Das Mädchen, von dem ich hier erzähle, hieß Trude Sokopp. Sie war gerade neun Jahre alt, als sie ins Waisenhaus kam. Das war 1936. Im Jahr 1950 heiratete sie und hieß dann Trude Auer. Bald darauf, im Jänner 1951, wurde ich geboren, ihr ältester Sohn. Vier Jahre später wurde mein Bruder geboren, und nach noch einmal vierzehn Jahren meine Schwester. 1986 war meine Mutter 60 Jahre alt. Damals bat ich sie, mir die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend zu erzählen.

Die Sokopps stammen aus Gruschbach in Mähren. Der Großvater meiner Mutter, mein Urgroßvater also, und meine Urgroßmutter sind von dort gekommen. Sie haben sich schon als Kinder gekannt, sagt meine Mutter, und sind miteinander “gegangen”, seit sie zwölf und er sechzehn war. Mit achtzehn hat sie ihr erstes Kind gekriegt.

Der Großvater meiner Mutter war einer der Mitbegründer der österreichischen Metallarbeitergewerkschaft. Sein Beruf war “Metalldrucker”. Soviel ich weiß, ist es dabei um das kalte Verformen von Blechen gegangen. Wegen seiner Gewerkschaftsarbeit hat er eine Stelle nach der anderen verloren,hat auch ins Gefängnis müssen. Lange Zeit hat er in Wien keine Arbeitserlaubnis gehabt, deswegen ist er nach Kärnten gegangen. Dort ist mein Großvater geboren worden, der Vater meiner Mutter, der Jakob Sokopp. Und am Ende ist meinem Urgroßvater nichts anderes übriggeblieben, als sich selbständig zu machen, weil man ihn nirgends mehr arbeiten hat lassen. Er hat eine kleine Werkstatt aufgemacht, zuerst in der Laxenburgerstraße und dann in der Buchengasse in Favoriten,das ist der 10. Bezirk von Wien. Und hat sich so recht und schlecht durchgeschlagen, sagt meine Mutter. Ursprünglich haben sie vierzehn Kinder gehabt, aber groß geworden sind nur acht.



Lieber Gott, gell, es macht nichts, daß ich soviel weinen muß? Ich kann's schon so, daß man nichts hört in der Nacht im Bett. So ist es nicht so schlimm, gell? Wenn ich eh niemand stör.

Am Häusl kann ich nicht weinen. Am Tag dürfen wir nicht raufgehen zu den Klos beim Schlafsaal, und unten haben wir nur vier. Zwei für die Mädchen und zwei für die Buben. Da gehn sie sich immer gleich beschweren, wenn ich da drin bleib und weinen muß.

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