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Beim kritischen Rationalismus Karl Poppers,[3] mit dem ich mich ebenfalls beschäftigte, fiel mir auch ein Mangel in der Selbstreflexion auf, und zwar im Hinblick auf eine meiner Meinung nach nicht gerechtfertigte Leugnung jeglicher Elemente mit induktivem Charakter.[4] Obwohl ich keiner Methode die verläßliche Annäherung an eine unter allen Umständen tragfähige Wahrheit zutraue, lehne ich den totalen Anarchismus eines Paul Feyerabend[5] ab. Die Rechtfertigung meiner diesbezüglichen Ansicht gehorcht dabei ihr selbst innewohnenden Grundsätzen und entspringt letztlich zumindest scheinbar erfahrenen, kritisch gegeneinander abgewogenen Erlebnissen. Bei allen Überlegungen in diesem Kontext war mir die Reflexion über die Konsequenzen in religiöser, ethischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht das eigentlich Wesentliche.

2. Was weiß ich wirklich?[6]

Nach dem Zusammenbruch meines religiösen Weltverständnisses und der Unhaltbarkeit eines zwischenzeitlichen naiven Materialismus infolge der modernen Physik machte sich in mir eine generelle Unsicherheit breit. Wer garantiert, daß die neueren Theorien, die teilweise dem sogenannten gesunden Menschenverstand zu widersprechen scheinen, nicht ebenfalls falsch sind?

Zum einen ist es so, daß ein großer Teil der von Wissenschaftlern und anderen Fachleuten publizierten experimentellen Befunde von mir einfach geglaubt und in der Regel mit einer vorgefertigten Deutung übernommen werden müssen, da mir Mittel, Zeit etc. fehlen, um diese zu prüfen. Vielfach sprechen vereinzelte punktuelle persönliche Erlebnisse oder technische Errungenschaften für eine gewisse Glaubhaftigkeit der behaupteten „Sachverhalte“. Bei manchem, etwa die Relativitätstheorie betreffend, habe ich allerdings Vorbehalte.

Zum anderen ist aber auch dem eigenen sinnlichen Eindruck oft nicht zu trauen. Besonders faszinierte mich in diesem Zusammenhang eine schlicht gestaltete Anordnung in einem technischen Museum, die dort vermutlich im Zuge einer Sonderschau gezeigt wurde. Es handelte sich um einen in Graublau gehaltenen Guckkasten. Dabei blickte das linke Auge direkt durch eine Öffnung auf eine Comicfigur in grellen Farben an der sonst eintönigen Rückwand, während der Blick des rechten Auges durch einen Spiegel in 45° Anordnung auf die rechte Wand des Kastens im gleichen Graublau gelenkt wurde. Es war bereits seltsam festzustellen, daß man beim gleichzeitigen Blick mit beiden Augen nicht merkte, daß das optische Bild der Comicfigur nicht ins rechte Auge gelangte. Noch verblüffter war ich, als ich anweisungsgemäß meine rechte Hand durch eine Öffnung in die Box hielt, direkt an die Stelle, die über den Spiegel vom rechten Auge eingesehen wurde. Solange die Hand ruhig gehalten wurde, war diese nicht zu erkennen. Wurde sie jedoch bewegt, so verschwand die grelle Comicfigur aus dem Gesichtskreis und die Hand tauchte an ihrer Stelle auf. Bei erneutem Innehalten wurde letztere wieder von der erwähnten Figur aus dem Blickfeld verdrängt. Das Phänomen war ohne Probleme reproduzierbar und machte auf mich einen stärkeren Eindruck als unzählige andere Beispiele für optische Täuschungen, Effekte um den blinden Fleck etc., die man ja von Kindheit auf kennt.

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