nur den Joghurt auslöffeln („Eisbein“ gehört zu dieser Sorte Kurverweigerer), welche, die während der Mahlzeit Zeitung lesen und dann gibt es solche, die ihr Brötchen nie und nimmer 30 bis 40 Mal kauen. Ich will’s ja nur angemerkt haben und erhebe mich vom Tisch. 10.20 Uhr Gestern hab ich noch gelernt, dass ich Hektik und Anspannung reduzieren soll, doch schon nach dem Frühstück packt mich der Kurstress. Um 9.30 Uhr geht’s in die helle, freundliche Bäderabteilung im 1. Stock zum Stoffwechsel-Entgiftungsbad. Alles ist bereitet – ich fühle mich wie eine Königin, als ich in die Therapiebadewanne mit integriertem Whirlpool steige. Mmh, tut das gut. Schon sprudelt es kräftig los. Für dreißig Minuten werden meine Orangenhaut an den Oberschenkeln und meine Mondkraterlandschaft am Po mit einem kräftigen Strahl bearbeitet. Auch der Nacken darf sich über eine Massage freuen. Mein Blick wandert durch den hellen Raum und ich genieße die Schwerelosigkeit im Körper. So muss es sich wohl angefühlt haben als Embryo im Bauch meiner Mutter: schwerelos, warm, geborgen, geschützt, mit allem Notwendigen versorgt, das ich zum Leben gebraucht habe. So haben sich meine Kinder in meinem Bauch gefühlt – umgeben von einer schützenden Hülle, undurchdringbar und nicht wissend, was sich dahinter wohl verbergen möge. Ein Gleichnis kommt mir in den Sinn. Es setzt die Geburt des Menschen mit dem Tod in Beziehung: Ebenso wenig wie ein Baby im Bauch seiner Mutter sich vorstellen kann, welch intensive Eindrücke in der Welt da draußen warten – Farben, Gerüche, Geschmäcker, Himmel, Wiese, Tiere, Blumen –, ebenso wenig kann sich ein Mensch vorstellen, was ihn nach seinem Tod erwartet. Als ich so sprudelnd vor mich hindöse, entspannt sich mein Körper zunehmend – das Gleichnis macht mich durch und durch ruhig. Nach einer halben Stunde weckt mich Monika sanft aus meinen Träumereien. Sie hilft mir aus der Badewanne und reicht mir eines der kuscheligen Handtücher. Langsam trockne ich mich ab, ziehe meinen Bademantel über und drehe noch drei Runden im erquickenden Kneippwasser. Als Nächstes erwartet mich Dr. Barth, der insgeheim zu meinem Lieblingsarzt hier im Hause geworden ist. Das Geheimnis seiner Person? Eine Mitarbeiterin aus der medizinischen Abteilung verriet es mir: „Er lässt alle so, wie sie sind. Er will nicht verändern. Und das zeugt von einem großen Geist.“ Ich bin beeindruckt. Dr. Peter Barth strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus, die ihn unglaublich sympathisch macht. Nun darf ich mir von ihm eine halbe Stunde lange meinen Bauch und den Darm massieren lassen. In seinem „Zimmer mit Aussicht“ überblickt man von der Massageliege aus die gesamte Nordkette: Sie strahlt im Licht, als ob jemand mit einem überdimensional großen Zuckerstreuer feinsten Puderzucker über die Gipfel, Schluchten und Gruben gestreut hätte. Eisig kalt glänzen die Schneefelder in der Vormittagssonne. Umso wärmer massiert Dr. Barth mit kreisenden Bewegungen meinen Bauch. Die Bauchmassage, so erklärt er mir, ist eine Domäne der F.-X.-Mayr-Ärzte. Alle sonstigen Teilmassagen, die in meinem Kur-Paket enthalten sind, haben neben ihrer spezifischen eine unterstützende Wirkung auf Entschlackung und Regeneration. Die Bauchmassagen werden alleine von den Ärzten im Haus bei jeder ärztlichen Kontrolle durchgeführt. Und wenn’s sein muss, auch öfter (so wie nun bei mir). „Die Bauchmassage gehört zu unserem ganzheitlichen Behandlungsansatz“, erklärt mir Dr. Barth. „Sie bietet uns Ärzten die Möglichkeit, Befindlichkeiten des Patienten zu erfahren. Es geht um großes Vertrauen. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ein fremder Mensch Sie an dieser doch sehr intimen Stelle berührt und massiert.“ Ich nicke zustimmend – mein Darm grunzt zufrieden. Ihm scheint die Massage zu gefallen. „Wir Ärzte können immer nur lindern, helfen, beraten und Auskunft geben. Der Heilungsprozess ist von vielen Faktoren abhängig.“ Verdutzt schaue ich auf. Mit ernstem Gesicht streicht und schiebt und bewegt der Arzt meine Bauchdecke. Mir fallen all diese Ärzte ein, die mir oder meiner Familie unglaublich distanziert, ignorant und von oben herab begegnet sind. Die keine wirkliche Auskunft geben. Medikamente verschreiben, ohne dass man darum gebeten hat. Die auf mehrmaliges Nachfragen nur geantwortet haben: „Was nicht ist, darüber lohnt es sich nicht zu sprechen.“ Die Fragen nach dem Warum, nach der möglichen Prävention mit einem Satz vom Tisch gefegt haben. Die es geschafft haben, dass ich mit Tränen in den Augen ihre Praxis verlassen habe (nicht wegen der schlechten Diagnose, sondern aufgrund ihres unverschämten Verhaltens mir gegenüber). Die mir nicht die Hand geschüttelt haben und nach einem fünf Minuten langen Gespräch ihr Urteil über meinen Gesundheitszustand gefällt haben. Wie groß wären wohl die Augen all dieser Ärzte geworden, wenn sie gehört hätten, mit welcher Bescheidenheit und Gelassenheit Dr. Barth seinen letzten Satz ausgesprochen hat. „Ja, heilen kann sich der Körper wohl nur selber“, sage ich zögerlich. Dr. Barth hält einen Augenblick inne und wendet sich zu mir. Seine blauen Augen blicken ernst: „Um einen Heilungsprozess einzuleiten, bedarf es eines festen Glaubens an die eigenen Selbstheilungskräfte und eines unerschütterbaren Vertrauens, in ein größeres Ganzes eingebunden zu sein.“ 11.30 Uhr Benommen und beeindruckt von dem Verspürten und dem Gesagten schüttle ich Dr. Barth die Hand und schlurfe in meinen weißen Pantoffeln über den Marmorboden in Richtung Bäderabteilung. Der letzte Satz von Dr. Barth hat sich in meinem Kopf ausgebreitet. Ich bin tief und innig berührt. Auch noch, als ich bei Christine W. ankomme. Bei ihr darf ich für eine weitere halbe Stunde eine ausgiebige Rückenmassage genießen. Und bin von einem zum anderen Mal erstaunt, wie unterschiedlich sich doch die acht verschiedenen Masseure sich meinem immer gleich bleibenden Körper annähern. 12.00 Uhr Mmmh, wie köstlich schmeckt warmes Essen. Ich schlürfe meine Avocadobasensuppe mit dem Teelöffel, denn auch nach der herkömmlichen Brot-Milch-Diät gilt: langsam essen und bereits im Mund verdauen. Der Teelöffel soll die Schulung unterstützen. Ich denke an die vielen kleinen Snacks, Brote oder Schnitten, die ich in meinem Leben schon voll Heißhunger in mich hineingestopft habe. Damit hab ich meinem Körper nicht einmal die geringste Chance gegeben, sich auf eine Mahlzeit vorzubereiten. Meist ist es so, dass ich so hungrig aus der Strickliesl nach Hause komme, dass ich – bereits am Herd stehend – nebenbei einen halben Laib Brot mit Salami verdrücke. Bis das richtige Essen dann fertig ist und Justus und Aenne am Tisch sitzen, habe ich mir bereits einige hundert Kalorien zugeführt. Dem gemeinsamen Essen hat das meist keinen Abbruch getan – ich hab auch am Tisch eine Riesenportion verspeist. Wie soll ich das nur nach meiner Kur in den Griff bekommen? Ich nehme mir in jedem Fall vor, gleich nach meiner Ankunft zu Hause einen Riesentopf Basenbrühe zu kochen. Die ist im Kühlschrank bis zu sechs Tage haltbar. Sie sollte den ersten Hunger in jedem Fall verhindern helfen. Suchend sehe ich mich im Speisesaal um. Wo ist eigentlich „Eisbein“ geblieben? Den hab ich seit gestern Abend nirgendwo mehr entdecken können. Na, auch besser so. 13.00 Uhr Was macht das Fasten mit mir und meinem Körper? Ich liege in meinem kuscheligen Bett, das hoteleigene Nackenhörnchen unter dem Kopf und lasse meinem Gedankenkarussell freien Lauf. Den ersten Tagen des Entzuges – mit Augenringen und kalkweißem Gesicht – folgte die Ruhe des Körpers. Während der Darm sich mehr und mehr darüber zu freuen scheint, dass er eine Arbeitspause einlegen darf, geht im Kopf ein Lämpchen an: blingg! Wirre Knäuel an Konstrukten, Plänen, Ideen und Gefühlen beginnen sich langsam zu sortieren. Enttäuschungen, Wut, Entschlossenheit, Glück, Innigkeit – alle Empfindungen finden dankbar ihren richtigen Platz in meinem Gehirn, wie kleine Hunde, die sich in ihren langen Leinen verheddert haben und nun in ihr eigenes Körbchen huschen. Sich glücklich einrollen und einschlafen. Doch die verspätete Fastenkrise hält an: Mein Herz schlägt zu allen passenden (Morgengymnastik) und unpassenden (zufälliges Aufeinandertreffen mit „Eisbein“) Gelegenheiten wie wild. 15.00 Uhr Am Nachmittag absolviere ich mein Ergo-Training, mit dessen Hilfe Dr. Barth feststellen möchte, wie es meinem Herzen geht, ob es auch zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Takt schlägt. Wie leistungsfähig mein Körper ist und in welchen Pulsbereichen ich zukünftig – also zu Hause – trainieren soll. Dr. Barth geht tatsächlich davon aus, dass ich nach meiner Abreise trainieren werde. Ein echter Idealist halt. Mal sehen, vielleicht leide ich ja unter gebrochenem Herzen und die ganze Verkabelung an meiner Brust und an meinem Rücken bildet den feinen Haarriss sofort auf dem Bildschirm ab. Dann wird Dr. Barth mich fragen: „Frau Heldenstein, wer hat Ihnen denn das Herz gebrochen?“ Und ich werde kleinlaut antworten: „Es war Justus, mein Ehemann. Er hat es in zwanzig Jahren Ehe so sehr vernachlässigt, dass es beschlossen hat, wie eine heiße Suppenschüssel zu zerspringen. Doch ich lebe gut mit gebrochenem Herzen, wissen Sie. Manchmal piekst mich ein kleiner Splitter in die Rippe. Dann kann ich leider nicht trainieren und meistens muss ich mich dann mit einem Stückchen Schokolade trösten. Aber sonst lebt es sich gut mit gebrochenem Herzen.“ Und ich werde tief seufzen und Dr. Barth wird zuversichtlich antworten: „Es liegt in Gottes Hand, Ihr Herz zu heilen.“ Nichts erscheint auf dem Bildschirm. Ich bin längst verkabelt und strample auf dem Hometrainer-Rad. Der pure, salzige Schweiß in meinen Augen reißt mich aus den Gedanken. „Reicht es schon?“, presse ich heraus, meine Oberschenkel glühen vor Anstrengung. Ich trete weiter kräftig in die Pedale. „Noch drei Minuten. Aber das schaffen Sie, Frau Heldenstein“, beruhigt er mich und motiviert mich noch einmal. „Wenn Sie das schaffen, dann bin ich richtig stolz auf Sie.“ Mein Herz schlägt wie wild, Dr. Barth misst mir in regelmäßigen Abständen den Blutdruck. Die letzten zehn Sekunden zählt er im Countdown, ich hänge mit meinem Oberkörper nicht besonders ansehnlich vorne über dem Lenker des Fahrrades, bin klitschnass und mein Hosenbund trieft vor Schweiß. Was für eine Schinderei. Endlich gibt mir Dr. Barth das Signal: Ich hab die vom Computer errechneten hundert Prozent Leistungsfähigkeit erreicht. Besser wäre natürlich, wenn’s ein bisschen drüber gewesen wäre. Aber was soll’s. Während ich mir Gesicht und Oberkörper mit einem Handtuch abtrockne, erklärt er mir jede Mengen Zahlen und Statistiken, die der Computer errechnet hat: Das EKG ist absolut in Ordnung, Blutdruck ebenso. „Frau Heldenstein ist rundum gesund, wenn auch nicht besonders fit.“ Mit diesem Urteil kann ich leben. Schnell ziehe ich mein T-Shirt über und hopse beschwingt vom Rad. „Schon lange her, dass mich ein Mann so ins Schwitzen gebracht hat“, schmunzle ich. „Na, dann war’s ja höchste Zeit“, tönt es von der halboffenen Tür. Entsetzt wende ich mich um. „Eisbein“ steht breitbeinig im Flur. Seine Brusthaare quellen über den Revers seines Bademantels. „Bin grade auf dem Weg nach unten, bekomme gleich eine Infusion gesetzt“, setzt er erklärend nach. „Na, sind Sie fit für Ihre Ankunft zu Hause? Sie wissen schon: der Brunnen braucht frisches Wasser.“ Bevor ich noch einen Pieps antworten kann, verschwindet er in Richtung Bäderabteilung. Ich höre, wie er über den Fliesenboden schlappt. Am liebsten würde ich ihm die Infusionsnadel sonstwo hinrammen. „Frisches Wasser braucht der Brunnen“, murmle ich entrüstet. „Wie meinen Sie?“ Dr. Barth sieht mich fragend an. „Ach nichts“, antworte ich und strecke ihm die Hand entgegen. „Vielen herzlichen Dank. Ich bin froh, dass mein Herz keinen Sprung hat und mich keine Splitter vom zukünftigen Training abhalten werden. Die Nordic-Walking-Stöcke sind bereits geordert.“ Damit verabschiede mich und marschiere aus dem Raum. 17.00 Uhr „Na, warte. Wenn du mir über den Weg läufst“, wütend sehe ich mich auf dem Weg zu meiner ärztlichen Kontrolle um. Doch „Eisbein“ zieht es vor, mir nicht zu begegnen. 17.53 Uhr Ich sehe in den Spiegel und sehe eine gut aussehende Frau. Seit langer Zeit finde ich Gefallen an mir. Drum trage ich zum Abendessen ausnahmsweise Lippenstift auf. 19.00 Uhr „Eisbein“ bleibt weiterhin unsichtbar. Doch seine Kommentare wurmen mich. Und wo spür ich’s am allermeisten: im Bauch. Bei meinen Milliarden von Nervenzellen schrillen schon beim Namen „Eisbein“ alle Alarmglocken. Wie er wohl wirklich heißt? 21.00 Uhr Irgendwo zwischen Österreich und Deutschland liegt nun mein Brief an Justus. Ungeduldig wartend auf den Moment seiner Ankunft. Ebenso wie ich. Mein Highlight des Tages: Soufflierter Fisch aus dem Wasserbad mit Karottenblumen, Dillgurken und Quittensenfschaum Meine Fasten-Erkenntnis: Wer sich nach körperlichem und seelischem Heil sehnt, muss sich selbst als kleiner Teil eines größeren Ganzen begreifen. Mein Ziel für zu Hause: Keine Häppchen und Schnittchen mehr zwischendurch essen. Tag 11 – Mittwoch, 6. Februar Gewicht: 69,1 Kilogramm Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“: 1 Roggen-Dinkel-Brötchen + 200 ml Joghurt + 50 g Tiroler Alpenschnittkäse zum Frühstück, 1 Tasse Gemüsebrühe, Erbsenschotensuppe mit Vanille und Spieß vom Papageienfisch und Riesengarnelen mit kleinen Romanescoröschen, dazu Basenschaum mit Bohnenkraut zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Forellenaufstrich zum Abendessen, Tee nach Belieben Bewegung: ½ Stunde Morgengymnastik, 1 Stunde Hatha-Yoga Zeitung: Süddeutsche Zeitung 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 9.30 Uhr Zu „Tanze mit mir in den Morgen“ weckt Hanni im Fitnessraum pünktlich um acht Uhr morgens unseren Kreislauf aus dem Tiefschlaf. Schwungvoll begrüßt uns die nette Vorarlbergerin. Durch die Tür trudeln langsam und in schlurfenden Schritten die Kurgäste. Puh, so viel Power sollte eigentlich ansteckend sein. Noch bevor ich registriere, wer da neben mir auf der Matte von den Zehen auf die Fersen wippt und wieder zurück, tönt es schon lautstark: „Guten Morgen, Frau Heldenstein. Na, gut geschlafen? Sind Sie fit für ein Tänzchen?“ Ich zögere – nicht schon wieder dieser Mann mit seinem Geschwätz! Ich überlege kurz und tue, als ob ich nichts gehört hätte. „Frau Heldenstein, geht es Ihnen nicht gut?“, hakt der Typ in schwarzer Trainingshose und Ringelshirt nach. Doch die Musik ist laut und liefert mir damit die ideale Ausrede, einfach nicht zu reagieren. „Frau Heldenstein?“, nun tippt er mir doch glatt auf die Schulter. Entrüstet wende ich den Kopf um und sehe „Eisbein“ direkt in das Gesicht. „Lassen Sie mich in Ruhe“, zische ich. „Ich möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Ich bin hier zur Morgengymnastik und nicht, um mir von Ihnen die gute Laune verderben zu lassen. Außerdem möchte ich weder ein Tänzchen mit Ihnen wagen noch einen Kommentar zu meiner Ehe hören. Haben Sie mich verstanden?“ Erregt sehe ich mich um. Doch keiner im Raum scheint die Konversation mitverfolgt zu haben. Was war das denn? Die sonst so friedliebende Elli Heldenstein kann ja richtig Dampf machen. Mein Magen entspannt sich, mein verkniffener Mund wird weich, meine Rückenmuskulatur strafft sich. So geht’s also auch. „So gefallen Sie mir schon besser“, kommt es da zurück. „In dem Moment, wo Sie ganz und gar Sie selber sind und nicht mehr immer nur allen anderen gefallen wollen, werden Sie richtig begehrenswert.“ Er dreht sich auf dem Absatz um und wendet sich der Tür zu. Kaum habe ich begriffen, was er da schon wieder von sich gegeben hat, hat eine andere Dame die Matte neben mir in Besitz genommen. „Guten Morgen“, begrüßt sie mich freundlich. „Guten Morgen“, antworte ich verwirrt und starre sie an. Doch nicht lange, denn Hanni legt los. Zu wunderbar altmodischen Schlagermelodien schwingen wir Arme und Beine, dehnen uns nach vorne, beugen uns nach unten, marschieren auf dem Stand. Dann drückt sie uns alle lange Stöcke in die Hände und schon geht’s los. Schade, dass Hanni die Stöcke nicht früher zur Hand hatte: Ich wüsste nur zu gut, wem ich meinen Stock über die Rübe ziehen würde. Welch Unverschämtheiten erlaubt sich der Kerl eigentlich? Wütend stapfe ich auf der Stelle, der Stock wirbelt um meine Taille. Wutentbrannt schiebe ich den Stock zu beiden Seiten und wippe auf den Fußballen hinterher. Übermut tut selten gut und zu viel Schwung kann die Morgengymnastik vorzeitig beenden. Der Stock entgleitet meinen schweißnassen Händen und ich schleudere ihn in voller Drehung in Richtung Hanni. Die sieht das Unglück kommen, hopst mit Entsetzen zur Seite und schon donnert der Stock auf die Stereoanlage. „Tanze mit mir in den Morgen“ macht noch einen falschen Hickser und erstickt in einem furchtbaren Knall. Schreckgeweitete Augen starren mich an. Ich zähle noch einmal ruhig nach. Sieben Paar Augen sind es. Ich sehe Hanni an, sie blickt zurück. Ihr Blick – erstaunt, überrascht, nervös, wohlwollend – verrät nicht, was sie gerade über mich denkt. Keiner der Blicke verrät, was in den Köpfen meiner Turnpartner gerade vorgeht. Ich presse die Lippen aufeinander und sehe, wie meine Zehen sich verlegen über- und untereinander verstecken. Meine Finger verkrampfen sich hinter meinem Rücken. „Tja, ich muss dann mal los“, sage ich fest und hebe meinen Kopf. Ich schreite durch den Raum in Richtung Tür und jeder meiner Schritte wird penibel verfolgt. Ich lege die rechte Hand auf die Messingtürklinke und wende mich noch einmal um. „Es tut mir leid“, murmle ich. „Aber man darf und muss sich nicht immer gefallen, wissen Sie.“ Ich lasse einen Blick durch den Raum schweifen und schließe die Tür sanft und geräuschlos hinter mir. 9.00 Uhr Erschöpft frage ich beim Frühstück die adrette Lissy im Dirndlkleid nach einem Beruhigungstee. Erst schüttelt sie den Kopf: „Sie wissen doch, dass Sie zu den Mahlzeiten nichts trinken sollen, Frau Heldenstein.“ Doch sie deutet meinen flehenden Blick richtig und bringt mir eine Kanne. „Na, da schaun’S her, Frau Heldenstein“, sagt sie emsig. „Was kann denn schon so Schlimmes passieren, dass das nicht eine gute Tasse Tee wieder ins Lot bringen könnte. War etwa die Morgengymnastik so fordernd? Geh, jetzt haben’S doch schon so schön abgenommen. Freuen Sie sich doch über diesen wunderbaren Tag.“ Dankbar lächle ich sie an. Ja, vielleicht hat sie Recht. Vielleicht ist es ein wunderbarer Tag. Es ist ein Tag, der vielleicht schon lange eintreten hätte sollen. Elli Heldenstein hat mit Worten und Taten um sich geschleudert. Hat sich zur Wehr gesetzt, Grenzen gezogen. Eigentlich war es gar nicht so schwer, denke ich überraschend fröhlich. Es muss mir nur ein Scheusal wie „Eisbein“ begegnen und schon kann ich eine Wildheit und Entschlossenheit an den Tag legen, von der ich nicht einmal gedacht hätte, dass ich sie besitzen würde. Ein bisschen stolz kaue ich auf meinem Brötchen herum, süffle Milch und nasche an dem köstliche Käse. Was für ein wundervoller Tag. 10.00 Uhr Am Vormittag entdeckt Josef meine Triggerpunkte. Er scheint von allen Masseuren zum ersten Mal genau jene Stelle zwischen meinen Schulterblättern entdeckt zu haben, die am allermeisten unter meinen Strickeskapaden zu leiden hat. Ich stöhne ins Kissen. Blockaden lösen sich auf und ähnlich einem Gebirgsbach fließt plötzlich wieder ganz viel Energie über den Nacken in den Kopf. Meine Augenlider klappen zu (das war wohl der Sehnerv) und in meinen Ohren beginnt es kräftig zu rauschen. Nachdem ich mir meinen Bademantel wieder übergestreift habe, strahle ich Josef glücklich und dankbar an. Der aber rät mir dringend zu Muskel- und Krafttraining: „Meist ist der verspannte Nacken- und Schulterbereich nur ein Spiegelbild der insgesamt schwachen Muskulatur des Körpers.“ Na, herzlichen Dank. 12.00 Uhr Die köstliche Erbsenschotensuppe mit Vanille und der feine Spieß mit Papageienfisch und Riesengarnelen vertreiben Kummer und Sorgen. „Die Preußen schießen scharf“, zwinkerte mir ein Mann im Speisesaal zu, der am Morgen meinen peinlichen Ausfall samt Schlagstock miterlebt hatte. Ich zwinkere zurück und murmle: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Jeder Löffel sämig-samtiger Suppe ist ein echter Hochgenuss. Das Kauen hat sich verändert: während das Roggen-Dinkel-Brötchen sich ganz leicht einspeicheln lässt, bedürfen die Riesengarnelen eines ausgiebigen Zermalmens. Aber ich merke, die Übung hat sich gelohnt. Wie wird wohl Justus darauf reagieren, wenn ich ihm zweimal täglich scheinbar wiederkäuend gegenübersitze? Wir sind – pardon, waren – beide regelrechte Schnellesser. Wie sehr bewundere ich Menschen, die trotz Riesenhunger kleine Häppchen minutenlang kauen und einspeicheln. „Eisbein“ fällt mir ein – zum Glück taucht er nirgendwo im Speisesaal auf. 15.00 Uhr Oh, ich fühle mich tatsächlich wie Cleopatra: Samtig königlich hat Daniela meinen inzwischen Wellness-erfahrenen Leib auf ein weiches und mit Ziegen- und Stutenmilch, Lein-, Sesam-, Jojobaöl und Aloe Vera getränktes Vlies gebettet. Auch meine Körpervorderseite wird mit einem vor Feuchtigkeit und duftenden Zusätzen schweren Vlies bedeckt. Danach träufelt Daniela das warme Gemisch über die weichen Stoffe und direkt über meinen Körper. Mmmh, ein Traum von Glück, dieser Cleopatrawickel. In weiter Ferne höre ich die Esel wiehern und die Palastwachen ihre Botschaften verkünden. Ein Schäferstündchen mit eselsmilchweicher Haut. Die schweren orientalischen Blütendüfte und der Geruch des Jojobaöls tragen mich weit weg: in ein Land ohne Cellulite, ohne Eheprobleme, ohne Stricknadeln und Schwunggymnastik. In ein Land, wo das Leben völlig schwerelos und frei ist. Dieser Cleopatrawickel ist das Beste, das mir seit Langem widerfahren ist. 17.00 Uhr Ich wage es und versuche mich zum ersten Mal in meinem Leben in Yoga. Im Hinblick auf meine unglaublich bewegliche Tochter Aenne war ich bisher davon ausgegangen, dass Yoga nur was für junge und schlanke Frauen ist. Aber nun weiß ich: das kann ich auch. Zu Beginn steigen wir mit leichten Atemübungen ein. Ich darf alles ausatmen, was mich belastet. Ich atme „Eisbein“, die Unzufriedenheit und die Scham von heute Morgen weg. Beim Einatmen hole ich mir frische, unverbrauchte Energie. Die tiefe Atmung erdet mich auf der Matte, mein Becken wird warm, meine Lunge weit – und plötzlich zaubert sich ganz von alleine ein Lächeln in mein Gesicht. Danach folgen die Asanas: die Kobra, der Berg, der Hund. Ganz langsam und völlig ohne Stress. Ich lerne, dass es nicht darum geht, besonders schnell und besonders ehrgeizig zu trainieren. Sondern alleine darum, den Platz im eigenen Körper wieder einzunehmen. Ihn mit jeder Zelle zu spüren und alle Organe optimal mit Sauerstoff zu versorgen. Schon während der Stunde verspüre ich ungeheuren Spaß an der Sache. Ich fühle mich gut, die Glückshormone sprudeln. Yoga wirkt schneller als ein Glas Prosecco und als ich nach fünfzig Minuten aus dem Fitnessraum gehe, scheine ich zu schweben. Befreit und glücklich gehe ich schnellen Schrittes den Gang zu meinem Zimmer entlang. Ich bemerke meinen eigenen Schatten an den Spiegeln vorbeihuschen und halte inne. Drehe mich um, betrachte mich eingehend in einem Spiegel und denke: „Eine junge, schlanke Frau.“ 20.30 Uhr Ich fühle mich schwach und kraftlos. Liegt es an der Morgengymnastik oder am Yoga? Ich habe das Gefühl, dass mich alle Kräfte verlassen haben. Ich drehe eine kleine Runde ums Viller Moor und wandere in den Ort. Wunderbar verzierte, alte Bauernhäuser bilden einen ursprünglichen Tiroler Kern rund um die Pfarrkirche, ein überdimensional großes Kreuz aus Maiskolben ziert eine Häuserfassade. An der Wand des Nachbarhauses lacht Andreas Hofer von einem hölzernen Bild. Abends ist die Pfarrkirche von Igls gut gefüllt. Es ist Aschermittwoch und ich nehme die Ruhe und Besinnlichkeit in der Kirche intensiv wahr. Als Kind bekamen wir immer das Aschekreuz auf die Stirn gemalt, auch mit Simon und Aenne habe ich lange dieses Ritual beibehalten. An diesem Abend trage ich es stolz zur Schau. Der Pfarrer hat den versammelten Menschen eine kleine Anweisung für die Fastenzeit mitgegeben: „Lebe! Nutze diese Zeit, um intensiv zu leben. Dein Leben dankbar zu erfassen und es mit allen Sinnen zu erleben.“ Diese Worte berühren mich zutiefst. Ja, ich sollte dankbar sein. Für alles, was ich habe und was ich im Moment gerade erhalte. Dankbar nehme ich das Geschenk Fasten an. Gestern noch dachte ich, dass Justus mir mein Herz gebrochen hätte. Nun weiß ich: Ich allein war drauf und dran, mein Herz mehr und mehr zu belasten. Justus käme es niemals in den Sinn, mein Herz mutwillig zu brechen. Die kleinen Splitter, die ich ab und zu spüre, kommen daher, dass ich anstatt Dankbarkeit viel zu oft nur Unzufriedenheit spüre. 22.00 Uhr Ein Buch aus der Hotelbibliothek dient mir als Abendlektüre. Darin entdecke ich ein Zitat: „Es gehört mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.“ Ich weiß nun bestimmt, dass ich Justus nicht verlassen will. Ihn nicht verlassen muss, um glücklich zu werden. Glücklich werde ich, indem ich mich selber finde, meine Bedürfnisse achte, dankbar bin, was ich habe und nicht immer gefallen will. Dazu gehört definitiv immer wieder frisches Wasser für den Brunnen. Ich seufze gottergeben: „Eisbein“ hatte Recht. Allein der Kirchgang hat mich erquickt wie frisches Wasser. Ich werde mich wohl bedanken müssen. Aber morgen! Mein Highlight des Tages: Die Cleopatra-Anwendung mit Ziegen- und Stutenmilch Meine Fasten-Erkenntnis: Ich muss nicht immer gefallen. Mein Ziel für zu Hause: Die Fastenzeit als Zeit des Innehaltens und Verzichts zu nutzen. Tag 12 – Donnerstag, 7. Februar Gewicht: 69 Kilogramm Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“: Hirsebrei mit Zimt und Ahornsirup zum Frühstück, Auberginencremesuppe mit Eisenkraut und mediterrane Kartoffelpizza mit Oreganoschaum zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Forellenaufstrich zum Abendessen, Tee nach Belieben Bewegung: 1,5 Stunden Spaziergang zum Lanser Köpfel Zeitung: Tiroler Tageszeitung, Die Zeit 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 7.25 Uhr Vor meiner Balkontür fällt Schnee. Keine Lust zum Aufstehen. Ich freue mich auf zu Hause. Den Morgenspaziergang hab ich schon wieder sausen lassen. In zwei Tagen werde ich hier meinen Koffer packen und nach vierzehn Tagen in die „echte Welt“ zurückkehren. Als eine andere? Ich weiß es nicht. Aber das Haus, das mir anfangs so groß, so unübersichtlich erschien, ist mir im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen: mit all seinen Menschen, die sich so liebevoll um mich gekümmert haben. Mit seiner Philosophie nach Franz Xaver Mayr, den fürsorglichen Ärzten und der ganzheitlichen Sichtweise. Mit seinen strengen Regeln zu Essenszeiten, des Nichtrauchens oder der Bitterwasservorgaben. Das Haus selbst erscheint mir so liebenswürdig wie die Menschen, die hier Tag für Tag am Werk sind. Es ist schwierig abzuschätzen, ob ich mich tatsächlich verändert habe. Äußerlich ja, immerhin hab ich bereits vier Kilo abgenommen, aber was, wenn ich nach meiner Rückkehr wieder unverändert in eingefahrene Bahnen zurückfalle? Ich fühle mich wie ein Junkie, der nach vierzehntägigem Entzug aus der Anstalt entlassen wird. Wohl wissend, wie einfach das Verzichten sich innerhalb der Hotelmauern anfühlt. Und wohl wissend, dass draußen dieselben Versuchungen lauern wie eh und je. Angst macht sich breit. Ich habe hier im Hotel so viele Menschen und unterschiedliche Lebensentwürfe kennen gelernt. Habe mich vollgesaugt mit Ideen, Möglichkeiten und Plänen. Doch mit dem nötigen Abstand von zu Hause ist leicht reden. Was aber, wenn ich es nicht schaffe, meine Ideen in die Realität umzusetzen? Wenn ich weitermache wie bisher – unglücklich und viel zu viel esse, Schokolade und Süßes weiterhin als Belohnungssystem nach einem stressigen Arbeitstag oder einem unbefriedigenden Gespräch mit Justus einsetze. Binnen kürzester Zeit schon wieder den Kurerfolg null und nichtig mache, in die Jojo-Falle tappe und noch mehr zunehme. Der Brief an Justus fällt mir ein. Vielleicht hat er ihn bereits gestern Abend gelesen oder er trifft heute ein und er wird ihn nach der Arbeit lesen. Erleichtert atme ich tief aus – froh über die Entscheidung, den Brief tatsächlich abgeschickt zu haben. Er sollte es mir leichter machen, meinen Willen durchzusetzen, von Anfang an klarzumachen, dass aus der pummeligen, hausbackenen Elli wieder Elisabeth geworden ist: die – immer noch – junge und gutaussehende Frau mit zwei erwachsenen Kindern und einem wieder gefundenen Sinn im Leben. Der Sinn in meinem Leben? Ja, was war doch gleich noch der Sinn in meinem zukünftigen Leben? Hoffentlich hat Justus den Brief nicht gleich in den Abfalleimer geworfen. (Ich muss ihn nach meiner Ankunft zu Hause unbedingt kopieren.) Also der Sinn in meinem zukünftigen Leben? Ach ja, ein eigenes Zimmer, mehr Zeit für mich und das Malen und Entwerfen von Strickmustern. Mehr Bewegung in mein Leben bringen, mich gesünder ernähren. Regelmäßige Unternehmungen in die Berge und vielseitigere kulturelle Unternehmungen. Ist das genug für einen „Sinn im Leben“? Ach ja, eine Haushälterin werde ich mir ebenfalls anschaffen. Ich habe es satt, den Dreck meiner Familie wegzuputzen. Justus hat sich bisher immer gegen eine Zugehfrau gesträubt. Am Anfang unserer Ehe war ich erst mit Simon und dann mit beiden Kindern zu Hause – gerne sogar. Da ging es mir leicht von der Hand, die Kinder zu erziehen und nebenbei noch den Haushalt zu schmeißen. Doch nun soll alles anders werden. 12.30 Uhr Sogar mein vorletzter Kurtag lässt sich noch stressig an: Um 8 Uhr steht die ärztliche Untersuchung durch Chefarzt Dr. Winkler auf meinem Therapieplan, um 9.10 Uhr geht’s zur Bioimpedanzmessung, die zeigen soll, wie sich Muskeln, Fett und Wasser während der letzten dreizehn Tage verändert haben. Um 10 Uhr meine vorletzte Massage bei Christine W. und dann geht’s ab in den Kosmetiksalon „Kosmetik im Parkhotel“. Ich gönne mir eine unglaublich entspannende und aufbauende Anti-Aging-Gesichtsbehandlung. Davor aber frage ich an der Rezeption nach „Eisbein“. Dagmar, die liebenswürdige Rezeptionistin, sieht mich fragend an: „Ein Herr, sagen Sie? Groß, dunkles Haar, rheinländischer Akzent, zirka fünfzig Jahre alt, etwas eigenartiger Humor?“ Ich nicke, den Spitznamen „Eisbein“ kann ich ihr ja schlecht sagen. Dagmar überlegt, blickt mich jedoch weiterhin fragend: „Es tut mir leid, wir haben zurzeit keinen Gast, der auf Ihre Beschreibung zutreffen könnte, Frau Heldenstein.“ Ich gucke verdutzt zurück. Kein „Eisbein“? Ich hab das ja wohl alles nicht geträumt. Ich bedanke mich bei der ratlosen Dagmar und eile in Bademantel und Hotelpuschen in den Speisesaal. Ich habe Glück: Die nette Jasmine deckt gerade die Tische für das Mittagsmahl. „Jasmine, Sie müssen mir helfen“, stürze ich auf sie zu. „Wer war denn der Gast, der die letzten Tage hier war. Ein großer, etwa fünfzigjähriger Mann, dunkles Haar, kräftige Statur. Ich glaube, Sie haben ihn am Samstag begrüßt“, erkläre ich ihr hektisch. Jasmine dreht sich zu mir um, schüttelt aber den Kopf: „Ja, Frau Heldenstein. Ich weiß nicht, wen Sie meinen. Ihre Beschreibung erinnert mich zwar an einen Gast, der jahrelang zu uns gekommen ist. Der aber, soweit ich weiß, schon mehr als drei Jahre nicht mehr hier war. Momentan wüsste ich nicht, auf wen die Beschreibung zutreffen könnte.“ Fassungslos sehe ich ihr zu, wie sie seelenruhig Servietten faltet und Gabeln und Messer aneinanderreiht. „Ja, danke, Jasmine“, murmle ich in den weiten Kragen des Bademantels. „Dann hab ich mich wohl geirrt.“ Traurig begebe ich mich in die Kosmetikoase des Parkhotels. War Eisbein eine reine Einbildung? Alles, was von ihm geblieben war, waren seine Weisheiten und dummen Sprüche. „So dumm waren die gar nicht“, brumme ich in meine revitalisierende Feuchtigkeitsmaske. 16.00 Uhr Nach der erheiternden Kartoffelpizza zum Mittagessen entschließe ich mich zu einem letzten Spaziergang übers Igler Plateau. Der Plan geht auf, das Wetter lockt mich nach oben und ich erklimme das Lanser Köpfel. Die Stille des Waldes umhüllt mich ganz und gar. Ich begegne keiner Menschenseele und kann in Ruhe meinen Gedanken nachhängen. „Eisbein“ war eine glatte Erfindung? Dieser Gedanke erscheint mir unglaublich. Alles nur Einbildung oder eine schlechte Phantasie? Immerhin braucht man ab und zu einen kleinen Boten, der einem wieder hilft, auf den rechten Weg zu gelangen. War „Eisbein“ gar ein Engel? Oben auf dem Lanser Köpfel angekommen, stelle ich erstaunt fest, wie leicht mir der Anstieg gefallen ist: Ich bin nicht aus der Puste! Die regelmäßige Bewegung im Parkhotel hat sich bezahlt gemacht – ich fühle mich fit und stark. Die Kilos, die ich tatsächlich abgenommen habe, machen sich bemerkbar. Von Schwäche keine Spur! Morgen werde ich erfahren, in welchen Ausmaßen sich mein Körper tatsächlich verändert hat. 18.00 Uhr Eine SMS von Justus: „Danke für den Brief. Ich werde drüber nachdenken. Dein Justus.“ Was heißt hier, er wird drüber nachdenken? Was gibt’s da drüber nachzudenken? Justus’ SMS schüchtert mich ein. Am liebsten würde ich mich in mein Bett vergraben. Dann piepst es noch einmal. Aenne schreibt: „Oh Gott, was hast du gemacht? Papi sitzt im Wohnzimmer und heult. Kommst du nicht zurück? Aenne.“ Mir dreht sich der Magen um: Justus heult? Ich komme nicht zurück? Doch natürlich komme ich zurück. Hastig wähle ich Aennes Nummer, sie meldet sich in Sekundenschnelle. „Aenne, was ist bloß los?“, flüstere ich atemlos ins Telefon. „Was los ist? Ja, du bist gut. Was ist denn bei dir los? Was hast du nur gemacht? Kommst du nicht zurück?“, Aenne klingt hektisch und angespannt. „Natürlich komme ich zurück. Was soll denn das ganze Theater? Ich hab Justus einen Brief geschrieben, so wie wir es am Telefon besprochen hatten“, versuche ich mich im Erklären. „Ich habe ihm nur meine Pläne mitgeteilt. Und da war nichts dabei, worüber er heulen müsste.“ Ich seufze. Aenne hat auch keine Lösung parat. „Na ja, ich werde ihn mal trösten gehen“, stammelt sie ins Telefon. „Darf ich fragen, wie deine Pläne aussehen?“ Ich räuspere mich: „Ich werde mir das Gästezimmer als Arbeitszimmer einrichten, ich will wieder mit dem Malen beginnen und ich werde einfach mehr Schwung in mein Leben bringen. Tja, das ist eigentlich alles.“ „Na ja, zum Heulen ist das wirklich nicht“, bestätigt mir Aenne. „Trotzdem werde ich mal mit Papi reden. Vielleicht melde ich mich später noch einmal bei dir.“ Wir legen auf – Aenne scheinbar erleichtert, ich zerknirscht. So hatte ich mir die Wirkung des Briefes nicht vorgestellt. Hilfe, übermorgen muss ich nach Hause! Zu einem Ehemann, der nachdenken muss und heult. 21.00 Uhr Obwohl es mir schwerfällt, mich nach diesem Telefonat mit meiner Tochter zu konzentrieren, beschließe ich, Dr. Kogelnigs Vortrag zum Thema „Raus aus der Jojo-Falle“ anzuhören. Diesmal ist der kleine Vortragsraum gut gefüllt: Kein Wunder, das Thema „Gewicht halten“ scheint mindestens genauso spannend zu sein wie das Thema „Gewicht abnehmen“. Dr. Kogelnigs Vortrag ist fantastisch. Er eröffnet ihn mit dem Satz: „Übergewicht ist kein unveränderlicher Fehler im Rahmen des Fastenschicksals. Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen.“ Wir hören, dass es mehrere Stufen gibt, um in die Jojo-Falle zu tappen: Der erste Fehler wird auf Stufe 1 begangen, wenn zu schnell und zu streng gefastet wird. Dr. Kogelnig empfiehlt die „Gourmet-Diät“, wie ich sie hier im Parkhotel kennen gelernt habe. Für eine langsame und gesunde Gewichtsreduktion reicht es, die tägliche Kalorienzufuhr auf 600 bis 1.800 kcal zu reduzieren und nur in Ausnahmefällen sollte es noch weniger sein. Zudem sollte die Diät ein Mindestmaß an Eiweiß umfassen, nämlich 0,5 bis 1 Gramm pro Kilogramm. Bei meinem Gewicht wären das momentan rund 50 Gramm täglich. Wer Gewicht verloren hat, sollte sich der vielen kleinen Jojo-Fallen auf Stufe 2 gewahr werden: Dr. Kogelnig empfiehlt viel Bewegung (mindestens jedoch 30 Minuten täglich), insgesamt gesünderes Essen, das Sättigungsgefühl zu beachten und in die kreative Ruhe einzukehren. Kohlenhydrate sollten auf ein Minimum reduziert werden, wohingegen man lieber zu Eiweiß greifen sollte. Er empfiehlt einmal pro Woche „Dinner Cancelling“ und das Dessert sollte man sich am besten einfach immer teilen. Mein Kopf speichert die vielen Empfehlungen und Ratschläge. Hastig notiere ich alles in einem kleinen Büchlein. Ja, vielleicht kann es so wirklich funktionieren. 22.00 Uhr Ein SMS von Aenne: „Papi ist wieder okay. Er hat Nudeln gekocht und wir haben gemeinsam gegessen. Er freut sich auf dich und hat angedeutet, ebenfalls Pläne zu haben.“ Mein Highlight des Tages: Rundblick vom Lanser Köpfel Meine Fasten-Erkenntnis: Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen. Mein Ziel für zu Hause: Nicht in die Jojo-Falle zu tappen. Tag 13 – Freitag, 8. Februar Gewicht: 68,7 Kilogramm Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“: Roggen-Dinkel-Brötchen mit Schafschichtkäse und Joghurt zum Frühstück, Basensuppe mit Kräutern und zartes Lammragout mit leichtem Kakaoschaum und feiner Gemüsevariation zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Forellenaufstrich zum Abendessen, Tee nach Belieben Bewegung: Morgengymnastik, Spaziergang Zeitung: Tiroler Tageszeitung, Gala, Standard 6.45 Uhr Bitterwasser trinken laut Therapieplan 7.00 Uhr Mein letzter Tag im Parkhotel! Ich erwache mit einem Gefühl der Erleichterung und der Wehmut. Mein Fastenaufenthalt ist beinahe schon zu Ende. Während ich langsam meine Trainingshose für die Morgengymnastik überstreife, lasse ich meine Gedanken schweifen: Tatsächlich habe ich wohl einige Kilos an Ballast verloren. Andererseits nehme ich jede Menge neuer Eindrücke und Erkenntnisse mit nach Hause. Bei der Erinnerung an meinen Ankunftstag beginne ich zu lächeln: Die unsichere und ungeschickte Elli Heldenstein hat sich in eine Frau verwandelt, die endlich wieder weiß, was sie will. So kommt es mir zumindest vor. Ich war hier vierzehn Tage weder einsam noch gelangweilt. Ich habe mich wohlgefühlt und habe tatsächlich Energien gesammelt, fühle mich stark und geerdet. Ein paar merkwürdige Dinge sind mir passiert: Mein Kochkurs mit Markus scheint Ewigkeiten her zu sein, die merkwürdigen Aufeinandertreffen mit „Eisbein“ scheinen geradezu absurd, mein Brief an Justus, mein Gedankenkarussell. Doch nun haben sich meine Gedanken ausgekreiselt: Ich bin klar. Diesen letzten Tag werde ich in vollen Zügen genießen. 9.35 Uhr Nach der Morgengymnastik und dem Frühstück begebe ich mich noch einmal in die professionellen Massagehände von Elmar. Gemeinsam reflektieren wir meinen Aufenthalt und Elmar bemerkt geradezu nebenbei, wie sehr ich mich verändert habe. Nicht nur, dass meine Hüften schmaler geworden sind, auch mein Blick hat sich wieder geöffnet: Ich trete Menschen mit offenen Augen und offenem Herzen entgegen. Ich bin bei mir und in meinem Körper ganz und gar angekommen und kann mich nun nach außen öffnen. Dankbar verabschiede ich mich von Elmar und fiebere auf den großen Termin hin: Abschlusskontrolle bei Frau Dr. Schirmer! 12.00 Uhr Nun ist es also so weit – ein letztes Mal werde ich gewogen, ein letztes Mal erhalte ich die professionelle Bauchmassage. Bei der ärztlichen Abschlusskontrolle mit Analyse der Bioimpedanzmessung bekomme ich mein „Fastenzertifikat“: den mehrseitigen persönlichen Gesundheitswegweiser. Frau Dr. Schirmer prüft, misst und wiegt. Mit dem Resultat scheint zumindest sie zufrieden zu sein; 3,6 Kilogramm hab ich in 13 Tagen abgenommen. Nicht viel, finde ich. Doch Frau Dr. Schirmer ist zuversichtlich. „Wenn Sie die Kur nun noch eine Woche zu Hause weiterführen, langsam ausklingen lassen und sich an die Richtlinien des Gesundheitswegweisers halten, dann werden Sie noch einige Kilo abnehmen“, beruhigt sie mich. Ich bleibe skeptisch, doch was bleibt mir anderes übrig als ihr, der erfahrenen Ärztin, zu glauben. Die Ergebnisse der Bioimpedanzmessung hingegen sind ein voller Erfolg. Sogar Frau Dr. Schirmer guckt erstaunt: Während ich tatsächlich 3,6 Kilogramm Fett abgenommen habe, habe ich doch glatt 2,7 Kilogramm Muskelmasse zugelegt. Das ist doch erstaunlich und stolz kann ich endlich lachen. Das Radfahren, die Morgengymnastik, die Spaziergänge, das Pilates und das Yoga haben sich bezahlt gemacht – mein Körper hat sich rundum erneuert! Dankbar und zuversichtlich verabschiede ich mich von Frau Dr. Schirmer. 15.00 Uhr Bevor ich mich ans Kofferpacken und Abschiednehmen mache, freue ich mich auf meine letzte Anwendung bei Daniela. Sie ist die unumstrittene Wickelexpertin des Hauses. Ich gönne mir als Krönung meines Aufenthalts den Terra-Vit-Wickel. Daniela streift ihre Einweghandschuhe über und cremt meinen Körper von oben bis unten mit dem stoffwechselanregenden und durchblutungsfördernden Gel ein. Ich schaue an mir hinab und staune nicht schlecht: meine Unebenheiten, Dellen und Krater sind sichtbar kleiner geworden. Doch Daniela kennt kein Erbarmen, sie wickelt die mit Heilerde, Salzen, Mineralien und Bodenextrakten getränkten Bandagen um meine zarten Fesseln und bandagiert gnadenlos weiter. Hoch hinauf über die Waden, Knie, Oberschenkel, über die Hüften und rund um den Po. Meine Beine stecken von oben bis unten in fest gewickelten braunen Bandagen. „Jetzt mach ich Ihnen noch einen schönen Minirock“, schmunzelt sie und bandagiert meine ehemaligen Problemzonen. Weiter geht’s über Bauch, Brüste, Schultern und Arme. Daniela hätte dem Verpackungskünstler Christo alle Ehre gemacht. Eingewickelt bewege ich mich wie ein Zinnsoldat in Richtung Liege. Ich bekomme zwei Wärmepackungen auf Bauch und Oberschenkel, werde in Frischhaltefolie und eine Decke gewickelt. „Ich wünsche ein schönes Stündchen Schlaf“, verabschiedet sich Daniela. Mein Körper beginnt unter der Decke mächtig zu schwitzen. Der Terra-Vit-Ganzkörperwickel aktiviert das Lymphsystem und fördert die Ausscheidung aller Giftstoffe. Mein Körper scheint Zentimeter für Zentimeter zu schmelzen. Mein Blick wandert nach draußen: Die Nordkette blitzt weiß in der Nachmittagssonne, die Vögel pfeifen schon ein Frühlingslied in den alten Bäumen. Ich lasse noch einmal die letzten vierzehn Tage Revue passieren. Obwohl ich nie unter einer wirklich quälenden Fastenkrise gelitten habe, gab es dennoch einen klaren Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Woche. Während mein Körper anfänglich auf stur geschalten hatte, rutschte meine Stimmung in den Keller, missmutig und voll wirrer Gedanken schleppte ich mich durch die erste Woche. Die zweite Woche hingegen war geprägt von Plänen und Aufbruchsstimmung. Ich habe eindeutig an Lebensqualität gewonnen. Es hatte sich angefühlt, als wären die Konturen meines Lebens unter einer dicken Fettschicht freigespachtelt worden. Während meine Gedanken kreisen, scheine ich weiter zu schmelzen wie Schnee in der Märzsonne. Ich dämmre vor mich hin und am Ende eines kleinen Nickerchens erwache ich mit einem deutlichen Druck auf der Blase. Zum Glück steckt Daniela gerade ihren Kopf zur Tür herein. „Mir reicht’s“, stöhne ich. „Ich glaube, ich hab genug Stoffwechselfunktionen angeregt und Umfang reduziert.“ „Na, dann setzen Sie sich erst einmal langsam auf und dann erlöse ich Sie wieder.“ Streifen um Streifen lösen sich die Bandagen von meinem Körper. Endlich darf ich mich wieder in alle Himmelsrichtungen entfalten – einfach himmlisch. Das Feuchtigkeitsgel streiche ich mir auf meinen Körper – streichelzart und rosig schimmert er. Ich schwebe in meinen weißen Pantoffeln die Treppe nach unten. Ach ja, der Bikini sitzt um einiges lockerer als zuvor. Meine sonst prall gefüllten Körbchen sind halb leer und die seitlichen Bänder schneiden nicht mehr zwei Zentimeter ins Fleisch ein. Wickel sei Dank! 18.00 Uhr Ein letzter Spaziergang entlang der Dörflerrunde in Igls, ein letzter Blick aufs Viller Moor, ein letzter Gruß an den Seerosenweiher: Sie waren meinen treuen Begleiter, ließen sich nicht von meinen wirren Gedanken gefangen nehmen, reflektierten, waren da. In der Natur habe ich zwei Wochen lang einen würdigen Gesprächspartner gefunden, der mir die Stille als unerschöpfliche Kraftquelle selbstlos und kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Im Hotelzimmer beginne ich langsam zu packen. Bevor ich die alten Jeans einpacke, schlüpfe ich noch einmal hinein. Sie passen! Knopf und Reißverschluss lassen sich schließen: Das Ziel ist erreicht! 21.00 Uhr Die Zugtickets liegen bereit. Meine letzte Nacht im Parkhotel Igls beginnt mit einem Leberwickel und einer dampfenden Tasse Abendtee. Mein Highlight des Tages: Obwohl im Umfang reduziert, fühle ich mich stärker als je zuvor. Meine Fasten-Erkenntnis: Wer sich viel bewegt, erhöht seinen Grundumsatz und nimmt sogar im Schlaf ab. Und wer sich selbst bewegt, bewegt auch andere. Mein Ziel für zu Hause: Dankbar sein für das, was war. Dankbar sein, für das, was ist. Dankbar sein, für das, was kommen wird. Tag 14 – Samstag, 9. Februar Gewicht: 68,5 Kilogramm Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“: Roggen-Dinkel-Brötchen mit einem weichen Ei und Joghurt zum Frühstück, Tee nach Belieben Bewegung: Morgengymnastik, Spaziergang Zeitung: keine 7.00 Uhr Das Zimmer ist dunkel, mein Geist angeknipst. Endlich!, ist mein erster Gedanke: „Endlich – heute darf ich nach Hause.“ Beinahe überrascht drehe ich mich in meinem Einzelbett auf den Rücken. Endlich? Bin ich tatsächlich so froh, wieder nach Hause zurückkehren zu können? Wenn es nach meinem Bauchgefühl geht, ja. Endlich, denkt mein schlaftrunkener Geist. Doch als ich richtig wach bin, mischen sich weniger positive Gefühle ein. Wie wird meine Ankunft zu Hause sein? Ich lege beide Handflächen auf meinen Bauch und atme tief ein, wie ich es in den letzten zwei Wochen hier gelernt habe. Ich fühle die Schmetterlinge im Bauch – das sind also die Millionen von Nervenzellen rund um meinen Darm. Sie sind schneller wach als mein Kopf. Da unten flattert es kräftig, unter die Aufbruchstimmung mischt sich Aufregung und Spannung. Bittersalz trinken laut Therapieplan. Die Monotonie der letzten vierzehn Tage brachte eine angenehme, ruhige Routine in mein Leben. Das Glas zu leeren bereitet mir keine Probleme. Ich denke nicht einmal mehr darüber nach. Ich hab den Wecker eine halbe Stunde später gestellt, doch meine innere Uhr hat sich bereits an 6.30 Uhr gewöhnt. 8.30 Uhr Tirol und Igls bereiten mir den schönsten aller Abschiede. Als ich endlich die Vorhänge zur Seite schiebe, erstrahlt die Nordkette in wunderschön orange-rotem Licht: Die Morgensonne bahnt sich ihren Weg ins Inntal. Langsam erwacht das Land und ich trete das letzte Mal auf den überdachten Balkon und genieße den wundervollen Blick über den Park und das Inntal. Ich freu mich auf ein ausgiebiges Frühstück. Heute will ich mir ein weiches Ei und einen Malzkaffee gönnen, doch vorher geht’s zur Wassergymnastik. Vielleicht hebt sich dadurch meine Laune. Doch die Übungen, die Medizinstudent Robert vormacht, bringen mich heute nicht aus der Puste. Staunend stelle ich fest, dass mein Körper stark geworden ist und dazugelernt hat. Der Rücken wird warm, der Atem geht gleichmäßig, die Oberschenkel sind stark, der Kreislauf kommt in Schwung. Na bitte, geht doch. Nach dreißig Minuten schlurfe ich in Richtung Frühstück: Jasmine bringt mir mein kleines Lunch-Paket, das jeder Gast für seine Heimreise bekommt: Es enthält Knäckebrot, ein Säckchen Bittersalz, Mineralwasser, Schinken. Als ich mein letztes Frühstück im Speisesaal des Parkhotels einnehme, wird mir mulmig zumute – dieser Teil einer in Gang gebrachten Metamorphose geht zu Ende. Doch wie geht es weiter? 11.30 Uhr Mein Koffer ist gepackt, das Zimmer leer und ich habe mich wieder in meinen „Normalo-Look“ für die Zugfahrt gekleidet – nur mit dem kleinen Unterschied, dass der Bund meines Rockes weit wegsteht und die Waden echten Spielraum in den Stiefeln haben. In zwei Stunden wird mein Zug den Bahnhof Innsbruck verlassen. Der Inn wird mich noch ein Stückchen in Richtung Norden begleiten, bis auch dieser letzte Wegbegleiter seinen eigenen Lauf nehmen wird. Wehmut und Ängstlichkeit machen sich breit. Ich habe an Gewicht verloren und eine Menge an neuen Gedanken und Eindrücken mitgenommen. Gerade als ich einen letzten Rundgang ins Bad starten will, um zu sehen, ob ich auch wirklich nichts vergessen habe, klingelt das Zimmertelefon. Ich hebe ab und erkenne Dagmars Stimme von der Rezeption. „Frau Heldenstein, Ihr Taxi ist da. Dürfen wir Ihr Gepäck holen?“, sie ist liebenswürdig wie immer. „Aber, aber … es ist doch noch viel zu früh“, stammle ich ins Telefon. „Mein Zug geht doch erst in zwei Stunden. Was soll ich denn so lange auf dem Bahnhof machen?“ Doch Dagmar unterbricht mich ungewöhnlich abrupt: „Wir schicken jemanden hoch.“ Erbost über diese schnelle und ungewöhnlich rüde Art öffne ich schwungvoll die Zimmertür, als es klopft. Mein verärgerter Gesichtsausdruck rutscht mir jedoch in den viel zu weiten Rockbund: Justus! Ich kann es kaum glauben. „Justus, was machst du denn hier?“, stammle ich verdattert, wobei meine Stimme einen Hauch zu schrill klingt. „Hallo Elli“, Justus bewahrt im Gegensatz zu mir Fassung. „Ich dachte, ich hole dich ab und nehme dich heute mit nach Hause.“ Ungestüm umarme ich ihn. Mmmh, wie gut er duftet, mein Justus. Lange halten wir uns in den Armen und Justus murmelt in meine Haare: „Endlich hab ich dich wieder, meine Elli. Und den weiteren Weg gehen wir gemeinsam.“ 16.00 Uhr Nach einem herzlichen Abschied von der Hoteldirektorin und dem gesamten Personal im Parkhotel in Igls verläuft die Heimfahrt mit Justus harmonisch: Immer wieder bemerke ich seinen verstohlenen Blick von der Seite. Endlich meint er anerkennend: „Du siehst toll aus, weißt du das, mein Wollmäuschen?“ Dankbar nehme ich seine Hand und drücke sie. „Warst du nicht vor meiner Abreise der Meinung, ich solle auch nicht nur ein einziges Kilogramm abnehmen?“, erinnere ich ihn verschmitzt. Justus schmunzelt und gibt bereitwillig zu: „Ich bin offener für Veränderungen, als du vielleicht denkst.“ Justus und ich nutzen die geschenkten Stunden im Auto, um gemeinsam zu schweigen, aber auch um über die Vorkommnisse und Erkenntnisse der letzten vierzehn Tage zu sprechen. Meine Abgeklärtheit und meine innere Ruhe, die ich auszustrahlen scheine, lassen ihn nicht unbeeindruckt. Doch auch meine Abwesenheit und mein Brief haben bei Justus dazu geführt, sich Gedanken über unsere Ehe und unser Leben zu machen. Auch wenn wir keine Details besprechen, wird mir bewusst, dass sich mit meinem veränderten Auftreten auch seine Rolle als Ehemann verändert hat. Dass er sich spontan dazu entschlossen hat, sich ins Auto zu setzen und mich in Igls abzuholen, beruhte alleine auf seinem festen Entschluss, einen neuen Weg einzuschlagen. Ich bin zuversichtlich, dass die Spontaneität, die kleinen Aufmerksamkeiten und die liebevolle Achtsamkeit für den anderen wieder Einzug in unsere Ehe halten werden. 18.45 Uhr Aenne empfängt uns stürmisch an der Tür: Justus hatte ihr am Morgen nur eine kleine Notiz am Küchentisch hinterlassen. „Ich fahre nach Tirol, um Mami abzuholen. Wir sind am Abend zurück.“ Meiner Tochter fällt meine körperliche Veränderung sofort auf, doch scheint ihr auch nicht zu entgehen, dass Justus und ich endlich Zeit gefunden haben, im Gespräch wieder zueinander zu finden. Sie wirkt glücklich und erinnert mich in ihrer ungestümen Art an das kleine fünfjährige Mädchen, das sie einmal war. 22.00 Uhr Das gemeinsame Abendessen fällt an diesem Tag dürftig aus: Ich knabbere mein Knäckebrot, ein paar Scheiben Käse und trinke zwei Tassen Abendtee. Aenne kann ich damit nicht beeindrucken: Sie kocht für Justus und sich einen großen Topf Spaghetti. Wundersamerweise verspüre ich keinerlei Lust, ihnen auch nur eine Nudel davon zu stibitzen. 3 Tage nach der Kur – Dienstag, 12. Februar Gewicht: 67,9 Kilogramm Ernährung: ½ Glas Bittersalz, Roggen-Dinkel-Brötchen mit 50 g Schafskäse zum Frühstück, Rotbarschfilet mit frischem Marktgemüse zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Gartenkräuterfrischkäse zum Abendessen, Tee nach Belieben Bewegung: Morgengymnastik Zeitung: Tageszeitung 12.00 Uhr Auch noch nach drei Tagen zu Hause stelle ich keine Veränderung meines Essverhaltens fest: Die kleinen Pralinen liegen unangetastet in meinem Nachttischchen. Justus und Aenne verschlingen Unmengen von Speisen, während ich mich rigoros an meinen Therapieplan halte. Der erste Weg führte mich nach dem Wochenende auf den Markt, wo ich mir frisches Gemüse kaufte, um mir eine Gemüsebrühe zuzubereiten. Für diese Woche stehen ausschließlich Speisen aus Dr. Winklers Fastenbuch und aus dem Kochkurs auf dem Programm. Ich habe mich an die kleinen Portionen gewöhnt und vor allem an das langsame Essen. Während ich genüsslich an meinem Fisch und meinem Gemüse kaue, holen sich Aenne und Justus meist bereits einen zweiten Nachschlag. Noch kann ich sie nicht davon überzeugen, dass das langsame Essen und geduldige Kauen auch ihnen guttun würde. Das Bitterwasser reduziere ich langsam. 15.00 Uhr Ich besuche Nadine in der Strickliesl und ihre Augen leuchten, als sie mich zur Tür hereinkommen sieht. „Mensch, Elli, du siehst ja toll aus“, sprudelt sie hervor, als sie mich stürmisch umarmt. „Ich habe dich vermisst, aber wenn ich sehe, wie blendend du aussiehst, dann weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war.“ Ich bleibe für ein Weilchen im Laden und erfahre, dass Nadine bestens ohne mich zurechtgekommen ist. Nadine hat an Selbstbewusstsein noch dazugewonnen: Sie wirkt souverän und scheint alles im Griff zu haben. Der Blick auf die Zahlen bestätigt meine Vermutung und so halte ich es für angebracht, ihr den Vorschlag zu unterbreiten, ab sofort öfter und länger in der Strickliesl zu arbeiten. Nadine sagt zu, ohne lange zu überlegen. Sie scheint auf diese Frage geradezu gewartet zu haben. Nur, als sie vor Freude aufspringt und vorschlägt, Nusshörnchen beim Bäcker Honigmond zu holen, um meine Rückkehr gebührend zu feiern, muss ich sie enttäuschen. Ich verabschiede mich mit einer kurzen Umarmung und entschwebe frohen Mutes aus meinem eigenen Laden. Wer braucht schon Nusshörnchen, um glücklich zu sein? 19.00 Uhr Neue Vorhangstoffe und Wandfarben für das ehemalige Gästezimmer, das nun mein Zimmer sein wird, ausgesucht und gleich gekauft. 22.30 Uhr Justus hat Stadtratssitzung und ich bin alleine zu Hause. Habe die Staffelei vom Dachboden und meine Farben aus der Truhe geholt. Alles entstaubt und ein paar erste Striche gemacht, um meine Handgelenke auf die zukünftigen Malarbeiten vorzubereiten. Das Abendessen besteht aus Abendtee und Knäckebrot. Ich fühle mich erfüllt und glücklich. Bisher tauchte kein einziges Mal nur der Ansatz eines Hungergefühles auf. 5 Tage nach der Kur – Donnerstag, 14. Februar Gewicht: 67,5 Kilogramm Ernährung: ¼ Glas Bittersalz, Roggen-Dinkel-Brötchen mit Schnittkäse und Joghurt zum Frühstück, Gemüsesuppe und Spaghetti mit Zitronenbutter zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Hüttenkäse zum Abendessen Bewegung: Morgenspaziergang Zeitung: Tageszeitung 12.00 Uhr Heute ist Valentinstag. War in der Stadt und habe mir für ein kleines Vermögen neue Unterwäsche gekauft. Als ich in der kleinen Kabine stehe und ein Spitzenteilchen nach dem anderen probiere, fühle ich mich wunderbar: Mein Körper hat endlich wieder eine Form angenommen, in der ich mich rundum wohlfühlen kann. 18.30 Uhr Justus will mich zum Essen einladen. Ich lehne dankend ab. So machen wir uns einen gemütlichen Abend zu Hause und endlich finden wir Zeit, meinen Brief und Justus’ Empfindungen dazu im Detail zu besprechen. 23.30 Uhr Vor dem Schlafengehen überrascht Justus mich mit einem kleinen Geschenk: zwei Flugtickets nach Venedig. Endlich wieder Cappuccino trinken auf dem Markusplatz! 8 Tage nach der Kur – Sonntag, 17. Februar Gewicht: 67,2 Kilogramm Ernährung: ¼ Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“: Roggen-Dinkel-Brötchen mit einem weichen Ei und Joghurt zum Frühstück, Spinatsüppchen + Lammkeule mit Rosmarinkartoffeln und frischer Feldsalat zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Mozzarella zum Abendessen Bewegung: Morgenspaziergang Zeitung: keine 9.00 Uhr Nachdem meine guten Vorsätze in Sachen Morgengymnastik bereits am dritten Tag zu Hause wie ausgelöscht waren, hab ich den Sonntag mit einer großen Runde Morgenspaziergang begonnen. Sport alleine macht keinen Spaß. Ich überlege mir, ob ich mir eine Turn- oder Tanzgruppe in der Nähe suchen soll. Nach über einer Woche zu Hause ist meine Kur nun definitiv zu Ende. Ab morgen könnte ich wieder essen, worauf ich Lust habe. Doch mein Essverhalten hat sich von Grund auf verändert: Alle denaturierten oder süßen Speisen, von denen ich glaube, sie enthalten künstliche Zusatzstoffe oder Zucker, vermeide ich scheinbar instinktiv. Ein absolutes Novum in meinem Leben: Kaffee ohne Zucker! Ich esse auch nicht mehr aus Langeweile – die vier bis fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten halte ich penibel ein. Bislang funktioniert alles gut. Zudem zeigt die Waage, dass ich nach wie vor kontinuierlich an Gewicht verliere. Mein Darm und meine Verdauung haben sich problemlos auf ein Leben ohne Bittersalz umgestellt. woher weiß sie das, wenn sie es am Morgen noch getrunken hat? 13.00 Uhr Der schwere Sonntagsbraten hat ausgedient: Aenne hat bei Freunden übernachtet, für Justus und mich gibt es Lammkeule mit Rosmarinkartoffeln. Justus beobachtet mein verändertes Essverhalten, verkneift sich aber einen Kommentar. Er scheint die neuen Angewohnheiten seiner rundum erneuerten Frau etwas argwöhnisch, aber wohlwollend zu verfolgen. Auch unser Zusammenleben hat sich verändert, wenngleich es mir schwerfällt zu erklären, was sich verändert hat: Vielleicht bin allein ich es, die eine andere geworden ist. Ich bin selbstbestimmter und trete auch so auf: Nachdem Justus sich zwei Wochen selber die Anzüge für den nächsten Tag bereitgelegt hat, hab ich ihm vorgeschlagen, diese Vorgehensweise beizubehalten. Seine Stimme verriet keinerlei Begeisterung, aber er konnte auch keine Einwände einbringen. Ich hab Justus davon unterrichtet, dass ich mich auf die Suche nach einer Zugehfrau mache. Auch hier konnte er weder finanzielles Unvermögen noch sonst einen schlagenden Einwand vorbringen. Ich wertete sein Brummen somit als Zustimmung und rief am Freitag sogleich bei meiner Freundin Ines an, die sich bestens mit Hauspersonal auskennt. Gestern, Samstag, half mir Justus dabei, das Gästezimmer auszuräumen und die schweren Möbel in den Dachboden und in den Keller zu stellen. Spülmaschine, Espressomaschine und Wasserkocher können auch von Männern bedient werden. Ich habe keinerlei Einwände gegen diese neu aufkeimende Freundschaft zwischen Justus und Haushaltsgeräten. Auf den ersten Blick könnten Außenstehende meinen, dass ich meinen Mann unterbuttern würde. Weit gefehlt! Ich setze nur das um, was ich benötige, um weiterhin in meiner Ehe glücklich sein zu können. 17.00 Uhr Auch Justus ist glücklich. Nachdem wir das Gästezimmer wunderschön lavendelfarben ausgemalt haben, fallen wir erschöpft und gut gelaunt aufs Wohnzimmersofa. Einige Minuten später wechseln wir ins Schlafzimmer. Er ist begeistert von der neuen Unterwäsche! 21.30 Uhr Der Tatort muss heute ohne uns auskommen. Ich habe meine Nähmaschine aus den Tiefen meines Kleiderschrankes geholt und beginne, die wunderschön geblümten Vorhangteile zu nähen. Justus sitzt mit seiner Zeitung in seinem Lesestuhl. Ab und zu wirft er mir einen verschmitzten Blick zu und lächelt verstohlen. 20 Tage nach der Kur – Freitag, 29. Februar Gewicht: 64,8 Kilogramm Ernährung: 1 Scheibe Vollkornbrot, belegt mit Käse und einer halben Tomate, dazu einen Milchkaffee zum Frühstück, gemischter Salat und ein kleines Brötchen zu Mittag, ein kleines Rindersteak mit Gemüse zum Abendessen Bewegung: eine flotte Nordic-Walking-Runde mit Ines Zeitung: Tageszeitung 13.30 Uhr Zwei Wochen bin ich nun aus dem Urlaub zurück. Der Alltag hat sich wieder eingestellt und dennoch ist mein Leben mit der Zeit vor meinem Aufenthalt im Parkhotel Igls nicht vergleichbar: Ich fühle mich unheimlich stark und geerdet. Ich hab noch einmal enorm an Gewicht verloren, damit hat sich ein völlig neues Gefühl der Leichtigkeit eingestellt. Nach wie vor ernte ich bewundernde Blick von allen Seiten: Freunde, Nachbarn, Kunden und Bekannte sprechen mich auf meine neu gewonnene Ausstrahlung an. Ich bin glücklich – auch darüber, dass sich meine Befürchtungen nicht bewahrheitet haben. Das Serotonin-Feuerwerk, das ich bisher nur durch Schokolade entfachen konnte, stellt sich von alleine ein. Ich habe den Sinn in meinem Leben wieder gefunden. Gestern habe ich in der Strickliesl die neuen Regeln bekannt gegeben: Keine süßen Nussecken und keine Naschereien, außer wir feiern Geburtstag oder sonst einen freudigen Anlass. Wir sprechen nicht mehr – oder nur in Ausnahmefällen – über nicht anwesende Personen. Wir probieren neue Dessins aus und versuchen, hinkünftig noch mehr unsere Kreativität in unseren Arbeiten unterzubringen. Heute war ich den halben Tag in der Strickliesl und treffe mich später mit Ines zu einem flotten Marsch mit unseren neuen Nordic-Walking-Stöcken. 19.00 Uhr Oje, hab eine ganze Tafel Schokolade verzehrt – ohne mit der Wimper zu zucken. Geht nun alles wieder von vorn los? 40 Tage nach der Kur – Mittwoch, 9. April Gewicht: 65,8 Kilogramm Ernährung: 1 Vollkornbrötchen mit Schinken und 1 Milchkaffee (ohne Zucker) zum Frühstück, ein Take-away-Kaffee in der Strickliesl, ein vegetarisches Curry beim Inder mit Nadine zu Mittag, 1 Scheibe Vollkornbrot mit Käse und Radieschen zum Abendessen Bewegung: 1,5 Stunden Tanzen Zeitung: Tageszeitung 8.30 Uhr Heute Morgen war ich bereits um sechs Uhr wach. Ich schlüpfte aus dem Bett, drückte dem schlafenden Justus einen Kuss auf die Stirn und verschwand in meinem neuen Zimmer. Seit drei Tagen arbeite ich an einem Bild, das in seiner Kraft und Energie ein Spiegelbild meiner selbst zu sein scheint. Der Frühling ist mit voller Farbenpracht eingezogen. Ich genieße meine Lebensfreude, meine Kreativität und meinen Tatendrang. Nichts kann mich erschüttern. Immer noch fühle ich mich wohl in meinem Körper – die Jojo-Falle habe ich bisher erfolgreich umschifft. Ich halte mich an die Anweisungen von Dr. Kogelnig und nach wie vor wirkt die Schulung meines Fastenaufenthalts im Parkhotel Igls nach. Auch meinen Vorsatz, wöchentlich einen Fastentag einzulegen, halte ich ein. Meine Körperwahrnehmung hat sich verändert: Ich kann kaum noch glauben, dass sich vor wenigen Wochen noch kleine Ringe und Röllchen um Hüften und Taille gelegt haben. Meinem Darm gönne ich in regelmäßigen Abständen eine Auszeit und verwöhne ihn mit warm-feuchten Leberwickeln. Ich habe das Gefühl: Alles wird gut! PS: Meine neue Zugehfrau ist eine echte Perle! 60 Tage nach der Kur – Mittwoch, 1. Mai Gewicht: 64,8 Kilogramm Ernährung: ein Riesenfrühstück mit Lachs, weichem Ei und Croissant beim besten Konditor der Stadt zum Frühstück, Mittagessen ist entfallen, Spaghetti mit frischem Knoblauch und Parmesan zum Abendessen Bewegung: 60-km-Radtour mit Justus Zeitung: Tageszeitung 17.30 Uhr Mein Gefühl hat mich nicht getrogen: Alles ist gut! Meine Ehe, die noch vor kurzer Zeit auf wackeligen Beinen stand, hat erneut ein festes Fundament gefunden – in unserer Liebe und unserem gegenseitigen Vertrauen. Die neue Elli Heldenstein hat ihren Platz im Leben gefunden – mit Fasten? Mit Fasten! So unglaublich es auch klingt: Dieser Fastenaufenthalt im Parkhotel Igls hat mein gesamtes Leben verändert. Möge dieses wunderbare Gefühl noch eine ganze Weile anhalten. Meine Ziele und ihre Umsetzung: Ziel 1: Kleinere Portionen auf dem Teller machen auch satt Umgesetzt! Doch nur bei langsamem, bewusstem Essen kann dieses Ziel auch verwirklicht werden. Bin ich im Stress und damit in der Versuchung, mir schnell ein Häppchen oder mehr in den Mund zu stecken, verfehle ich dieses Ziel. Ein schön angerichteter Teller, mindestens eine halbe Stunde Zeit, ein Telefon, das schweigt, und eine kleine Portion führen zum langfristigen Erfolg, das Gewicht auch zu halten. PS: Warnung – langsames Essen kann allerdings dazu führen, dass mitessende Personen in der Zwischenzeit das Doppelte verspeisen. Ernährungs- & Rezepttipps aus dem Parkhotel Igls » Ziel 2: Wöchentlich einen Kurtag einlegen Teilweise umgesetzt! Vor allem nach Wochenenden, an denen ich mehr als notwendig gegessen habe, hat sich die „Montagsdiät“ bewährt. Dabei halte ich mich streng an die Kur: Brötchen und Joghurt zum Frühstück und zu Mittag. Abends nur Tee. Der regelmäßige Rhythmus von einem Kurtag wöchentlich hat sich leider nicht einhalten lassen. Ziel 3: Täglich mindestens dreißig Minuten die Tageszeitung lesen Umgesetzt! Und es macht unglaublich Spaß, nicht nur die Zeitungen vom Postkasten an den Tisch und vom Tisch ins Altpapier zu tragen. Eine belesene Frau ist eine sexy Frau! Ziel 4: Gesünder kochen und ein Bambuskörbchen zum Dämpfen besorgen Teilweise umgesetzt! Dass Kochen mit frischen und gesunden Zutaten aus biologischem Anbau, und auf dem Markt gekauft, doppelt so viel Spaß macht, hat sich bewiesen. Das Bambuskörbchen hab ich bislang nicht gekauft und ganz ehrlich: Ich werde es mir auch nicht mehr kaufen. Obwohl es mich an Markus, meinen Lieblingskoch, erinnern würde. Ziel 5: Die fünf größten Fehler beim Essen zukünftig vermeiden Teilweise umgesetzt! Noch einmal zur Erinnerung: zu schnell essen: Tatsächlich lässt sich das langsame Kauen nicht immer und überall umsetzen. Vor allem in Gesellschaft ist es ungeheuer kompliziert, sich an einem Tischgespräch zu beteiligen, wenn man sich dabei fühlt wie eine wiederkäuende Kuh. Aber allein und zu Hause ist das langsame Kauen der pure Genuss. zu viel essen: Mein täglicher Bedarf an Nahrungsmitteln hat sich seit der Fastenkur drastisch verringert. Die normalen Portionen in unserem Haushalt sind sichtlich geschrumpft. Essen wir auswärts, lasse ich meist einen kleinen Rest auf dem Teller übrig. Nicht aus Anstand, sondern weil ich satt bin. zu oft essen: Auch dieses Ziel lässt sich nur teilweise umsetzen. Hin und wieder ertappe ich mich dabei, mir gedankenverloren ein Stück Brot oder eine Hand voll Weintrauben in den Mund zu stecken. Die vier bis fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten lassen sich damit nicht einhalten. Aber generell achte ich weiterhin darauf, nicht zu oft und in zu geringen Abständen zu essen. das Falsche essen: Das „Prinzip Schulung“ hat tatsächlich gegriffen. Denaturierte Produkte sind mir nach wie vor ein Graus. Rotes Fleisch, Süßigkeiten, Zucker im Kaffee hab ich ganz oder teilweise von meinem Speiseplan gestrichen. um die falsche Zeit essen: Auch hier hat sich ein völlig neues Bewusstsein gebildet. Esse ich sehr spät am Abend, wache ich gegen vier Uhr morgens auf und kann nicht wieder einschlafen. Der Morgen beginnt mit Magen- und/oder Kopfschmerzen. Den besten Schlaf finde ich, wenn ich nach 19 Uhr gar nichts mehr zu mir nehme. Dass mir diese Tatsachen nicht schon früher aufgefallen sind? Ziel 6: Ein Tagebuch führen Umgesetzt! Ich habe mir ein wunderschön besticktes Tagebuch gekauft. Auch wenn ich nicht täglich darin schreibe, hilft es mir dennoch von Zeit zu Zeit, mich zu strukturieren und meine Gedanken in Form zu bringen. Damit gönne ich mir eine Zeit des Rückzugs in meine eigenen vier Wände. Ziel 7: Ein eigenes Zimmer einrichten Umgesetzt! Es war wohl das größte meiner Ziele oder zumindest das, dass mit den größten räumlichen Veränderungen einhergegangen ist. Mein eigenes Zimmer erfüllt mich mit Stolz und macht mich unendlich glücklich. Ich habe es in wunderbaren Farben und Stoffen eingerichtet und es zu meiner eigenen Wohlfühloase gemacht. Niemand hat dort Zutritt, so wie ich mir das vorgenommen habe. Ein großer Tisch, an dem ich malen kann. Ein Lehnstuhl mit einer schönen Lampe, in dem ich mein Tagebuch schreibe und meine Zeitung lese. Ein Fenster mit Aussicht und eine Vielzahl kleiner Mitbringsel, Erinnerungsstücke und Fotos machen mein Zimmer zu meinem neuen Paradies. Ziel 8: Einmal im Jahr alleine in den Urlaub fahren Noch nicht umgesetzt! In diesem Jahr war ich alleine im Parkhotel Igls und es war ein erster großer und wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Justus und ich werden in diesem Jahr gemeinsam und ohne Kinder nach Venedig fahren. Vielleicht steht auch noch ein gemeinsamer Familienurlaub auf dem Plan. Doch im nächsten Jahr heißt es auch für mich alleine wieder: Koffer packen und alles hinter mir lassen! Ziel 9: Mich regelmäßig bewegen Teilweise umgesetzt! Ich hab mir Laufschuhe und Nordic-Walking-Stöcke gekauft, so wie ich mir das vorgenommen habe. Der Vorsatz zur Morgengymnastik hielt nur zwei Tage, meine Muskeln haben sich leider wieder verabschiedet. Das Walken hat mich ebenfalls nicht befriedigt: Ich hab gemerkt, dass Sport mir nur Spaß macht, wenn ich ihn nicht alleine ausüben muss. So hab ich mit Ines eine regelmäßige Nordic-Walking-Tour eingeplant, einmal pro Woche heißt es dann: „Auf die Stöcke, fertig, los.“ Eine völlig neue Errungenschaft ist mein Besuch eines Tanzkurses. In der Gruppe und mit Musik macht Bewegung Spaß. Bewegungstipps aus dem Parkhotel Igls » Ziel 10: Keine Häppchen und Schnittchen zwischendurch essen Teilweise umgesetzt! Doch es braucht jede Menge Disziplin, um die guten Gewohnheiten ins Leben zu integrieren. Ich arbeite täglich daran. Der Blick auf die Waage aber bestätigt mir, dass ich nicht so falsch liege. Ziel 11: Die Fastenzeit als Zeit des Innehaltens und Verzichts zu nutzen Umgesetzt! Viel hat sich getan während dieser Fastenzeit – tiefe und klärende Gespräche mit Justus haben diese Zeit geprägt. Der kulinarische Verzicht fiel nicht schwer. Es stellte sich eine Leichtigkeit des Seins ein, die mir bisher völlig unbekannt war. Den Abschluss der diesjährigen Fastenzeit bildete der Kreuzweg am Karfreitag. Was in Igls mit dem Aschekreuz begann, endete damit in ähnlich spiritueller Weise mit dem Osterfest. Ein unglaublich ergreifender Moment für mich. Ziel 12: Nicht in die Jojo-Falle tappen. Bisher bravourös umgesetzt! Dr. Kogelnig sei Dank! Sein Vortrag hat Früchte getragen. Ziel 13: Dankbar sein für das, was war Ein tägliches Üben! Die Erfahrung des Fastens im Parkhotel Igls brachte weitreichende Veränderungen für mich und mein Leben mit sich. Und nicht nur für mich – meine gesamte Familie hat sich parallel zu meiner persönlichen Entwicklung und Reifung verändert. Wir haben nach langen Jahren des Auseinanderdriftens wieder zueinander gefunden. Dafür bin ich dankbar. Ich bin dankbar für die Erfahrung des Fastens und dass Tag für Tag für mich gesorgt ist. Ich erhalte genug von all den Elementen, die mich ausmachen. Ich spüre die Wärme der Sonne auf meiner Haut, ich sehe die bunte Vielfalt dieser Welt, ich höre die Stimmen der Menschen, die ich liebe. Dafür bin ich dankbar. Ich habe erneut Vertrauen in mich und mein Leben gefunden. Was immer das Fasten in meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele bewirkt hat: Es ist gut so, wie es ist. Kleine Chronik des Parkhotels Igls Tipp: auf unserer Webseite mit vielen Illustrationen lesen » Der erste Flügel des heutigen F.-X.-Mayr-Zentrums im Parkhotel Igls wird errichtet. Schon damals wurden die Weichen für qualitätsvollen Gesundheitsurlaub auf höchstem Niveau gestellt. Igls war zu Zeiten Kaiser Franz Josefs offiziell ein Luftkurort. Ein Hotelprospekt des Parkhotels Igls bestätigt, dass das Haus sich bereits auf physikalisch-diätetische Höhenkuren spezialisiert hat. So ist dort nachzulesen: „Das Hotel-Sanatorium Igls ist nicht eine klinische Heilanstalt für Schwerkranke, sondern ein feinbürgerliches Familienhotel mit Ärzten, angegliederter Kur- und Badeanstalt und besonderer Diätküche.“ 1930er- und 1940er-Jahre In den Wirren der Dreißiger- und Vierzigerjahre beherbergt das „Hotel-Sanatorium Igls“ Umsiedler aus Südtirol, dient als Erholungsheim für Mütter mit Kindern und schließlich als Unterkunft für französische Soldaten. Auch Menschen, die im Krieg ihr gesamtes Hab und Gut verlieren, finden dort ein provisorisches Dach über dem Kopf. Das recht heruntergekommene einstige Sanatorium wird nach der Freigabe ein provisorisches Garni. Das Haus findet mit Hertha Balzar einen neuen guten Geist. Unter ihrer Obhut und Fürsorge verschwinden die Zerstörungen der Kriegs- und Nachkriegszeit schnell. Die ursprünglichen Pläne eines Sanatoriums wurden von dem frühen Tod von Dr. Balzar durchkreuzt. So entsteht ein modernes Hotel der Kategorie A mit 90 Betten, individuell gestalteten Zimmern und Appartements, mit Hallenbad, Tennisplatz und großem Naturpark. 1990er Zu Beginn der 90er-Jahre besinnt man sich im Parkhotel Igls wieder auf die ursprünglichen Pläne eines Sanatoriums und rückt die Gesundheit der Gäste erneut in den Fokus. Im praktisch neu errichteten Ostflügel werden medizinische Einrichtungen integriert. Mit Dr. med. Martin Winkler findet das Parkhotel einen erfahrenen medizinischen Leiter, der mit seinem Team die bewährte diagnostische und therapeutische Tradition nach Dr. med. Franz Xaver Mayr fortführt. Während einer Umbauzeit von zwei Monaten werden große Teile des Parkhotels Igls neu gestaltet und eingerichtet. In vielen Zimmern werden Fenster, Bäder und sanitäre Einrichtungen komplett erneuert. Dabei handelt es um keine spektakuläre Neugestaltung, sondern um aufwändige Sanierungsarbeiten, um dem Gast eine wirklich gute Herberge für die Zeit seiner Kur zu bieten. Im Zuge der Übernahme des Hotels durch eine Betreibergesellschaft wird das Parkhotel zum „F. X. Mayr-Zentrum Parkhotel Igls“. 2009 In nur sechs Monaten wird das Parkhotel um- und ausgebaut. Ein neu errichtetes Hallenbad im Erdgeschoss, ein Panorama-Fitnessraum, eine neue vierte Etage mit Zimmern im Luxusbereich sowie eine Tiefgarage zählen zu den größten Veränderungen. Die medizinische Abteilung wird ebenso erweitert wie die Bäderabteilung, zudem wird Wert auf Barrierefreiheit und ökologische Gesichtspunkte wie etwa Warmwasseraufbereitung durch Solarzellen gelegt. Zur Autorin: Franziska Lipp, geboren 1976, studierte Soziologie und Kommunikationswissenschaften. Sie lebt und arbeitet als freiberufliche Journalistin und Werbetexterin in Salzburg. Ihre Romanheldin „Elli Heldenstein“ erweckte sie während eines vierzehntägigen Kuraufenthalts im Parkhotel Igls zum Leben. Seither versucht sie täglich, ihrem liebenswerten Vorbild nachzueifern: Das Leben nicht zu ernst zu nehmen und die Moderne Mayr-Medizin als gesunde Variante des Verzichtes und als Weg der inneren Erkenntnis in ihr Leben zu integrieren. Impressum: Alle Aussagen und sämtliche Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. ### Glück im Bauch ist auch als Taschenbuch für EUR 12,90 erhältlich. Bestellung unter info@parkhotel-igls.at oder telefonisch: +43 512 377 305. Der Versand erfolgt versandkostenfrei. Ernährung, Bewegung und Regeneration auf Basis der Modernen Mayr-Medizin Parkhotel Igls, Tel. +43 512 - 377 305 www.parkhotel-igls.at | info@parkhotel-igls.at Find us on Facebook! www.facebook.com/parkhotel.igls Subscribe to our blog! www.parkhotel-igls.at/gesundheitsblog